Experten warnten zum Weltdiabetestag vor Arzneimittel-Engpässen. Auch in Stuttgart muss man damit rechnen, dass nicht alle Diabetes-Mittel vorrätig sind.
Das Problem ist nicht neu: 41 Prozent der Menschen in Deutschland haben beim Kauf von Medikamenten laut einer Umfrage bereits Engpässe erlebt. Auch in nächster Zeit wird sich daran laut Experten wenig ändern. Betroffen sind derzeit vor allem Antibiotika, Asthma-Sprays – „aber auch Diabetiker müssen damit rechnen, dass ihre Medikamente nicht immer in der Apotheke vorrätig sind“, warnt Ralf Lobmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Württemberg (ADBW) sowie Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Klinikum Stuttgart, aus Anlass des Weltdiabetestags am 14. November.
Dazu geführt haben, vereinfacht gesagt, eine Mischung aus weltweiten Krisen, schlechter Planung, Abhängigkeiten von Lieferketten, Rückzug heimischer Hersteller durch Preis-Dumping, Verlagerung der Arzneimittelproduktion in unzuverlässige Länder und fehlende staatliche Eingriffe.
Ein Problem sei unter anderem weiterhin die mangelnde Verfügbarkeit von so genannten GLP-1-Agonisten wie Trulicity oder Ozempic, das auch der bekannteste Wirkstoff bei den „Abnehmspritzen“ ist. Durch die steigende Verwendung als Lifestyle-Medikament sei der Markt angespannt, so Lobmann. Auch in Stuttgart und in der Region. Zuweilen müssen Betroffene bis zu zehn Apotheken abtelefonieren, bis das gewünschte Mittel bestellt werden kann.
Stuttgarter Apotheken suchen nach Ersatzmitteln
Eines der Probleme, das zu Engpässen beiträgt: Die Produktion älterer, etablierter Mittel lohnt sich für Pharmaunternehmen oft nicht mehr. Sie werde daher reduziert oder ganz eingestellt, um Kapazitäten für die Herstellung neuer Medikamente zu schaffen, mit denen international mehr zu verdienen sei, erklärt der Mediziner Lobmann.
„Hier ist es aber zunehmend so, dass diese innovativen Produkte bei uns gar nicht erst erhältlich sind“, so der Stuttgarter Mediziner weiter. Eine Folge: Die Therapiebreite werde eingeengt. Doch in der Pharmaindustrie gehe es um Gewinne. Für global agierende Firmen sei somit etwa der US-Markt lukrativer: „Im außereuropäischen Ausland kann man höhere Preise aufrufen.“
Einst habe Deutschland als „Apotheke der Welt“ gegolten: „Jetzt sind wir abgehängt“, kritisiert Lobmann. Etwa 80 Prozent der in Europa verwendeten Wirkstoffe stammen aus China und Indien. Lieferengpässe und Produktionsende sind aber nicht gleichbedeutend mit einem Versorgungsstopp. „Apotheker vor Ort nutzen all ihre Verbindungen, um adäquate Ersatzpräparate zu besorgen“, beruhigt Björn Schittenhelm, Apotheker in Holzgerlingen und Esslingen sowie Vorstandsmitglied der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg – was allerdings mit einem Mehraufwand verbunden sei, der den Apotheken bisher nicht vergütet werde.
Patienten in Stuttgart sollen Rezepte rechtzeitig bestellen
Auch Patientinnen und Patienten sind zur Mitarbeit aufgerufen: „Man darf nicht hamstern, das ist keine Lösung“, schränkt Lobmann ein. Doch es bedarf an Planung: Neige sich die benötigte Arznei dem Ende zu, sollte man sich rechtzeitig an die Arztpraxis wenden und um ein neues Rezept kümmern.
Die Folgen des Mangels sind drastisch spürbar. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind inzwischen mehr als 500 Medikamente nicht oder nur eingeschränkt lieferbar. Zum Vergleich: 2013 gab es gerade mal 42 Engpassmeldungen. Doch wie lässt sich gegensteuern? „Die strukturellen Probleme kann man nicht kurzfristig lösen“, fasst Schittenhelm zusammen. Das Thema sei komplex.
Bereits 2020 hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefordert, man müsse die Produktion wieder nach Europa verlagern. Auch die Ampel-Koalition kündigte 2021 an, man wolle Engpässe „entschieden bekämpfen“ – es blieb bei Absichtserklärungen. Umso wichtiger, dass nun endlich gehandelt werde: „Es muss sich in den Köpfen verankern, dass die Arzneimittelproduktion zur kritischen Infrastruktur gehört. Dass es somit angesichts von drohenden Konflikten Priorität haben sollte, die Produktionskapazitäten in Europa zu stärken“, fordert Schittenhelm.
Laut Experten müssen hierzu Pharmaindustrie, Großhändler, Krankenkassen und Politik gemeinsam mit Ärzte- und Apothekerverbänden an Lösungen arbeiten. Und in der Tat: Es kommt wieder Bewegung in das Thema. Die Bundesregierung hat am Mittwoch mit der Pharma- und Medizintechnikbranche im Kanzleramt über eine bessere Arzneiversorgung und attraktivere Standortbedingungen diskutiert.
Beliebtem Mittel Metformin droht das Aus
Obwohl die Probleme erkannt seien, gebe es weiterhin politische Entscheidungen, die zur Verschärfung beitragen: „Umweltschutz ist wichtig“, so Lobmann. Laut einer neuen Abwasser-Richtlinie der Europäischen Union muss sich die Pharmaindustrie künftig aber an den Kosten einer weiteren Reinigungsstufe in Kläranlagen beteiligen, um Arzneimittelrückstände aus dem Abwasser zu filtern. „Metformin könnte somit bald vom Markt verschwinden.“ Bei Metformin handelt es sich um einen der wichtigsten oralen Wirkstoffe zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2. Er wird mit dem Urin ausgeschieden und findet sich somit im Abwasser in relevanten Mengen. Den Herstellern könnten für ein finanziell inzwischen ohnehin wenig lukratives Mittel die Kosten zu hoch werden – und das Ende von Metformin somit besiegelt sein.