Marcel Musolf, der Bürgermeister von Bissingen, überzeugte die Esslinger Kreisräte. Foto: Ines Rudel

Der Bürgermeister von Bissingen/Teck ist zum Nachfolger des Esslinger Landrats Heinz Eininger gewählt worden – mit deutlicher Mehrheit. Von der AfD hat sich Marcel Musolf bei seiner Vorstellung klar abgegrenzt. Erhielt er trotzdem Stimmen von Rechtsaußen?

Mit 25 Jahren wurde er jüngster Bürgermeister im Land, mit 33 Jahren jüngster wiedergewählter Rathauschef. Nun kann Marcel Musolf seiner Vita einen weiteren Superlativ hinzufügen: aktuell der Jüngste zu sein in der Riege der 35 Landräte in Baden-Württemberg. Am Freitagabend wählte der Esslinger Kreistag den 39-Jährigen zum Nachfolger von Amtsinhaber Heinz Eininger. Der Kreisrat und Kandidat der Freien Wähler setzte sich bereits im ersten Wahlgang gegen seinen Konkurrenten von der CDU, den Horber Oberbürgermeister Peter Rosenberger, durch.

 

Die Erleichterung war Marcel Musolf ins Gesicht geschrieben. „Dass das Ergebnis so klar ausfällt, war nicht vorhersehbar. Der große Vertrauensvorschuss ist aber umso schöner“, kommentierte er freudestrahlend den Wahlausgang. 53 von 93 abgegebenen Stimmen konnte er auf sich vereinen – und damit fünf Stimmen mehr als erforderlich. Die kamen demnach nicht nur aus den eigenen Reihen und der SPD-Fraktion, die ihm schon frühzeitig ihre Unterstützung zugesichert hatte. Wem er letztendlich den Sieg zu verdanken hat, lässt sich nicht konkret benennen, denn die Wahl erfolgte in geheimer Abstimmung.

Der Vorsitzende der AfD, Ulrich Deuschle, beanspruchte die Rolle des Mehrheitsbeschaffers zwar für seine zehnköpfige Fraktion: Man habe eine Entscheidung im ersten Wahlgang herbeiführen und einen von Schwarz-Grün getragenen Kandidaten verhindern wollen, beeilte er sich zu erklären. Der Fraktionschef der Freien Wähler, Bernhard Richter, hält dies indes für eine Finte. Er äußerte die Überzeugung, dass ihr Kandidat Stimmen aus jenen Fraktionen erhielt, die sich zuvor nicht positioniert hatten – und mutmaßlich auch von einigen „Abweichlern“ aus dem Rosenberger-Lager. Marcel Musolf selbst missfällt die mögliche Schützenhilfe vom rechten Rand: „Ich habe mich in meiner Rede und in der Fragerunde eindeutig von der AfD abgegrenzt.“ Er versicherte dem Gremium, auch im Vorfeld keinerlei Gespräche geführt zu haben.

Musolf: Kann ohne lange Vorlaufzeit ins Amt starten

Der Bissinger Bürgermeister, der seit zehn Jahren im Esslinger Kreistag vertreten ist, präsentierte sich dem neu zusammengesetzten Gremium souverän als „Kandidat aus dem Landkreis, der sich mit Kompetenz, Gestaltungskraft und Leidenschaft“ um das Amt des Landrats bewirbt. Er verwies auf eineinhalb Jahrzehnte Berufserfahrung in kommunalen Spitzenämtern und hob hervor, dass er die örtlichen Strukturen, Institutionen und vor allem die Menschen hier kenne. Er könne „ohne lange Vorlaufzeit in das Amt starten“.

In seiner lebendig gehaltenen Vorstellungsrede rief Marcel Musolf den Kreisräten zu: „Für die anstehenden Herausforderungen im Landkreis werden wir Mut brauchen. Mut für neue Ideen.“ Dies gelte insbesondere in den Bereichen Inklusion und Kinderbetreuung, bei der schulischen Bildung und dem Übergang ins Berufsleben, der medizinischen Versorgung und beim Thema Wohnen. Auf seiner Agenda stehen zudem Wirtschaftsförderung, Klimaschutz, Digitalisierung, Infrastruktur und Mobilität, eine faire Finanzpartnerschaft zwischen Kreis und Kommunen sowie eine Kreisverwaltung, die sich als fortschrittlicher Dienstleister versteht, ganz oben.

Menschen auf Augenhöhe begegnen

Angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen gelte es, das Vertrauen der Bürgerschaft in die Kommunalpolitik zu stärken, betonte Marcel Musolf. Der Schlüssel dazu seien Dialog und Transparenz. „Ich habe schon viele Ziele gesetzt, viele Wege dorthin erklärt und einen Großteil davon auch erreicht. Dabei habe ich aber wenige Versprechungen gemacht und die Versprechungen, die ich gemacht habe, auch gehalten.“ Nur verlässliche Lösungen und beharrliche Umsetzungen würden Vertrauen schaffen.

Er selbst nimmt für sich „ein neues Führungsverständnis“ in Anspruch. Auf Augenhöhe den Menschen zu begegnen, zuzuhören und insbesondere die Kreisräte mit ihren Ideen und Vorstellungen ernst zu nehmen, das sei sein „Grundton“ im gemeinsamen Umgang. „Lassen Sie uns gemeinschaftlich, konstruktiv nach Lösungen mit breiten Mehrheiten suchen und dabei auch neue Wege in den Blick nehmen“, warb er um das Vertrauen der Kreisräte.

Zu den ersten Gratulanten gehörten neben Amtsinhaber Heinz Eininger auch Marcel Musolfs Ehefrau. Ihr dankte er ausdrücklich für die Unterstützung bei seiner Kandidatur: Seine Ambitionen auf das Amt habe er ihr auf einer Autofahrt offenbart, „da konnte sie nicht davonlaufen“. Er bedankte sich aber auch bei seinem Kontrahenten Peter Rosenberger für einen fairen Wahlkampf und den guten Umgang miteinander.

Was macht ein Landrat?

Funktion
Ein Landrat ist oberster kommunale Beamter eines Landkreises. Er wirkt als Repräsentant nach außen und nach innen als Chef der Kreisverwaltung. Als Vorsitzender des Kreistages und seiner Ausschüsse beruft er Sitzungen ein, bereitet diese vor, leitet sie und sorgt für die Umsetzung der Beschlüsse.

Verwaltung
Der Esslinger Landrat leitet eine Behörde mit fast 2500 Mitarbeitenden in verschiedenen Ämtern. Am bekanntesten ist wohl die Kfz-Zulassungsstelle. In die Zuständigkeit fallen aber auch die Bau- und Kommunalaufsicht für die kleineren Städte und Gemeinden, der Umweltschutz, die Jugendhilfe und der Katastrophenschutz, die Krankenhäuser, die Abfallwirtschaft, der öffentliche Nahverkehr sowie die Berufs- und Sonderschulen.

Gehalt
Die Besoldung eines Landrates richtet sich nach der Einwohnerzahl des Landkreises. Der neue Esslinger Landrat wurde in die Besoldungsgruppe B 8 des Landes Baden-Württemberg eingeordnet. Das hat der alte Kreistag als eine seiner letzten Amtshandlungen beschlossen. Das Grundgehalt des obersten Kommunalbeamten liegt laut der Besoldungstabelle bei monatlich 11 764,14 Euro.