Marc Benioff (rechts) ist Technologievisionär – und sozialer Erweckungsprediger. Foto: ©Raymond Rudolph/Raymond Rudolph

Marc Benioff, Gründer und Chef des IT-Konzerns Salesforce, fordert vom Silicon Valley mehr soziale Verantwortung – und trifft damit zunehmend einen Nerv.

San Francisco - Bunte Kuschelsessel laden zum Entspannen ein. Wände und Säulen im obersten Stockwerk des seit 2018 höchsten Gebäudes in San Francisco sind von Pflanzen umrankt. Der Blick durch die Panoramafenster reicht vom Fährhafen Embarcadero über die Gefängnisinsel Alcatraz bis zur Golden Gate Brücke. Ohana-Stockwerk heißt die Etage, nach dem hawaiianischen Wort für Familie.

 

Die Höhenterrasse im 326 Meter hohen Hochhaus des IT-Konzerns Salesforce an der Mission Street ist keine Touristenattraktion. Das 61. Stockwerk ist für die Mitarbeiter und deren Gäste, aber auch für Spendengalas karitativer Organisationen reserviert. Das neue Wahrzeichen der Skyline von San Francisco soll ein Mahnmal in Richtung Silicon Valley sein, das sich südwärts im Dunst der Bay abzeichnet. Dort liegen die abgeschotteten Hauptquartiere von Apple, Google, Facebook oder Netflix. „Wir bieten unseren Mitarbeitern bewusst kein Gratis-Catering“, sagt im Salesforce-Turm die Tourführerin: „Wir wollen, dass sie hinausgehen in die Stadt und Geld in unserer Nachbarschaft lassen.“

Marc Benioff will anders sein als andere Tech-Größen

Ihr Chef, der Salesforce-Gründer Marc Benioff will anders sein. Marc – wer? Der 55-Jährige, der mit 5000 Menschen inzwischen der größte Arbeitgeber in San Francisco ist, steht im Schatten anderer IT-Größen. Was auch am Produkt liegt: Die Salesforce-Software ist für Firmen. Doch der 1999 gegründete Pionier der so genannten Cloud-Software im Internet und Konkurrent des deutschen Großanbieters SAP ist mit einem Jahresumsatz von umgerechnet zwölf Milliarden Euro ein heimlicher Aufsteiger. Ein Wachstum von mehr als einem Viertel im Jahr ist normal.

Doch Benioff wirkt mit seinem Gespür für gesellschaftliche Verantwortung in seiner Branche auf einmal wie ein Visionär. Als er Ende 2018 ein Referendum für eine lokale Unternehmenssteuer zum Kampf gegen die Obdachlosigkeit unterstützte, fuhr ihm Twitter- Chef Jack Dorsey öffentlich in die Parade. Mehr Staat? Für Tech-Größen ist das ein Tabu. Doch die Initiative kam mit Zweidrittelmehrheit durch.

Die spektakulärste Techno-Party in San Francisco

Seit 16 Jahren veranstaltet Benioff jedes Jahr die spektakulärste Techno-Party San Franciscos. Die Dreamforceist die größte von einem Unternehmen organisierte, derartige Veranstaltung der Welt. 170 000 Besucher wurden in den vergangenen Tagen nicht nur mit Produktbotschaften beglückt. Buddhistische Mönche luden täglich zur Meditation; auf dem Messegelände durften Welpen gestreichelt und adoptiert werden. Ex-Präsident Barack Obama machte die Aufwartung. Druckfrisch ließ der Salesforce-Chef sein neues Buch auslegen, wo er die Tech-Elite als Prediger wider deren Arroganz piesackt. Sie habe das Vertrauen der Menschen völlig verspielt. „Firmen und deren Führungskräfte können sich es nicht mehr leisten ihre unternehmerischen Ziele von den sozialen Fragen um sie herum zu trennen,“ schreibt Benioff. In der New York Times forderte er vor kurzem unter der Überschrift „Wir brauchen einen neuen Kapitalismus“ unter anderem höhere Steuern.

Benioff, ein Außenseiter, der nie ein Computer-Freak war, sondern Marketingmensch, hat von Anfang an seinem Unternehmen soziales Engagement verordnet. Ein Prozent des Eigenkapitals, ein Prozent der Arbeitskraft der Mitarbeiter und ein Prozent der Produkte und Dienstleistungen sind für soziale Zwecke reserviert. Ein Privatvermögen von sieben Milliarden Dollar, etwa 6,3 Milliarden Euro, hat er dennoch angehäuft.

Feldgottesdienst und Produktshow

Eröffnungsfeier zur Dreamforce ist Feldgottesdienst und Produktshow gleichzeitig. Doch kaum ist Benioff ein paar Minuten wie ein Erweckungsprediger durch das Publikum getigert, gibt es Misstöne. „Sie machen Konzentrationslager möglich!,“ ruft ein Mann. Salesforce verkaufe Software an die US-Grenzbehörde, die unschuldige Kinder einsperre. „Sie dürfen jetzt dreißig Sekunden reden, dann verlassen sie bitte den Saal“, sagt Benioff lässig. Sofort erscheint eine Stoppuhr auf der Leinwand und zählt die Sekunden, während der Störer seine Petition herunterrasselt. „Ich verteidige die Redefreiheit unseres ersten Verfassungsartikels“, ruft Benioff zu rauschendem Applaus, während der Mann abgeführt wird. Der Salesforce-Chef hatte zuvor in Interviews erklärt, dass er schwer mit sich gerungen habe, den Vertrag aber nicht auflösen werde. So ist das mit dem Geld und der Moral. Immerhin stellt er sich dem Konflikt.

Als Benioff eineinhalb Stunden später im „Kamingespräch“ mit Apple Chef Tim Cook im Yerba Buena Center genau auf der Bühne sitzt, auf der die Apple-Legende Steve Jobs ihre Innovationen präsentiert hat, ist die Welt wieder in Ordnung. Cook nutzt die Bühne, um als Moralist nicht hintanzustehen. Der Schutz der Privatsphäre fließe bei Apple in jedes Produkt ein. „Wir haben das kühne Ziel, nur noch wiederverwertete Materialien für unsere Produkte zu verwenden und nichts mehr aus der Erde selber zu nehmen“, sagt Cook. Und lauten Applaus erntet er, als er sich für den Schutz von jungen, illegalen Einwanderern einsetzt, die als Kinder in die USA gekommen sind und die unter Präsident Trump von der Abschiebung bedroht sind.

Benioff ist kein einsamer Rufer mehr

Mit seiner Schwäche für Hawaii und indische Spiritualität lange als eitler Freak abgetan, trifft Benioff nun den Nerv in einem Land, das zu begreifen beginnt, was das Silicon Valley etwa mit seiner Demokratie anrichtet. Im Gegensatz zu Benioff, der vom Kinderkrankenhaus bis zur Obdachlosenhilfe generös für seine Stadt spendet, haben sich die Reichen aus dem Valley bisher kaum um die Probleme vor ihrer Haustür gekümmert. Wer durch die Region fährt, kann das mit Händen greifen.

Der schmale Bach San Francisquito Creek, der das ärmere East Palo Alto von Palo Alto, der Heimat der Stanford Universität trennt, erinnert dort an die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Jenseits der einzigen schmalen Brücke liegt die Straße, wo hinter hochgewachsenen Hecken verborgen der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg seine Villa hat. „Er hält ja oft nicht viel von Privatsphäre – aber seine eigene schützt er mit allen Mitteln“, sagt Matthew Smith. Er wohnt hier seit 15 Jahren und arbeitet als Rechtsexperte zurzeit für ein Start-up. Selbst für ihn ist die Wohnfläche, die er sich leisten kann, immer weiter geschrumpft. „Das Haus, wo ich vor sieben Jahren ausziehen musste hat die Miete von 5000 auf 10 00 Dollar verdoppelt.“ Doch das traurigste Symbol ist für ihn etwas anders: „Mit meinen Kindern kann ich nirgends mehr hin: Die Gokartbahn, die Bowlinganlage oder die Halle mit den Laserpointern – alle weg.“ Sie mussten Platz machen für Büros und teure Häuser.

Rund ums Apple-Hauptquartier wird die Mittelschicht verdrängt

Und während Apple-Chef Tim Cook im Kamingespräch über Nachhaltigkeit plaudert, kosten rund um das raumschiffartige, neue Hauptquartier von Apple die bescheidenen Häuser, in denen bisher die Mittelschicht wohnte, inzwischen zwei Millionen Dollar. Nur fünf Minuten Fußweg zur Arbeit sind im vom Verkehr geplagten Valley unbezahlbar. An der nächsten Hauptstraße ist dafür ein Wohnmobil hinter dem anderen geparkt. „Da wohnen Familien mit ihren Kindern“, sagt Smith lapidar. Alle 72 Stunden müssen sie umparken, dann werden sie auf der Staatsstraße toleriert. Die Stadt Cupertino hält ihre Straßen von diesem Problem sauber.

Doch manche glauben, dass Benioff sich überhebt. Naveed Sherwani, Seriengründer und Chef der Halbleiterfirma Sifive, hält die Erwartung, dass Technologieunternehmen soziale Fragen lösen sollten, für überzogen. „Wenn es um große Projekte, wenn es um Infrastruktur geht, dann ist das immer eine politische Frage“, sagt er. „Start-ups beispielsweise sind gut darin, präzise definierte Probleme zu lösen – sonst sind sie überfordert.“

Die Profite sprudeln bei Salesforce trotzdem

Der 73-jährige Peter Schwartz, der bei Salesforce den Titel des Konzern-Futurologen innehat, glaubt hingegen, dass das Silicon Valley Benioff folgen wird. „Er ist für eine neue Generation von Entrepreneuren das Vorbild“, sagt er. „Sie verbinden von vorne herein Technologie mit sozialer Verantwortung“. Als Beispiel nennt er das Projekt eines potenziellen Facebook-Konkurrenten, der auf eine Nutzergebühr statt auf Werbung setze. „Die Kultur von Facebook hat keine Zukunft“, sagt er. Sie gehöre vielmehr den Unternehmen, die auf Kooperation setzten, geschäftlich wie gesellschaftlich: „Wir sind das beste Beispiel dafür, dass man so ausgezeichnete Geschäfte machen kann.“