Unter Coach Ralf Rangnick spielt Manchester United zwar solider, doch noch immer ohne den richtigen und vom Umfeld erhofften Glanz.
Manchester - Es war ein Signal zur richtigen Zeit. Am Sonntag spielte Manchester United bei Leeds United. Die Clubs verbindet eine der schärfsten Rivalitäten im englischen Fußball, dementsprechend hitzig war die Stimmung an der Elland Road. Die Polizei war mit einem Rekordaufgebot im Einsatz und konnte trotzdem nicht verhindern, dass die Profis des Rekordmeisters mit Flaschen und Münzen beworfen wurden.
Der Regen war selbst für nordenglische Verhältnisse heftig, die Mannschaften rutschten unkontrolliert über den Rasen. Dass der deutsche Leeds-Verteidiger Robin Koch mit einer Platzwunde am Kopf noch eine Viertelstunde weiterspielte, ehe er ausgewechselt wurde, passte ins Bild dieser wilden Veranstaltung.
Lesen Sie aus unserem Angebot: RB Leipzig mit 6:1- Kantersieg gegen Berlin
Manchester Uniteds Interimstrainer Ralf Rangnick konnte dieses Spiel gut gebrauchen. Der 4:2-Erfolg eignete sich ideal zur Einstimmung auf die nächste Verabredung mit einem unbequemen Gegner in feindseliger Atmosphäre, das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League an diesem Mittwoch bei Atlético Madrid. Aus Rangnicks Sicht war der Sieg ein Signal: dass nämlich der Charakter und die Geschlossenheit in seinem Ensemble intakt sind, anders, als es die britische Presse zuletzt berichtet hatte. „So ein Spiel kann man nur mit der Mentalität einer Mannschaft gewinnen“, sagte der Coach. Ganz nebenbei entspannte das 4:2 seine eigene Lage.
Es ist ja so: Dem Hype, der um Rangnicks Verpflichtung Ende November geherrscht hatte, ist er bislang nicht gerecht geworden. Englands Öffentlichkeit hatte ihn als „Godfather of Gegenpressing“ empfangen, von einer Revolution im Old Trafford war die Rede. Beziehungsweise: von einer Ralf-olution. Davon ist nach knapp drei Monaten wenig zu spüren. Der Rekordmeister spielt ähnlich wechselhaft wie unter Rangnicks Vorgänger Ole Gunnar Solskjaer, brilliert nur phasenweise und gibt immer wieder Führungen und damit Punkte ab, gegen Gegner wie Burnley oder Southampton.
Verbesserte Defensive
Rangnick verweist zu seiner Verteidigung auf die Zahlen, und das mit gutem Recht. Er gewinnt prozentual mehr Spiele als Solskjaer, holt im Schnitt mehr Punkte. Die Defensive hat sich verbessert. Die Mannschaft kassiert weniger Schüsse aufs Tor und weniger Treffer. In der Tabelle ging es aufwärts seit Rangnicks Ankunft, vom sechsten auf den vierten Platz. Die Qualifikation zur Champions League, der wichtigste Auftrag für den Deutschen, ist in Reichweite. Nur fühlt sich das Ganze eben nicht nach Aufbruch an, sondern eher „underwhelming“, wie die Engländer sagen: wenig überzeugend.
Zu diesem Eindruck tragen Probleme neben dem Platz bei. Interna aus der Kabine werden in die Öffentlichkeit transportiert. Zuletzt wurde von einem angeblichen Zerwürfnis zwischen Kapitän Harry Maguire und Cristiano Ronaldo berichtet. Auch heißt es, dass Rangnick an einem Autoritätsdefizit leide, weil er zum ersten Mal einen großen Club betreut, und das nur auf Zeit. „Ralf Rangnick ist ein glorifizierter Aushilfslehrer, und die Spieler wissen das“, kommentierte im Januar der seriöse „Daily Telegraph“.
Kein Sohn des Clubs
Wofür der Trainer geschätzt wird, ist die Tatsache, dass er kein Sohn des Clubs ist – anders als Solskjaer – und deshalb keine falsche Höflichkeit zeigt. Bei seinen Analysen ist er erfrischend offen, zum Beispiel, als er Jadon Sanchos Eingewöhnungsprobleme mit dem Druck nach dessen Wechsel aus Dortmund für 85 Millionen Euro erklärte.
Übermäßigen Respekt vor dem größten Namen im Team hat Ralf Rangnick überdies nicht: Cristiano Ronaldo sitzt gelegentlich auf der Bank oder wird ausgewechselt. Der Trainer weiß, dass er den Job nur bis zum Ende der Saison ausübt, dann wird er Berater bei United. Vielleicht nimmt er deswegen weniger Rücksicht auf die Befindlichkeiten seiner Super-Egos.
Cristiano Ronaldo ist eine ambivalente Figur. In der englischen Öffentlichkeit setzt sich die Erkenntnis durch, dass seine Verpflichtung im Sommer ein Fehler war. Allerdings ist er mehr als jeder andere United-Profi in der Lage, Spiele alleine zu entscheiden. Vor allem in der Champions League brilliert Ronaldo. An ihm machen sich die Hoffnungen der United-Gemeinde fest, dass der Club zarte Außenseiterchancen auf den Gewinn der Königsklasse hat.
Im Halbfinale war Schluss
Der Trainer Ralf Rangnick war diesem Ziel schon einmal nahe, und zwar im Jahre 2011. Mit Schalke 04 kam er bis ins Halbfinale. Dort war Schluss, ausgerechnet gegen Manchester United. 0:2 und 1:4 lauteten die Ergebnisse. Das Rückspiel im Old Trafford sollte Rangnicks letzte K.-o.-Partie in der Champions League für fast elf Jahre bleiben. Bis zum Treffen mit Atlético Madrid an diesem Mittwoch (21 Uhr/DAZN).