Einsatz in größter Not: Am 16. September 2017 versorgt VfB-Arzt Raymond Best (links) den schwer verletzten Christian Gentner. Foto: Pressefoto Baumann

Der Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen bei der Fußball-EM hat auch Raymond Best schockiert. Im Interview spricht der Mannschaftsarzt des VfB Stuttgart über die dramatischen Szenen in Kopenhagen – und die Parallelen zum früheren VfB-Kapitän Christian Gentner.

Stuttgart - Der Kollaps des dänischen Mittelfeldstars Christian Eriksen bei der Europameisterschaft hat die Fußballwelt erschüttert. VfB-Mannschaftsarzt Raymond Best (54) weiß, wie es sich anfühlt, wenn es vor laufenden Kameras um Leben und Tod geht.

Herr Best, wie haben Sie das Drama um Christian Eriksen erlebt?

Ich war im Garten, als mich mein Sohn plötzlich hereinrief. Den Zusammenbruch selber habe ich daher nicht gesehen – dafür aber im Nachgang und all das, was anschließend passiert ist.

Wie blickt man als Arzt, der auch den Profifußball genau kennt, auf ein solches Geschehen?

Zunächst einmal so, wie alle anderen. Man bekommt einen großen Schrecken und denkt: Um Gottes Willen! Wenn ein Mensch, noch dazu ein junger Hochleistungssportler, ohne ersichtlichen Grund zusammenbricht, bedeutet das nichts Gutes. Dann hat er nicht einfach zu wenig getrunken und es war auch nicht zu heiß – es steckt in solchen Fällen immer etwas dahinter, was sehr gefährlich sein kann.

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Was kann das sein?

Ich möchte nicht über die genauen Gründe für Eriksens Zusammenbruch spekulieren und keine Verdachtsdiagnosen abgeben. Ganz allgemein kann es im günstigeren Fall an einfachen Herz-Rhythmus-Störungen liegen, die Ursache können aber auch viel schlimmere Dinge wie zum Beispiel akutes Herzversagen oder ähnliches sein. Das habe ich leider alles schon erlebt.

Die Arbeit der Ärzte und Sanitäter im Kopenhagener Stadion wird sehr gelobt. Zu Recht?

Absolut. Davor kann auch ich nur den Hut ziehen. Sie müssen eines bedenken: Es ist etwas völlig anderes, ob ich einen kollabierten Menschen an einer Straßenecke vor ein paar Zuschauenden oder in einer Klinik behandle - oder aber in einem Fußballstadion. Als Arzt ist man sich in einem solchen Moment bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Das macht die medizinische Leistung in diesem Fall noch eindrucksvoller.

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Es verging aber sehr viel Zeit, in der keine Besserung erkennbar war.

Für den Außenstehenden, der so etwas sieht und nicht weiß, was los ist, mag das eine quälend und unfassbar lange Zeit sein. Für den behandelnden Arzt ist das nicht ungewöhnlich. Das Entscheidende in einer solchen Situation ist, dass möglichst schnell ein Notarzt zur Stelle ist.

Wie schnell muss das passieren?

Eine Faustregel lautet: Wenn die Sauerstoffzufuhr komplett unterbrochen ist, setzen nach spätestens drei Minuten erste bleibende Hirnschäden ein. Wenn einem Menschen also so etwas widerfährt wie Christian Eriksen, gibt es dafür keinen besseren Ort als ein Stadion. In Kopenhagen sind zehn, höchstens zwanzig Sekunden vergangen, bis der Spieler fachmännisch versorgt wurde. Wie es am Ende ausgeht, weiß man auch dann nicht – doch ist zumindest jemand da, der genau weiß, was er zu tun hat.

Sie haben Ähnliches erlebt, als im September 2017 der damalige VfB-Kapitän Christian Gentner nach einem Zusammenprall mit dem Wolfsburger Torhüter Koen Casteels leblos liegenblieb.

Daran erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Den Zusammenprall hatte ich von meiner Position aus gar nicht gesehen – man merkt in solchen Fällen aber trotzdem sehr schnell, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Und zwar an der Reaktion der umstehenden Spieler. Wenn sie hektisch und fast schon panisch winken, wie am Samstag, weißt du, dass du sofort handeln musst.

Sie sind aufs Spielfeld geeilt, noch ehe der Schiedsrichter ein Zeichen gegeben hat.

Ich habe die Panik bei Koen Casteels gesehen – und einen ähnlichen Schrecken wie am Samstag vor dem Fernseher bekommen, als ich Christian Gentner am Boden liegen sah. Rechter Arm gebeugt, linker Arm gestreckt, leichte Krampfhaltung, verdrehte Augen, komplett weg.

Dann muss man als Arzt funktionieren?

Ich war wie im Tunnel und habe die medizinischen Schritte abgearbeitet, die ich gelernt habe. Hinterher hat man mir gesagt, dass ich sieben Minuten auf dem Feld gekniet habe. Ich konnte das kaum glauben. Für mich wirkte es wie eine verschwindend geringe Zeit.

So etwas will man nicht oft erleben.

Sicher nicht. Wenn man mich irgendwann einmal fragen sollte, was mein eindrucksvollstes Erlebnis als Mannschaftsarzt in der Bundesliga war, dann sicherlich eine extreme Situation wie mit Christian Gentner.

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