Zu Mannheim gehört das Österreichische und das noch Exotischere – aber mit der angesagten Volksfest-Dirndkultur hat das eher nichts zu tun. Foto:  

Die größten Schätze der Menscheit werden zum Weltkulturerbe der Unesco. Die Stadt Mannheim hat sich davon jetzt inspirieren lassen. Ihre Bürger aus vielen Herkunftskulturen haben aufgezählt, was ihnen an Mannheim wichtig ist.

Mannheim - „Heute wollen die Leute das Fett ja nicht mehr haben“, sagt Gerhard Kulessa und lacht. „Na, dann machen wir die Wurst eben mager!“ Seit über 20 Jahren verkauft der Schlesier auf dem Mannheimer Wochenmarkt Wurstwaren aus seiner Heimat. Viele seiner Kunden sind Polen, die meisten allerdings Deutsche. „Als Schlesier habe ich meine Heimat verloren“, sagt Kulessa, „aber hier habe ich eine neue gefunden.“

Über 90 Kulturgüter - materiell oder immateriell, alt oder neu, original oder kopiert, traditionell oder hybrid - tragen seit 2017 den Titel des „offiziellen Kulturerbes der Stadt Mannheim“. Die Schlesische Wurst ist eines davon.

Der Begriff des Kulturellen Erbes beruht auf der Annahme, dass jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt, zum Reichtum der Menschheit leistet. Das Unesco-Weltkulturerbe zeichnet daher seit 1978 herausragende Stätten auf dem gesamten Globus aus. Angelehnt an diese Idee, führt seit Anfang 2017 auch die Quadratestadt Mannheim als Pionierin in Deutschland eine Liste ihres kulturellen Bestandes. Schirmherrin des Projekts ist die deutsche Unesco-Kommission.

Einflüsse aus über 160 Nationen

Aufgeführt sind sämtliche Kulturgüter, die nach dem Empfinden der Einwohner zur Identität Mannheims gehören, denen die Menschen sich zugehörig, für die sie sich verantwortlich fühlen. All jene Güter also, welche die Stadtgesellschaft - zusammengesetzt aus über 160 Nationen - als ihr persönliches Erbe betrachtet. Für das im Jahr 2016 entstandene Projekt rückte Jan-Philipp Possmann, der Initiator und Leiter des Kulturhauses „Zeitraumexit“, Gruppen und Individuen in den Fokus, die in Mannheim wohnen und leben - ihre jeweilige Identität aber an mindestens zwei Orten und in zwei Kulturen sehen.

Mit einem Team aus Kulturschaffenden und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stadt besuchte Possmann ein Jahr lang Vereine und Gemeinden und stellte ihnen Fragen: „Was bringt ihr aus eurer Kultur mit, das ihr gerne mit der Mannheimer Stadtgesellschaft teilen wollt? Was erinnert euch hier in Mannheim an eure Heimat?“ Das Ergebnis sind über 90 Kulturgüter verschiedener migrantischer Gruppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Die Liste reicht von der Straßentaube über verschiedene Nationalgerichte und traditionelle Musik bis hin zu Gebäuden. Die Verbindung? Sie alle gehören zu Mannheim und sind Teil des gelebten Alltags der Stadt.

Das Nationaltheater ist ein Stück Äthiopien

„Das Ziel dieses Projektes ist es, eine Diskussion anzuregen“, sagt Possmann. „Es geht darum, darüber nachzudenken, was Kultur sein kann - außer den Dingen, die für teures Geld in Museen aufbewahrt werden. Was macht eine Stadt wie Mannheim aus?“ Der Vergleich mit der Unesco funktioniert dabei natürlich nur bedingt. Während die Sonderorganisation der Vereinten Nationen den Titel „Weltkulturerbe“ nur an die besten und herausragendsten Zeugnisse der Menschheits- und Naturgeschichte vergibt, geht es in Mannheim vor allem um die subjektive Wahrnehmung der Bürger. Wie sonst ließe sich erklären, dass das Nationaltheater Mannheim seit 2017 ausgerechnet den Titel „offizielles Erbe der Äthiopischen Kultur“ trägt? Melaku Gizaw, verantwortlich für den Vorschlag, erklärt: „Immer wenn wir das Nationaltheater Mannheim erblicken, erinnern wir uns an das Äthiopische Nationaltheater in Addis Abeba. Von außen sehen die Gebäude sich so ähnlich, als wären sie vom gleichen Architekten erbaut.“

Eine Frage des Respekts

Andere Fälle sind offensichtlicher. Stellvertretend für das Erbe der türkischen Kultur in Mannheim steht die Yavuz Sultan Selim Moschee, gelegen zwischen der christlichen Liebfrauenkirche und einer Synagoge. „Wir zeigen der Welt, dass Menschen verschiedener Religionen einander mit Respekt begegnen und Raum für Andersgläubige schaffen können“, sagt Talat Kamran, der als türkischstämmiger Bürger zur mit Abstand größten migrantischen Gruppe in Mannheim zählt.

Die stetig wachsende Liste der ausgezeichneten Kulturgüter wird der Öffentlichkeit noch bis Juni in einer Ausstellung in den Räumen von „Zeitraumexit“ und auf geführten Touren durch Mannheim präsentiert. Wer auf diese Art und Weise durch die deutsche Stadt am Rhein spaziert, der erkennt: Das Fremde ist hier schon lange nicht mehr fremd. Erst die Vielfalt, der Austausch und die Vermischung der so unterschiedlichen Menschen und Kulturen, die hier gemeinsam leben, verleihen der Stadt ihre größte Qualität: Lebendigkeit.

„Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?“ fragte der Bundesinnenminister unlängst in seinem umstrittenen Zehn-Punkte-Katalog. Vielleicht hätte er einen Blick nach Mannheim werfen sollen. Wer in Deutschland im Jahr 2017 in respektvollem Umgang mit seinen Mitbürgern leben will, der muss mit viel Kreativität und Energie gegen die Entwicklung von Parallelgesellschaften kämpfen. Das funktioniert nur gemeinsam. Man muss sich dafür zur Begrüßung aber nicht unbedingt die Hand geben.

Ausstellung bis 4. Juni im Kulturhaus Zeitraumexit; Stadtführungen am 20. und 27. Mai sowie am 3. Juni. Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier.
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