Ein größerer Teil der Patienten, die mit Corona im Krankenhaus liegen, wird nicht wegen Covid-19 behandelt. In den relevanten Kennziffern lässt sich die Gefahr durch Omikron kaum ablesen.
Stuttgart - Wie gefährlich ist die Omikronwelle? Die Antwort sollen Daten aus den Kliniken liefern, doch die sind noch unzuverlässiger als bekannt. Laut dem Landesgesundheitsamt (LGA) wurden nur 51 Prozent aller nachweislich mit dem Coronavirus infizierten Patienten sicher wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert. Jeder Achte (12,5 Prozent) hat Corona, wird aber wegen einer anderen Erkrankung behandelt. Für das übrige Drittel liegen keine Angaben vor.
Neben der (zuletzt sinkenden) Zahl der auf Intensivstation behandelten Covid-19-Patienten bestimmt die Hospitalisierungsrate die Coronaregeln im Land. Das Landesgesundheitsamt meldet derzeit 5,4 infizierte Klinikpatienten je 100 000 Einwohner. Wie hoch die Zahl wirklich ist, kann keiner sagen. Wegen Meldeverzügen fällt der tagesaktuell gemeldete Wert systematisch zu niedrig aus. Das ist bekannt, deshalb gibt das LGA zusätzlich einen realistischeren Schätzwert an, aktuell um die 10.
Die neue Zahlen offenbaren nun eine zusätzliche Unschärfe. Wenn ein relevanter Teil der infizierten Patienten gar nicht wegen Corona behandelt wird, lässt sich kaum mehr abschätzen, wie gefährlich die aktuelle Omikronwelle ist.
Alle werden getestet
Alle neu aufgenommenen Patienten werden auf das Coronavirus getestet, unabhängig vom Grund für die Einweisung. Schon wegen der aktuell sehr hohen Infektionszahlen kommen daher zahlreiche Coronapositive in die Klinik. Ergibt der Test eine Infektion, werden sie für die Hospitalisierungsrate mitgezählt – egal, ob Covid-19 der Grund für die Behandlung ist oder nicht.
Aus Sicht der Krankenhäuser macht diese Frage keinen Unterschied. „Schließlich müssen alle Patienten, bei denen wir Covid-19 diagnostizieren, auf die Isolierstation“, sagt Ingo Matheus vom Klinikverbund Südwest im Kreis Böblingen. Der Aufwand für die Kliniken sei fast der gleiche – „egal, ob ein Patient bei der Aufnahme Symptome hat oder Corona nur eine Begleiterscheinung ist“.
Mit oder wegen Corona in der Klinik
Zufallsfunde statistisch zu erfassen, würde laut Ingo Matheus einen „erheblichen Mehraufwand“ bedeuten. Die für das Klinikum Ludwigsburg zuständige Regionale Klinikholding (RKH) hat diesen Aufwand allerdings schon betrieben. Das Ergebnis: Im Januar 2022 hatten die RKH-Kliniken 227 Covid-Patienten gezählt. Bei 123 war Corona die Hauptdiagnose, 104 wurden wegen anderer Beschwerden behandelt – eine Quote von 46 Prozent. Im Klinikum Esslingen bewegen sich die Zahlen in einem ähnlichen Bereich. Für das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus schätzt Mark Dominik Alscher den Anteil auf rund ein Drittel.
Jan Steffen Jürgensen vom Klinikum Stuttgart verweist darauf, dass die Unterscheidung von Patienten, die lediglich mit oder tatsächlich wegen Covid 19 behandelt werden, unscharf ist und nicht systematisch erhoben wird. Genaue Zahlen habe er nicht, das Verhältnis habe sich zuletzt aber deutlich hin zu Patienten gedreht, die mit und nicht wegen Corona behandelt werden. „Das Fehlen klarer Kriterien und die undifferenzierte Meldung Hospitalisierter mit positivem Test ist ein großer Schwachpunkt der Hospitalisierungsinzidenz“, findet er.
Sozialministerium hält dagegen
Diese Kritik regt sich derzeit vielerorts. In der Gesundheitsverwaltung fürchtet man, dass in der Folge die von der Omikronwelle ausgehende Gefahr relativiert wird. Häufig werde von Kritikern als Beispiel der Patient mit gebrochenem Arm genannt, der dann im Krankenhaus – nach einem positiven Test – zu den Coronapatienten gezählt werde.
„Die klinische Realität ist aber meist deutlich komplexer, die Übergänge sind oft fließend“, sagt ein Sprecher des Sozialministeriums. Ein Beispiel seien Patienten, die mit einer sich verschlimmernden Lungenerkrankung in die Klinik kämen – und dort positiv auf das Coronavirus getestet werden. „Insofern stellt die Differenzierung von ‚mit’ und ‚wegen’ Corona behandelten Patienten meist eine künstliche Trennung dar, die auch nur bedingt hilfreich ist.“
Klinikum Esslingen „im gelben Bereich“
Gleichwohl berichten die meisten Kliniken in der Region, dass die explodierenden Infektionszahlen nur zu mäßig zunehmenden Patientenzahlen führen. Die Normalstationen sind derzeit weniger belastet als während der Deltawelle, und auf den Intensivstationen ist die Zahl der zu Behandelnden immer noch rückläufig.
Alles andere wäre auch schwer zu verkraften, heißt es aus den Kliniken. Ein stetig größer werdender Teil des pflegenden und klinischen Personals kann aufgrund einer Infektion oder wegen Kinderbetreuung nicht arbeiten. „Wir befinden uns da schon im gelben Bereich“, sagt die Sprecherin des Klinikums Esslingen, Anja Dietze. Außer vereinzelter Engpässe meldet aber noch keine Klinik akute Probleme.
Läuft es wie in Bremen?
Wie es weitergehen könnte, berichtete der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte am Dienstag im Deutschlandfunk. In der Hansestadt waren die Infektionszahlen früher gestiegen als in Baden-Württemberg. Er habe also schon Erfahrungen mit sehr hohen Omikron-Infektionszahlen, sagte Bovenschulte. Zwei Drittel der Patienten im Stadtstaat lägen mit Corona im Krankenhaus, nur etwa ein Drittel wegen einer Infektion. Und: „Wir haben immer noch nicht den Peak der zweiten Welle erreicht.“ Zudem stagnieren die Infektionszahlen zurzeit.
Insofern bietet das Beispiel aus dem Norden womöglich die verlässlichste Orientierung, wie es im Süden Deutschlands weitergeht. Selbst das RKI hat mittlerweile erklärt, zuverlässiger als die kaum mehr vernünftig zählbaren Ansteckungen oder die problembehaftete Hospitalisierungsrate seien die Daten zu akuten Atemwegserkrankungen – denen Covid-19 zugeschlagen wird. Die allerdings werden bis auf Weiteres nur bundesweit ermittelt. Zahlen zu einzelnen Bundesländern gibt es nicht. Auch das verdeutlicht, dass Deutschland sich gerade weitgehend im Datenblindflug durch die Pandemie laviert.