Vor dem Landgericht Stuttgart muss sich ein 36-Jähriger für fast 30 Straftaten im Rauschgift-Milieu verantworten, die er im Rems-Murr-Kreis und im Großraum Stuttgart verübt haben soll.
Es war kein einfaches Leben, das der Mann, der auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts sitzt, bisher geführt hat. Sein Vater starb, als er 13 Jahre alt war. Den Verlust versuchte er mit Marihuana und Amphetaminen zu kompensieren. „Ich habe ein Doppelleben geführt: zu Hause der gute Sohn, mit Kumpels habe ich gekifft“, erklärte der 36-Jährige den Richtern der 9. Großen Strafkammer. Er schaffte dennoch den Realschulabschluss und war bei der Bundeswehr auf einem guten Weg, ehe er von dieser wegen Diebstahls von Tabletten unehrenhaft entlassen wurde.
Im Alter von 24 Jahren wurde er wegen Drogenhandels zu einer mehr als sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach einer Therapie begann er in der Firma seines Stiefvaters in Aspach (Rems-Murr-Kreis) als Projektmanager und arbeitete sich Schritt für Schritt nach oben. 2018 musste er den Verlust seiner zweiten Bezugsperson verkraften, als sein Stiefvater bei der Reinigung einer Zisterne verunglückte und ebenfalls verstarb. Zusammen mit dessen Tochter und dem Schwiegersohn führte er die Firma fort, bis diese wegen der Coronapandemie im Frühjahr 2020 keine Aufträge mehr erhielt. „Ich habe einen großen Druck verspürt, weil ich mich für die Mitarbeiter verantwortlich gefühlt habe“, berichtete der Angeklagte.
Rückfall in die Rauschgiftabhängigkeit
Dass er tatenlos zu Hause sitzen musste, tat dem 36-Jährigen nicht gut: Erneut griff er zu Marihuana und Amphetamin und kam über einen Bekannten sogar an Kokain, nachdem er sieben Jahren lang ohne Rauschgift ausgekommen war. Als er im März 2021 erfuhr, dass die Polizei gegen ihn ermittelte, setzte er sich nach Spanien ab, wohnte vier Jahre lang bei Freunden und nahm Gelegenheitsjobs an, ehe er im vergangenen Jahr festgenommen und ausgeliefert wurde. Nach seinen Angaben hat er Schulden in Höhe von rund 300.000 Euro.
Nunmehr muss er sich für insgesamt 27 Taten des Drogenhandels aus den Jahren 2020 und 2021 verantworten, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft. Er soll insgesamt rund 95 Kilogramm Marihuana, etwa 600 Gramm Amphetamine und rund 2,5 Kilogramm Kokain größtenteils in Spanien gekauft und im Großraum Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis verkauft haben und dabei einen Gewinn von knapp 250.000 Euro erwirtschaftet haben. Teilweise seien die Geschäfte über Krypto-Handys und den Messengerdienst Sky ECC angebahnt worden. In zwei Fällen seien die Drogenpakete in Autos des Angeklagten abgelegt worden.
Drei Sendungen aus Spanien mit insgesamt rund vier Kilogramm Marihuana wurden vom Zoll in Poststationen in Speyer und Süßen sichergestellt. Zudem soll der Angeklagte zusammen mit vier Komplizen zur Finanzierung der Drogenkäufe im Februar 2021 von einer Baustelle in Dürmentingen im Landkreis Biberach Gerüstteile im Wert von 9000 Euro von einer Baustelle gestohlen und in Trier verkauft haben.
Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung führen Rechtsgespräch
Nach rund zweistündiger Verhandlung zogen sich Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu einem nichtöffentlichen Rechtsgespräch zurück. Eine mögliche Prozessverständigung soll am nächsten Verhandlungstag am 13. Februar bekannt gegeben werden. Für den Prozess sind derzeit fünf weitere Verhandlungstage geplant, das Urteil soll am 23. März verkündet werden.