Birger Laing vom Marbacher Schillerverein und Dr. Sebastian Ostritsch im Gespräch über den niederländischen Philosophen Baruch Spinoza. Foto: Lorenz Obleser

Der Marbacher Schillerverein hatte im Rahmen des Literatursommers Baden-Württemberg 2026 zu einem philosophischen Abend ins Antiquariat Friedrich eingeladen. Ostritsch war bereits mit Vorträgen zu Ästhetik und Immanuel Kant in Marbach zu Gast. Der Titel der Veranstaltung, „Spinoza, ein Denker unserer Zeit“, machte klar, dass es nicht allein um Philosophiegeschichte gehen sollte. Der Vortrag verband Spinozas Denken mit gegenwärtigen Fragen nach Religion, Natur und Freiheit.

Die Atmosphäre des Abends war konzentriert. Das Publikum blieb auch in den längeren philosophischen Passagen aufmerksam. Ostritsch sprach frei und klar. Er sprach so über Spinoza, dass auch eigene religiöse und philosophische Fragen des Referenten sichtbar wurden.

 

Zu Beginn schilderte Ostritsch die Biografie Baruch de Spinozas als Geschichte eines Außenseiters. Der Ausschluss aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams, das Leben als Linsenschleifer und die bewusste Distanz zum akademischen Betrieb erschienen dabei als Ausdruck philosophischer Unabhängigkeit. Ausführlich sprach Ostritsch über Spinozas Ablehnung eines Rufes an die Universität Heidelberg. Ostritsch las daraus eine Haltung, die geistige Freiheit höher bewertet als akademische Karriere.

Im Zentrum des Vortrags stand Spinozas Hauptwerk, die „Ethik“. Ostritsch erläuterte deren streng geometrischen Aufbau aus Definitionen, Axiomen und Lehrsätzen und erklärte die mathematische Methode als Versuch größtmöglicher Klarheit. Gerade dadurch blieben auch die abstrakten Passagen gut nachvollziehbar. Die philosophischen Gedanken wurden mit Beispielen, kleinen Abschweifungen und humorvollen Bemerkungen zugänglich gemacht.

Inhaltlich kreiste der Vortrag um Spinozas Vorstellung einer einzigen göttlichen Substanz. Gott und Natur erscheinen bei ihm nicht als getrennte Wirklichkeiten. Menschen, Tiere und Dinge gelten vielmehr als Ausdrucksformen derselben göttlichen Substanz. Ostritsch machte dabei zugleich deutlich, wo für ihn die Grenze dieser Philosophie liegt. Mehrfach betonte er, dass Spinozas Gott kein personaler Gott sei. Zu ihm könne man nicht beten. Darin liege für Ostritsch der entscheidende Unterschied zu den monotheistischen Religionen.

Danach sprach Ostritsch über den stoischen Zug in Spinozas Denken. Freiheit bedeute für ihn nicht, den Weltlauf zu verändern, sondern die innere Zustimmung zur Notwendigkeit der Dinge zu finden. Hass, Wut oder Angst seien Ausdruck eines Widerstands gegen die Wirklichkeit. Philosophische Einsicht solle helfen, diese Affekte in Gelassenheit zu verwandeln. In der anschließenden Diskussion wurde dieser Gedanke auf gegenwärtige Fragen bezogen: auf ökologische Krisen, gesellschaftliche Überforderung und politische Konflikte. Mehrfach stand dabei die Frage im Raum, ob innere Gelassenheit angesichts realer Gefährdungen ausreiche oder ob sie nicht in Spannung zu praktischem Handeln gerate.

In der Diskussion zeigte sich besonderes Interesse an Ostritschs Überlegung, warum Spinoza heute wieder Interesse finde. Viele Menschen, so seine Diagnose, suchten nach Spiritualität, ohne sich religiös binden zu wollen. Spinoza erscheine deshalb als eine Form metaphysischen Denkens ohne kirchliche Verpflichtung, als Möglichkeit, Ganzheit, Natur und Transzendenz zu denken, ohne sich einem personalen Gottesbild anzuschließen.

Hier zeigte sich, weshalb Ostritsch Spinoza einen „Denker unserer Zeit“ nennt. Der Abend zeigte, wie eng philosophische Fragen heute mit kulturellen und gesellschaftlichen Suchbewegungen verbunden sind. Im Antiquariat Friedrich entstand so ein offenes Gespräch über Weltdeutung, Religion und Gegenwart. Der Schillerverein mit Birger Laing an der Spitze bot dafür einen ruhigen Rahmen.

Lorenz Obleser

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