Eine Animation zeigt, wie die Eroberung von Antiochia ausgesehen haben könnte. Foto: rem Stiftungsmuseen/Faber Courtial

Die Wikinger haben einen guten Ruf. Eine Normannen-Ausstellung in Mannheim zeigt, dass man sich vor den tätowierten Kerlen aus dem Norden in Acht nehmen musste.

Einige waren begeistert, nicht nur die Frauen. Denn es müssen beeindruckende Kerle gewesen sein, die da plötzlich im Land einfielen. „Sie sind wie Palmbäume“, schrieb einer, „ich habe nie vollkommenere Körper als ihre gesehen.“ Die Haare blond oder rötlich, außerdem waren diese Schränke von Männern „von ihren Zehenspitzen bis zu ihren Hälsen“ mit dunkelgrünen Tattoos überzogen. Das käme wohl heute noch bei manchem gut an.

 

Bezahlt wurde nicht mit Geld, sondern mit Schwerthieben

Wenn die Normannen, die Mannsbilder aus dem Norden, einfielen, verhieß das allerdings selten Gutes. Denn diese zweibeinigen Palmbäume konnten nicht nur zuschlagen, sie taten es auch. Sie hauten kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellte, und da sie auf schnelle Beute aus waren, bezahlten sie Güter nicht mit Geld, sondern mit Schwerthieben. Erstaunlich, dass die Wikinger, aus denen die rüpelhaften Normannen hervorgingen, bis heute so beliebt und bewundert werden und sogar Synonym für fröhliche Seefahrten sind.

Die Normannen wussten, wie sie sich mehr Einfluss verschaffen

Tatsache ist: In uns allen steckt wohl ein Tröpfchen Normannenblut. Das zumindest vermittelt das Mannheimer Reiß-Engelhorn-Museum, das sich in einer wahrlich ambitionierten und aufwendigen Ausstellung das Thema Normannen vorgeknöpft hat. Zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert machten sie sich von Skandinavien aus bis ans Mittelmeer breit, erst prügelnd, in einem zweiten Schritt aber sicherten sie ihre Macht auch auf klügere Weise, übernahmen Sprachen und Kulturen, tauschten die Eliten aus und stifteten gezielt Ehen. So bauten sie in der Normandie und in Osteuropa mächtige Fürstentümer auf, rissen die englische Krone an sich, zogen aber auch nach Italien und die Iberische Halbinsel – und machten Europa immer normannischer.

Kiew war einst ein Schmelztiegel

Die Gruppe jener Normannen, die gen Kiew zog, nannte sich Rus – und gaben dort dem Rus-Land seinen Namen. Das ist ein Teil der Geschichte, die bis heute von Nationalisten in Russland gern geleugnet wird. Der Krieg in der Ukraine führte nun dazu, dass das Mannheimer Museum viele zugesagte russische Leihgaben nun doch nicht erhalten hat. Das Kuratorenteam hat sich davon nicht beirren lassen und thematisiert dieses Kapitel trotzdem. Nun belegt zum Beispiel der sogenannte „Kiewer Brief“ aus der Universität von Cambridge, wie die „Männer aus dem Norden“ die Herrschaft in Kiew übernahmen, einer Stadt, in der damals Menschen vieler Ethnien zusammenlebten.

Bürokratie auf Pergament

Die vielen Schätze, die die Mannheimer zusammengetragen haben, werden das Fachpublikum begeistern: hier mittelalterliche Schachfiguren aus Walrosselfenbein und Pottwalzahn, dort winzige Würfel aus Knochen, mit denen man sich im 12. Jahrhundert die Zeit vertrieb. Wilhelm der Eroberer ließ in England dokumentieren, wem welche Länder gehörten. Diese Daten nutzte er, um durch gestiftete Ehen davon zu profitieren. Heute geben die Notizen auf Pergament interessante Einblicke in die Vergangenheit.

Thema ist komplex – da wäre Konzentration wichtig gewesen

Das Kuratorenteam hat beherzigt, was gerade im Ausstellungsbereich en vogue ist. Es gibt Fühl- und Hörstationen und attraktive Angebote für Kinder, die sich natürlich auch als Ritter verkleiden dürfen. Trotzdem ist es ein Thema, das es dem Publikum nicht leicht macht. Wahrscheinlich gehen die Kuratoren davon aus, dass die Besucher hernach die großen Reiserouten und Feldzüge der Normannen referieren können. Tatsächlich ist die Materie aber viel zu komplex, als dass man wirklich einen Überblick bekäme, wie Rolle und Roger, Mathilde und Wilhelm wann wo gewirkt haben.

Die Kuratoren wollen viel zu viel

So zeigt sich wieder einmal, wie wenig Wissenschaftler darüber nachdenken, was sie ihrem Publikum eigentlich mit auf den Weg geben wollen – und realistischerweise auch können. In Mannheim scheint die Antwort: möglichst viel. Deshalb bringt der mehr als 500 Seiten dicke Katalog auch stattliche drei Kilo auf die Waage.

Säbelrasseln hat bitteren Beigeschmack

Eines aber wird sicher jedem vom Rundgang im Gedächtnis bleiben: die Brutalität, mit der die Normannen vorgingen. Für einen Film wurde die Schlacht von Hastings im Jahr 1066 rekonstruiert, in der Wilhelm der Eroberer die Angelsachsen besiegte – obwohl seine Männer im Schlachtengetümmel für einen Moment meinten, ihr Anführer sei getroffen worden. Er aber zieht in dem Film den Helm vom Kopf, zeigt sich – und säbelrasselnd werden die Gegner niedergeschlagen. So imposant das Schlachtengetümmel inszeniert ist, bleibt in Zeiten des Krieges ein bitterer Beigeschmack.

Ein schöner Stein zeigt, wie die Menschen erlebten, was heute so sachlich als „normannische Eroberung“ verhandelt wird: In den Stein wurden Männer gemeißelt, die im Juni 793 mit gereckten Schwertern und Äxten in einem englischen Kloster einfielen.

Siegeszug der Normannen

Normandie
Man kennt sie unter dem Begriff Wikinger: Vom 8. Jahrhundert an breiteten sich skandinavische Händler, Krieger und Siedler in Europa aus. Es entwickelten sich die Normannen und die Rus, die in der Normandie und in Osteuropa Fürstentümer errichteten.

Info Die Ausstellung ist bis 26. Februar Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr geöffnet. adr