Marcel Duchamp in der Staatsgalerie Stuttgart Eros – das ist das Leben

Von Nikolai B. Forstbauer 

Vordenker oder Scharlatan? Die Denk-, Bild- und Objektwelt von Marcel Duchamp (1887-1968) spaltet bis heute. Die Staatsgalerie Stuttgart wagt eine Annäherung. Die Schau „Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ lohnt unbedingt, findet „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - 2005 veröffentlicht der Surrealismus-Experte Werner Spies eine Textsammlung mit dem Titel „Duchamp starb in seinem Badezimmer an einem Lachanfall“. Ein kühner Schluss, das ist klar – und doch leicht zu erkennen ein doppelter Hinweis: auf das Selbstverständnis Marcel Duchamps wie auch auf die Literatur als ständige Referenzebene ­seines Schaffens.

Duchamp stirbt nach einem vergnügten Literaturabend

Was stimmt, ist: Marcel Duchamp stirbt in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1968. Seine Frau findet ihn im Badezimmer seiner Wohnung in Neuilly. Die Freunde ­Robert und Nina Lebel sowie Man Ray und dessen Frau Juliet waren zu Besuch gewesen, alle sprechen von einem vergnügten Abend. Amüsiert habe sich Duchamp, so heißt es, insbesondere bei der gemeinsamen Lektüre von Alphonse Allais. Werner Spies geht so weit, Allais’ Spiel mit Paradox, Umstellung und Ironie habe Duchamp in einen nicht mehr zu stoppenden Lachanfall getrieben.

Werner Spies holt Duchamp vom Sockel der Unantastbarkeit

Mit einer Anekdote holt Werner Spies, dessen Auseinandersetzung mit dem ­Surrealismus 2002 in der im Pariser Centre Pompidou als fulminanter Dialog von ­Literatur, Kunst und Musik präsen­tierten Schau „La Revolution surréaliste“ gipfelt, vom Sockel vermeintlicher ­Unan­tastbarkeit.

Staatsgalerie Stuttgart mit Duchamp-Zaubertrick

Und wie kann man sich heute dem doch bald wieder in die Rolle des Übervaters der Moderne entrückten Marcel Duchamp ­nähern? Die Staatsgalerie Stuttgart ­versucht es mit einer Art unabsichtlichem Zaubertrick: So wie der Schweizer Künstler und Autor Serge Stauffer es 1960 wagt, ­Marcel Duchamp 100 Fragen zu dessen Schaffen zu senden (die Duchamp postwendend beantwortet), gibt sich die von Susanne M.I. Kaufmann erarbeitete Ausstellung in der Stirlinghalle den Ton einer Fragerunde mit offenem Ausgang – um in ihrer Mitte den eher unterschätzten Zeichner Marcel ­Duchamp brillant auftreten zu ­lassen.

In der Sache radikal, im Vorgehen klassisch

Mehr noch: Deutlich wird, wie sehr für Duchamp, der mit seiner Abkehr von der Malerei 1912 und den zu Ikonen einer Zweiten Moderne gewordenen Werken „Fahrrad-Rad“ (1913), „Flaschentrockner“ (1914) und „Fontäne“ (1917) erstmals radikal die Frage nach dem System Kunst stellt, zugleich einer klassischen Spur folgt.

Auch Duchamps „Großes Glas“ spielt mit Variation und Vollendung

„Variation und Vollendung“ lautet der ­Titel der Ausstellung, mit der die Staats­galerie aktuell dem Interesse des Plastikers Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) an unterschiedlichen Gussmaterialien nachspürt. Und um Variation und ­Vollendung geht es sehr wohl auch Marcel Duchamp. 1915 beginnt er mit der Arbeit an einem Projekt, das als „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar“ sowie unter dem Titel „Großes Glas“ bekannt wird.

Verrätselung der Sehnsüchte

Über Jahrzehnte entwickelt sich ein eigener Kosmos, mehr und mehr wird das „Große Glas“ zum Sinnbild surrealer Verrätselung der Sehnsüchte, Abgründe, heller und dunkler Träume der Liebe. Ein Glasbild entsteht, das kein Bild ist, sondern ein Objekt, das mit schwerem Holzrahmen und zwei „eingehängten“ Glasscheiben kaum zufällig an einen wissenschaftlichen Aufschrieb erinnert. Die Scheiben zerbrechen bald, die dominierende Szenerie der „Junggesellenmaschine“ aber, eine technoide Verkapselung männlicher Sehnsüchte, entwickelt Duchamp ständig weiter – in feinsten Radierfolgen ebenso wie in Miniatur in den sein Schaffen summierenden „Schachteln“.

100 reale neue Fragen an Marcel Duchamp

Wie ernst es Marcel Duchamp mit dem Eros aus dem Kunstkoffer ist, zeigt zudem, dass er 1919 seinen Namen ändert. Duchamp signiert als Rose Sélavy, dann als Rrose ­Sélavy, ein Spiel mit der Lautfolge „Eros, c’est la vie“.

Wie also nähert man sich einem, der als Maler die Stile seiner Zeit durcharbeitet und nach 1912 auszieht, die Kunstwelt auf den Kopf zu stellen, den Weg zu künstlerischen Handlung als die eigentliche Praxis skizziert? Wie geht man um mit den neuen ­Sockeln, auf denen Duchamp als Vater der Konzeptkunst ebenso gefeiert wird wie als ­Vordenker der kuratorischen als künst­lerischer Praxis?

Man fragt einfach nach. Nicht anders als Serge Stauffer 1960. Und so bietet denn die Schau „Duchamp – 100 Fragen, 100 Antworten“ genau dies: 100 Fragen an das Werk von Marcel Duchamp, nachzulesen auf 100 Postkarten. Joseph Kosuth hat diese gestaltet, längst selbst schon als Vaterfigur der Idee gefeiert, die künstlerische Methodik selbst als einzig gültige Kunst zu verstehen.

Zum Finale ein Raum von Joeph Kosuth

Kaum von ungefähr erlaubt sich „Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ zum Finale ein Hauch Pathos: Ein von ­Joseph Kosuth geschaffener Raum empfängt die Besucherinnen und Besucher, um ihre Fragen an Marcel Duchamp zu notieren – und entlässt sie zugleich aus der Ausstellung.

Volkswagen-Stiftung ermöglicht Aufarbeitung des Stauffer-Archivs

Diese – möglich erst durch Gelder der Volkswagen-Stiftung für die Aufarbeitung der Marcel Duchamp geltenden und noch von Ulrike Gauss 1993 in die Staatsgalerie geholten Schätze Serge Staufers – folgt ganz Duchamps Idee der „roten“, der „grünen“ und der „weißen Schachtel“: Die Stirlinghalle ist offen gehalten, verbirgt ihre technoiden Charme nicht.

Der Museumsraum als begehbares multimediales Archiv

Wohl bieten die 100 realen Fragen von ­Susanne M.I. Kaufmann und ihres Assistenten Christian Sandner eine Reling, auf der man sich an Deck des Gedankenschiffes von Duchamp sicher bewegen kann. Aber man kann doch in einzelnen Bereichen versinken wie in einem Archiv (mit dem Kernstück des Dialogs zwischen Serge Stauffer und Marcel Duchamp), wie ein einer Bibliothek, kurz: wie in einer Sammlung (und damit im Kernstück jedes Museums).

Staatsgalerie als Duchamp-Werkstatt

„Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ ist eine wunderbare Ausstellung, ist eine Werkstatt und – im Versuch, der Methodik Duchamps zu folgen – natürlich auch eine Behauptung. Man begegnet Hauptwerken wie „Die Schlägerei von Austerlitz“ (1921) – wie alle Ready Mades in der Schau erstmals in der von Duchamp geforderten Schattenräumlichkeit präsentiert, staunt über die Feinheiten von Blättern wie „Studie zur Schokoladenmühle Nr. 2“ von 1914, gerät mit den Filmexperimenten ­Duchamps in immer neue Entgrenzungen und versteht die Replik des Eigenkosmos „Die Braut von ihren Junggesellen nacht entblößt, sogar“ als zentralen Reflektor einer weit ausgreifenden künstlerischen ­Gedankenwelt.

Die Staatsgalerie Stuttgart ist zurück auf der Bühne der Streitbarkeit

„Marcel Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ holt die Staatsgalerie Stuttgart zurück auf die Bühne der Streitbarkeit. Das ist gut so – um so mehr als im Juni 2019 mit „Weißenhof ­City“ ein Ausstellungsprojekt folgen soll, in und mit dem Künstlerinnen und Künstler in der Staatsgalerie wie auch im Stadtraum Stuttgart die Festigkeit scheinbarer oder realer Moderne-Fäden untersuchen.

„Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ macht die Stirlinghalle ebenso zum Labor wie zur Wandelhalle. Immer bestimmt von einem leisen Lächeln, das sich Marcel ­Duchamp auch in seinen – hier erneut erlebbaren – berühmten Interviews der späten 1950er und frühen 1960er Jahre nicht ganz verkneift.

Marcel Duchamp in Kürze

1887 wird Marcel Duchamp in Blainville-Crevon geboren.

1904 besucht er die private Kunstschule Académie Julian, lässt sich dann beim Militär zum Drucker ausbilden.

1912 reist Duchamp nach ersten Ausstellungen in Paris nach München. Eine „Zeit der endgültigen Befreiung“, sagt er später. Von technischen Neuerungen begeistert, schreibt er: „Die Malerei ist am Ende“. Für seine Idee, Alltagsobjekte wie einen Flaschentrockner oder ein Urinal zu signieren und zum Kunstwerk zu erheben, prägt er 1915 den Begriff „Readymade“.

1915 bis 1919 erstmals in New York, zieht er 1942 ein zweites Mal an den Hudson.

1963 beginnt mit der Retrospektive in Pasadena eine Reihe großer Ausstellungen, 1965 in der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

1968 stirbt Marcel Duchamp in der Nacht zum 2. Oktober im Pariser Vorort Neuilly.

„Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ – Zeiten und Preise

Öffnungszeiten: „Marcel Duchamp – 100 Fragen. 100 Antworten“ ist zu sehen von diesem Freitag, 23. November, an bis zum 10. März 2019 (Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr).

Preise: Der Eintritt kostet 12 Euro (ermäßigt 10 Euro) und schließt den Besuch der Sammlungsräume mit ein. Kinder und Jugendliche bis einschließlich 20 Jahre haben, ermöglicht durch die L-Bank, freien Eintritt. Der umfassende Katalog (Prestel-Verlag) kostet 34,90 Euro.

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