Weniger Neufahrzeuge können wegen des Chipmangels in der Region Stuttgart zugelassen werden. Besonders betroffen davon scheint der Autobauer Daimler zu sein.
Stuttgart - Voll durchgeschlagen hat der Chipmangel im Neuwagengeschäft. Seit Mai regiert der Frust – bei Autokäufern und bei den Händlern. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sanken die Neuzulassungen in der Region Stuttgart im Vergleich zum Vorjahr von knapp 155 000 Stück auf beinahe 96 000 Stück.
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Das ist ein Rückgang um 40 Prozent. „Wir gehen in der Region von einem Umsatzverlust von 500 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr aus“, sagt Innungsgeschäftsführer Christian Reher.
Gemessen an den Absatzzahlen von Januar bis September in Deutschland muss man davon ausgehen, dass unter den Premiumherstellern der Chipmangel Daimler am heftigsten getroffen hat: Der Absatz der Marke mit dem Stern brach in den ersten neun Monaten regelrecht ein, von 190 843 Fahrzeugen 2020 auf 152 514 in 2021. Während bei Daimler das Band immer wieder stillsteht, spricht der Münchener Konkurrent nur von „vereinzelten Anpassungen im Produktionsprogramm“. BMW meldet für den deutschen Markt im Chipkrisenjahr sogar ein Plus von 1,4 Prozent auf 204 842 Einheiten. Nicht so kräftig wie bei Daimler sank der Absatz von Audi: Auf dem deutschen Markt wurden bis Ende September an die sieben Prozent weniger Autos ausgeliefert – 142 976 Stück.
Lieferzeiten von bis zu 24 Monaten für manche Modelle
Neuwagenhändler sind verzweifelt. Bei einigen Modellen betragen die Lieferzeiten bis zu zwölf Monate. Bei der Mercedes-G-Klasse sollen es sogar 24 Monate sein. Die Autohäuser äußern sich nur hinter vorgehaltener Hand. „Ich hätte nie gedacht, dass mir einmal die Ware ausgeht. Bisher hielt ich die Mangelwirtschaft für ein Phänomen des Sozialismus“, stöhnt ein Händler, der Peugeot und Fiat vertreibt. Ein Beispiel: „Ein Kunde hat im Februar einen Peugeot bestellt, da hieß es, er kommt im Juni. Jetzt ist es Oktober geworden, bis das Auto da ist.“
Händler berichten von unerledigten Aufträgen in nie gekannter Stückzahl. Der Auftragsbestand sei drei- bis viermal so hoch wie zu normalen Zeiten. Nervtötend für Handel und Kundschaft: „Lieferzusagen werden seitens der Hersteller permanent über Bord geworfen. Heute kann niemand mehr sagen, wann ein bestelltes Auto geliefert wird.“ Vor allem Leasingkunden haben damit ein großes Problem. In der Regel wird dann der Leasingvertrag verlängert.
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Die Stimmung zwischen Händlern und Herstellern ist gereizt. Der Präsident des Kfz-Verbandes im Südwesten, Michael Ziegler, macht den Konzernen Vorwürfe: „Die Krise im Neuwagengeschäft durch den Chipmangel wird auf dem Rücken des Handels ausgetragen.“ Die Hersteller ließen den Handel mit den massiven Einbrüchen bei den Auslieferungen und dem Ärger der Kunden allein. „Es gibt so gut wie keine finanzielle Unterstützung vonseiten der Hersteller für das Händlernetz.“ Der Beigeschmack der Krise sei schal: „Die Gewinne der Hersteller schießen in die Höhe, während viele Händler um die nackte Existenz kämpfen.“
Vorwürfe gegen Autobauer
Niemand kann es beweisen. Viele in der Branche mutmaßen aber, dass die Hersteller gezielt in Deutschland das staatliche Kurzarbeitergeld abgreifen. Betriebswirtschaftlich spricht viel dafür: Die Bänder laufen in den Ländern, wo es die Unterstützung vom Staat nicht gibt. Ausgeliefert werden die Autos dann vor allem auf den Märkten, wo die Margen am höchsten sind – in China und den USA zum Beispiel. Händler beobachten zudem: „Spritsparende Modelle kommen schneller.“ Die Hersteller hätten genau die CO2-Flottengrenzwerte im Blick und lieferten in Europa vornehmlich Modelle aus, die Strafzahlungen an die EU vermeiden helfen. Wer heute einen Spritschlucker bestellt, muss sich also ganz hinten anstellen.
Die Hersteller lassen die Vorwürfe abprallen. Es seien „bestimmte Priorisierungen“ in der Produktion notwendig, heißt es bei Daimler. Welche? Darüber schweigt man sich aus. Audi erklärt: „In unserem Produktionsprogramm orientieren wir uns an den Verfügbarkeiten.“ BMW erklärt: Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen könne man nicht „auf die Vertriebsstrategie eingehen“.
Audi liefert Autos nur mit einem Schlüssel aus
Je nach Marke treibt die Mangelwirtschaft andere Blüten: Audi lieferte zeitweise seine Autos nur mit einem Schlüssel aus – zwei Schlüssel sind sonst der Standard. Von Daimler hört man, dass wohl immer wieder auch abgespeckte Fahrzeuge dem Kunden übergeben werden. Immer wieder scheint das gewünschte Navigationsgerät nicht geliefert werden zu können. Bei Porsche trifft es Kunden, die als Extra eine elektrische Lenksäulenverstellung geordert hatten. Porsche betont: Wenn der Kunde einverstanden sei, werde der Wagen mit manueller Verstellung ausgeliefert und nachgerüstet, sobald das fehlende Bauteil wieder vorhanden sei.
Hersteller betonen, dass sie auf Kulanz setzen: Bei abgespeckten Fahrzeugen sei „eine Nachrüstung aus technischen Gründen nicht immer möglich“, teilt Daimler mit. „Entscheiden sich Kunden für eine reduzierte Ausstattung“, werde der Kaufpreis selbstverständlich angepasst.