Kinderarzt wirdimmer mehr zum Mangelberuf. Foto: imago//Matej Kastelic

Die Versorgung mit Kinderärzten in Stuttgart verschlechtert sich weiter. Wieder hat ein Pädiater seinen Kassensitz zurückgegeben, eine Kinderärztin geht in den Ruhestand. Nachfolger sind nicht in Sicht. Die Stadt will mit einem Förderprogramm dagegenhalten.

Wer mit seinen Kindern als Kassenpatient bisher bei Pädiater Hans-Georg Spannagel in Stuttgart in Behandlung gewesen ist, der erlebte in den vergangenen Wochen eine unerfreuliche Überraschung. Der Kinderarzt teilte den Familien mit, dass er seinen Kassensitz Ende Juni aufgegeben habe. Gerne hat er das nicht getan und lange mit sich gerungen, macht der 67-Jährige deutlich. Aber wegen des gestiegenen Drucks sieht Spannagel nach 32 Berufsjahren keinen anderen Weg. Schon in den zurückliegenden Jahren sei er „an und über meine Belastungsgrenze gegangen“.

 

Die Liste der Ursachen für diese Lage ist ziemlich lang. Seit Jahren sucht der Kinderarzt einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Doch vergeblich. Dabei liegt die Praxis günstig in der Innenstadt. Und seit Längerem leidet er wie viele niedergelassene Mediziner an einer „prekären Personalsituation“ bei den Medizinischen Fachangestellten, „die sich akut erneut verschärft hat“. Dazu komme ein wachsender Druck durch die Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung zur Digitalisierung der Arztpraxen und „unzählige“ Selektivverträge der Kassen mit Pharmaherstellern, welche die Arbeit sehr aufwendig machten, „inklusive medizinischer Handlungseinschränkungen“.

Es geht als Privatpraxis weiter

Weil ihm der Beruf des Kinderarztes aber noch immer Freude macht, hat er sich entschlossen, künftig als Privatpraxis weiterzumachen. „Der Schritt fällt mir nicht leicht“, betont Spannagel. Schließlich seien ihm seine kleinen Patienten „ans Herz gewachsen“. Bis jetzt seien „etwa 40 Prozent“ der Familien mit ihren Kindern dabeigeblieben. Ob er damit über die Runden komme, werde sich zeigen, sagt der Kinderarzt.

Spannagel ist kein Einzelfall. Ähnlich gelagert sind die Erfahrungen der Kinderärztin Krit Heinicke in Stuttgart-Münster. Über viele Jahre hatte sie die Praxis mit ihrer Mutter, die ebenfalls Kinderärztin ist, als Gemeinschaftspraxis geführt. Nun hört die Mutter Ende dieses Monats auf. Sie ist inzwischen im Rentenalter. Mehr als zehn Jahre lang suchte sie intensiv einen Kollegen oder eine Kollegin als Unterstützung. Aber ohne Erfolg. Zuletzt hat Krit Heinicke die Stelle für eine Dienstzeit von 9 bis 12 Uhr annonciert. „Das wäre ideal für eine junge Mutter“, sagt die Pädiaterin, die selbst zwei schulpflichtige Kinder hat. Sehr hoffnungsvoll klingt sie nicht.

Jüngste Entwicklungen geben zu denken

Hilfe bräuchte die Kinderärztin jetzt auf jeden Fall. Sie übernehme von den kleinen Patienten, die ihre Mutter bisher behandelt hat, zwar so viele wie möglich. „Ich kann aber nicht die Arbeit von zwei Ärzten machen“, sagt sie – auch wenn ihr das hörbar leidtut. Die Belastung sei ohnehin sehr groß. Auch Krit Heinicke klagt über zu viel Bürokratie in der Praxis, von der sie sich mitunter geradezu gegängelt fühlt. Dass die Kassenärztliche Vereinigung nun sogar prüfen will, wie sie in der Praxis mit dem Ultraschall umgeht, empfindet die Medizinerin als zeitaufwendige und völlig unnötige Zumutung. Auch Krit Heinicke hängt an ihrer Arbeit, „ich mache das nicht nur als Job“, sagt sie. Dennoch fragt sie sich oft, ob sie nicht besser aufhören sollte, wenn ihr der Praxisalltag mal wieder vorkommt „wie ein Fass ohne Boden“.

„Eine schlechte Lage wird noch schlechter“, kommentiert Özgür Dogan die jüngste Entwicklung. Der Fachkräftemangel in der Pädiatrie nehme weiter zu, mit der Folge, dass die verbleibenden Praxen noch stärker unter Druck gerieten, sagt das Mitglied des Obleute-Teams der Stuttgarter Kinderärzte. Die Praxen müssten immer häufiger verzweifelte Eltern abweisen, die keinen Pädiater für ihr Kind finden. Özgür Dogan hat das kürzlich selbst erlebt, als seine Praxismitarbeiterinnen zur Fortbildung waren und er den Telefondienst gemacht hat. Die Anrufe der in ihrer Not bittenden Eltern hätten ihn „ziemlich getroffen und runtergezogen“.

Laut Statistik sind derzeit in Stuttgart 65 Kinderärzte auf 52 Vollzeitstellen tätig. Alleine in den zurückliegenden beiden Jahren haben vier niedergelassene Pädiater ihre Tätigkeit beendet, die oben genannten Fälle noch nicht mitgerechnet. Dazu kommt, dass Ende des Monats noch eine Allgemeinärztin in Stuttgart-Mitte, die fast ausschließlich Kinder und Jugendliche behandelt hat, ihre Praxis ebenfalls schließt. Dabei ist die Zahl der zu versorgenden Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in der Landeshauptstadt seit 2022 von „rund 97 000 auf 99 000 gestiegen, das sind 2000 Kinder mehr“, sagt Christina Cyppel. Sie ist Gesundheitsplanerin bei der Stadt. Offensichtlich ist der eklatante Kinderärztemangel in Stuttgart seit Frühjahr 2022, als der Pädiater Thomas Jansen aus Altersgründen seine Praxis in Neugereut aufgab und keinen Nachfolger fand. Den größten Mangel sieht Özgür Dogan in Bad Cannstatt. „Von dort bekommen wir sehr viele Anrufe“, sagt er. Dort sei die Versorgung in den vergangenen Jahren auch „immer dünner geworden“. Stefan Ehehalt, der Leiter des städtischen Gesundheitsamts und selbst Kinderarzt, erklärt, man habe in der Kinderarztversorgung eine neue Stufe des Mangels erreicht. Angesichts der noch zusätzlichen Dynamik durch die jüngsten Fälle müsse man dringend gegensteuern. Zumal in Stuttgart 34 Prozent der ambulant tätigen Kinderärzte 60 Jahre und älter sind.

Man gehe davon aus, dass sich die Situation eher verschlechtern wird, erklärt Kai Sonntag, der Sprecher Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), auf Anfrage. Inzwischen habe man selbst in einer Großstadt wie Stuttgart die gleichen Probleme wie in ländlichen Regionen. Man sei in einer Lage, wie man sie vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte, stellt die Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) fest. Die Beschwerden aus der Bevölkerung hätten „sehr stark zugenommen“. Es bestehe die Gefahr, dass gerade sozial schwächere Familien mit ihren Kindern durchs Raster fielen. Wie Stefan Ehehalt und Özgür Dogan fordert auch Alexandra Sußmann eine Erhöhung der Medizinstudienplätze. Bewerber gebe es genug.

Die Situation wird sich Stand jetzt eher weiter verschlechtern

Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann sieht eine Gefahr für sozial schwächere Familien. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der Kinderarztmangel sei kein unlösbares Problem, ist Stefan Ehehalt überzeugt. So müsse endlich das Nadelöhr Weiterbildung geöffnet werden. Es fehle an geförderten Weiterbildungsplätzen für Kinderärzte insbesondere in Arztpraxen. Dort arbeiteten die Jungärzte schon mit, die Praxen erhielten Fördermittel. Doch anders als bei den Hausärzten sei der Fördertopf bei den Pädiatern gedeckelt. Das müsse sich ändern. Stefan Ehehalt: „Da muss jetzt gehandelt werden.“

Die Stadt ist seit zwei Jahren mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Kinderärzten zu diesen Themen im Gespräch. Auch wenn die Kommune nicht zuständig ist, hat die Sozialverwaltung einige Maßnahmen ergriffen, um Verbesserungen zu erreichen. So wurde bei der Wirtschaftsförderung eine Anlaufstelle eingerichtet, wo sich Ärzte, die sich in der Landeshauptstadt niederlassen wollen, melden können.

Nun will die Sozialverwaltung ein Förderprogramm auflegen, das Ärzten die Niederlassung erleichtert, etwa durch Investitionskostenzuschüsse oder die Unterstützung von Praxisfusionen, Übernahmen oder die Anstellung anderer Mediziner. Im Haushalt sind dafür 260 000 Euro vorgesehen. In wenigen Wochen wird der Sozialausschuss des Gemeinderats darüber entscheiden.