Der Glaube offenbart sich mit sanftem Terror in gespenstischen Zeremonien: Eine „Himmelfahrerin“ beschwört in der Signa-Inszenierung die Geister. Foto: Erich Goldmann

Im Wahnsystem religiöser Erlösungsfanatiker: Die Mannheimer Schillertage sind mit dem „Heuvolk“ der Performergruppe Signa fulminant eröffnet worden.

Stuttgart - Das Theater findet außer Haus statt: Vor dem Mannheimer Schauspiel steht ein Bus, der das Publikum in den Vorort Käfertal fährt, wo bis 2012 die US-Armee residierte. Bis zu 15 000 Soldaten und Angestellte wohnten mit ihren Familien im Benjamin Franklin Village, einer Stadt in der Stadt, die jetzt wieder zivilen Nutzungen zugeführt wird. Wohnungen entstehen, Einkaufszentren, Schulen. Aber halt: Ein Teil der alten, grauen, niedrigen Baracken ist noch erhalten – und kaum hat der Bus die Passagiere ausgespuckt, werden sie auch schon wieder einverleibt: von einer totalitären, unerbittlich durchkonzipierten Parallelwelt, die sie sechs Stunden in Bann schlagen wird. Unter ihnen könnten nämlich Auserwählte sein, die am Jüngsten Tag als „Himmelsfahrer“ mit dem „Himmelsschiff“ zu Gott reisen dürfen – eine Offenbarung, die ihnen in dem verlassenen Armeegebäude zuteil wird, das jetzt von der spirituellen Gemeinschaft des Jake Wolcott bewohnt wird. Auf dieser Fiktion jedenfalls baut „Heuvolk“ auf, die neueste Arbeit von Signa. Angeführt wird das Kollektiv von der Dänin Signa Köstler und dem Österreicher Arthur Köstler, dem seit Jahren Furore machenden Duo, das für ihr Mannheimer Szenario über eine Heerschar von 45 Darstellern aus halb Europa verfügt. In dem mit enormem Aufwand präparierten Village veranstalten sie mit sanftem Terror – ja, was eigentlich? Einen okkulten Hokuspokus? Eine Erlösungsshow religiöser Sektierer? Eine Fantasy im apokalyptischen Gewand? Nun, „Heuvolk“ ist von allem etwas – und am Ende ein mit absoluter Präzision geschaffenes Gesamtkunstwerk, das Körper und Geist mit beängstigender Kraft überwältigt und die Schillertage fulminant eröffnet.

Mannheim ist auf dem Sprung

Das international ausgerichtete Festival findet bereits zum 19. Mal in Mannheim statt. Der Mix aus neuen Inszenierungen und ausgewählten Gastspielen, die zumindest einen losen Bezug zum Namenspatron aufweisen, hat die Schillertage zum wichtigsten Theatertreffen in Baden-Württemberg gemacht – und Mannheim zu einer heiter-lebendigen Theaterstadt, die immer auf dem Sprung ist, Stuttgart den Rang abzulaufen. In diesem Jahr wird das Festival zum letzten Mal von Burkhard Kosminskikuratiert, der den besagten Sprung an die Spitze insofern geschafft hat, als er im Herbst nächsten Jahres das Schauspielhaus der Landeshauptstadt übernimmt. Wenn es noch eines Beweises seiner Führungsqualitäten bedurft hätte, wäre er jetzt erbracht: Kosminski ist der erste Theatermann, dem es gelungen ist, die besessenen Totalperformer von Signa in den Südwesten zu locken. Und auch eine andere internationale Größe konnte der Intendant zum Festivalauftakt am Wochenende gewinnen: Boualem Sansal.

Sansal, in Algerien geboren, in Frankreich lebend und 2011 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet, hielt zur Eröffnung eine Wutrede. Er sei entsetzt über das herrschende „System der Verdummung“, sagte der 67-jährige Schriftsteller, um sogleich dessen baldiges Ende zu prophezeien. „Bedenkt, dass freie Völker wild sind“, rief er dem Publikum zu – und mit einer „Bibel der neuen Menschlichkeit“, welche die Gebote von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit um den Schutz der Natur erweitere, habe dieser Freiheitsmarsch der Völker bereits begonnen. In seinem letzten Roman war der pathetische Sansal noch nicht so weit auf seinem revolutionären Weg. In „2084. Das Ende der Welt“ entwirft er das Schreckbild eines religiösen Überwachungsstaats.

Hinter der Züchtigkeit lauert die Lüsternheit

Das macht auch Signa in „Heuvolk“, freilich auf eine derart subtile Weise, dass sich der Schrecken erst allmählich ausbreitet. Der Shuttlebus entlässt die Zuschauer nämlich in eine scheinbar vorindustrielle, agrarische Welt, in eine Art Amish-People-Siedlung, in der die Männer schwarze Hosen und weiße Hemden, die Frauen bodenlange Kleider tragen, hochgeschlossen bis zum Hals. Mit einem liturgischen Gesang lullt die Gemeinde die Neuankömmlinge ein: „Himmelsschiff, wir kommen“ singen die Erleuchteten in Endlosschleife, ein süßlich-leierndes Mantra, das sich in den Kopf frisst, noch ehe man dessen Bedeutung kennt. Letzteres ändert sich, sobald man allein oder in der Gruppe das merkwürdige Haus der „Himmelsfahrer“ erkundet, wie sich die Gemeinschaft nennt.

Zimmer um Zimmer setzt sich ein Bild ihrer Religion zusammen: Die Himmelsfahrer glauben an „Erdkerngötter“, die aus einem Konglomerat toter Seelen bestehen. Nur mit ihrer Hilfe wird das Himmelsschiff in der siebten Phase des Weltendes ins Paradies eingehen, doch vor dieser Reise müssen die Götter immer wieder aus dem Erdkern hervorgerufen und akklimatisiert werden, was nur in den Hüllen auserwählter Jünger möglich ist, die dafür ihren Körper attraktiv halten müssen – so die groben Umrisse der vom verstorbenen Jake Wolcott im Käfertal begründeten Religion, die indes bis ins Kleinste durchgearbeitet und von den Akteuren bis ins Biografische hinein auch konsequent durchgehalten wird. Ihre Religion, dieses düster glänzende Amalgam aus Katholizismus und Voodoo, Erweckungsbewegung, 9/11-Verschwörungstheorien und anderen Apokryphen, ist so komplex wie die bizarren Rituale, die sie zum Vollzug braucht. Und an diesen zeremoniellen Handlungen nehmen auch die Zuschauer teil, wenn sie beispielsweise aufgefordert werden, zur Reinigung der attraktiven Himmelfahrer-Körper eine nackte Frau mit Schwamm und Seife zu säubern.

Inszenierter Albtraum einer auf Erlösung hoffenden Welt

Das geschieht in Räumen mit der schmierigen Biederkeit eines Western-Bordells: Hinter der Züchtigkeit der Frommen lauert immerzu die Lüsternheit, hinter der Sanftmut vibriert Gewalt – und hinter ihrer Religion steckt ein geschlossenes, in sich aber plausibles, in ekstatischen Zungen verkündetes Wahnsystem, dessen perfide Faszinationskraft die Endzeit-Performance grandios bloß legt. Wenn man um Mitternacht das Gedankengebäude von Signa verlässt, möchte man auch sich selbst einem Reinigungsritual unterziehen: unter die Dusche und weg mit dem gespenstisch klebrigen Film, der sich auf die Haut gelegt hat.

„Heuvolk“ ist der inszenierte Albtraum einer in aller Verrücktheit auf Erlösung hoffenden Welt, ein apokalyptisches Szenario, das niemanden kalt lässt. Zurück auf dem sicheren Boden des Nationaltheaters redet man endlos über die Grenzerfahrung mit den durchgeknallten Jüngern von Jake Wolcott. Was will man mehr in Zeiten, in denen sich ein anderes Wahnsystem, eines von weltpolitischem Belang, täglich aufs Neue manifestiert? Die Mannheimer Schillertage: Sie sind auf einem guten Kurs.

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