Spezialkräfte beenden das Drama nach zwei Stunden Foto: ANP/dpa

Nur knapp vier Wochen nach dem verteilten Terroranschlag im internationalen Zug Thalys in Belgien ist am Freitag am Rotterdamer Hauptbahnhof Terroralarm ausgelöst worden. Spezialeinheiten der niederländischen Polizei überwältigten einen jungen Mann, der sich stundenlang in der Toilette eines Thalys verschanzt hatte

Rotterdam/Brüssel - Um kurz nach Sieben an diesem Freitagmorgen ist die Angst vor dem Terror wieder da. Nur wenige Augenblicke, bevor der Thalys-Hochgeschwindigkeitszug THA 9310 den Hauptbahnhof Rotterdam verlassen soll, stürmt ein junger Mann mit  einem  Rucksack auf den Bahnsteig 3, läuft auf den Wagen 16 zu und springt hinein. Polizisten hetzen ihm hinterher, versuchen ihn zu stoppen. Sie kommen zu spät, der junge Mann sperrt sich in der Toilette ein. Ein Passagier will eine Waffe in seiner Hand gesehen haben.

Die Beamten lassen den Zug räumen, rund 300 Passagiere werden in Sicherheit gebracht, ein Anti-Terror-Team der niederländischen Polizei rückt an, Rotterdam Centraal wird gesperrt, andere Züge rollen aus dem Bahnhof, Scharfschützen gehen in Stellung. Über zwei Stunden später wird der Mann festgenommen. „Er hatte Angst vor den Sprengstoff-Hunden unserer Einsatzkräfte“, sagte Polizeisprecherin Patricia Wessels, als alles vorbei ist. Eine Waffe wird nicht gefunden, auch kein Sprengstoff.

„Wir mussten reagieren“, sagt Wessels. „Wir konnten nicht einschätzen, wie groß die Gefahr wirklich war.“ Es schien wie eine Neuauflage des Albtraums vom 21. August, als ein schwer bewaffneter Mann ebenfalls an Bord eines Thalys von Amsterdam nach Paris nur durch das beherzte Eingreifen von Fahrgästen daran gehindert werden konnte, ein Blutbad unter den Passagieren anzurichten. Mehrere Reisende wurden verletzt. Der 25-jährige Marokkaner wollte damals eine „große Zahl Menschen töten oder schwer verletzen“, resümierte die französische Staatsanwaltschaft.

Viele offene Fragen, große Nervosität

Die Aktion in Rotterdam gibt Rätsel auf. Der verhaftete junge Mann wird zunächst in ein Krankenhaus gebracht, weil er zu hyperventilieren drohte. Ob es sich tatsächlich um einen Extremisten oder nur um einen Schwarzfahrer oder einen geistig verirrten Fahrgast gehandelt hat – die Polizei macht dazu zunächst keine Angaben.

Die Nervosität bleibt. Vor allem als bekannt wird, dass eine gute Stunde später – genau zu der Zeit, als der Thalys 9310 eigentlich die belgische Metropole Antwerpen erreichen sollte – auf einem dortigen Bahnsteig ein verdächtiges Gepäckstück gefunden wird. Auch in Belgien räumt man die Bahnhofshalle, stoppt den Verkehr, Der Verdacht eines Zusammenhangs mit Rotterdam wird zunächst nicht bestätigt. Doch die Auswirkungen sind schwerwiegend.

Schon in den vergangenen Tagen und als Konsequenz aus den Schüssen vom 21. August hatten die niederländischen und belgischen Behörden die Überwachung der Thalys-Züge verschärft. Bewaffnete Polizisten nehmen inzwischen die Bahnsteige und die Reisenden in Augenschein, wenn die roten Hochgeschwindigkeitszüge einfahren.

In Deutschland kann jeder ohne Ausweis zusteigen

Sprengstoffhunde laufen zwischen den Gepäckstücken herum. Nach der Abfahrt durchkämmen Polizisten mit schusssicheren Westen jeden einzelnen Waggon. „Wir wollen den freien Reiseverkehr schützen“, sagen die Behörden. Doch dieser Schutz hat Lücken. Weder in Köln noch in Aachen, den beiden deutschen Thalys-Stationen, gibt es vergleichbare Vorkehrungen.

Anfang September hatten sich die Innenminister der EU auf mehr Kontrollen im Zug und eine Einführung von Namenstickets verständigt. Aber die gehören bei den Highspeed-Zügen der Nachbarn ohnehin längst zum Alltag, weil sie reservierungspflichtig sind. Außerhalb Deutschlands müssen die Fahrgäste schon seit Jahren ihre Tickets vor dem Einstieg vorzeigen. Nur an den deutschen Bahnhöfen kann man nach wie vor den Thalys einfach so besteigen.

Zumindest bisher wollen die Innen-und Verkehrsminister von generellen Sicherheitskontrollen nichts wissen, obwohl diese in Spanien und an allen Stationen des Eurostar Richtung Großbritannien praktiziert werden. Ob sie nun ausgeweitet werden? „Ich hatte fürchterliche Angst“, sagte am Freitag die Niederländerin Karin Dijkkers, als sie vor den Absperrungen am Rotterdamer Bahnhof darauf wartete, endlich weiter nach Paris fahren zu können. Und die Französin Carole Monnier, die ihre Reise nach Brüssel nicht fortsetzen wollte, meinte: „Es ist nichts passiert, ich bin sehr froh. Aber ich möchte, dass mehr getan wird. Ich werde noch lange davor Angst haben, wieder in einen Zug zu steigen.“  

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