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Die europäischen Großvereine entdecken den Frauenfußball und wollen die Bundesliga überholen. In Deutschland halten sich viele Clubs zurück, auch der VfB Stuttgart. Wie lange noch?

Stuttgart - Es sind bewegte Tage für die Fußballabteilung des VfL Wolfsburg. Erst gewann das Frauenteam die deutsche Meisterschaft und ließ am vergangenen Samstag den Pokalsieg folgen. Dann feierten die Männer durch ihre Relegationssiege gegen Holstein Kiel den Klassenverbleib in der Bundesliga. Jetzt sind wieder die Frauen an der Reihe: An diesem Donnerstag (18 Uhr/Sport 1) stehen sie in Kiew im Champions-League-Finale gegen die Dauerrivalinnen von Olympique Lyon und haben die Chance, das zweite Triple nach 2013 zu holen.

An Rückenwind fehlt es den Wolfsburgerinnen also nicht – trotzdem ist Sportdirektor Ralf Kellermann nicht ohne Sorgen in die ukrainische Hauptstadt gereist: „Wir werden international gerade in vielen Bereichen überholt“, sagt der frühere VfL-Trainer: „Wenn wir mit einem deutschen Team in Europa konkurrenzfähig bleiben wollen, haben wir eine Menge Arbeit.“

Die Gewichte haben sich verschoben – bei der Nationalelf und im Vereinsfußball

Jahrelang war Deutschland die unumstrittene Nummer eins im Frauenfußball. In Serie gewannen Bundesliga-Clubs die Champions League; die DFB-Frauen feierten seit 1989 ein Olympiagold, zwei WM- und acht EM-Titel. Mittlerweile aber haben sich die Gewichte verschoben. Vor allem auf Nationalmannschaftsebene, auf der die deutsche Auswahl bei der jüngsten EM kläglich scheiterte, aber zunehmend auch im internationalen Vereinsfußball.

Es sind nicht mehr allein die französischen Teams von Olympique Lyon und Paris St-Germain, die zu den Konkurrenten im Kampf um den europäischen Fußballthron gehören. Mittlerweile haben auch in die Weltclubs aus Spanien, Italien und vor allem England ihr Herz für den Frauenfußball entdeckt und rütteln an den Machtverhältnissen. In Italien feierte Juventus Turin in dieser Saison nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen die Meisterschaft. In Spanien machten Atletico Madrid und der FC Barcelona den Titel unter sich aus – zwei weitere Großkaliber des Weltfußballs, die schon länger Frauen-Profiteams unterhalten.

Real Madrid plant offenbar den Generalangriff mit Rekordbudget

Bald könnte auch die größte Marke hinzukommen: Real Madrid. so heißt es schhon länger, plane den Generalangriff und habe dafür einen Etat von 15 Millionen Euro veranschlagt. Es wäre mehr als das Vierfache dessen, was der der deutsche Branchenführer aus Wolfsburg mit geschätzten 3,5 Millionen investiert.

Besonders groß ist die Goldgräberstimmung in England, das auf dem besten Weg ist, auch für Frauen zum gelobten Fußball-Land zu werden. Schon kleine Teile ihrer gigantischen Fernsehgelder genügen den Premier-League-Clubs, um mit Frauenteams weltweite Imagewerbung zu betreiben. Chelsea, Liverpool, Arsenal, Manchester City und demnächst auch Manchester United – keiner der Großen verzichtet mehr darauf, auch Frauen in seinen Clubfarben aufs Feld zu schicken.

In England sollen nur noch Vollprofis spielen und die Stadien füllen

Von der neuen Saison an sollen in der Women’s Super League (WSL) nur noch Vollprofis spielen – eine Revolution im europäischen Frauenfußball. Dann, so hoffen die Clubs, werden noch mehr Fans in die Stadien strömen. Beim jüngsten FA-Cup-Finale zwischen den Frauen des FC Chelsea und des FC Arsenal kamen 45 423 Zuschauer ins Wembleystadion – Rekord.

In Köln hingegen mussten am Wochenende wie üblich leere Sitzreihen mit Planen abgehängt werden, als Wolfsburg das Traumfinale gegen den Vizemeister FC Bayern im Elfmeterschießen gewann. 17 692 Zuschauer waren gekommen, was ziemlich genau dem Schnitt entspricht, seit das Frauenfinale 2010 vom Männerendspiel in Berlin abgekoppelt wurde und als eigener Saisonhöhepunkt vermarktet wird.

Rückläufige Besucherzahlen in der Bundesliga

Rückläufig sind die Besucherzahlen in der Bundesliga. Durchschnittlich nur 806 Zuschauer kamen in dieser Saison – rund 150 weniger als im Vorjahr. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, zumal ein Ausverkauf der Stars droht. DFB-Kapitänin Dzsenifer Marozsan wechselte schon 2016 von Frankfurt nach Lyon, wo sie statt 3000 Euro im Monat bis zu 30 000 verdienen soll. Dem Ruf aus England dürften bald einige andere prominente Auswahlspielerinnen folgen.

„Es mag sein, dass es in Frankreich oder England Clubs gibt, die uns mittlerweile eine Nasenspitze voraus sind, was Budget oder professionelles Umfeld betrifft“, sagt sagt Heike Ulrich, die als „Direktorin Verbände, Vereine und Ligen“ den gesamten Spielbetrieb unter dem DFB-Dach verantwortet: „Aber das große Plus unserer Bundesliga ist die Wettbewerbsausgeglichenheit. Bei uns kann auch mal der Achte den Tabellenführer schlagen. Das gibt es in anderen Ländern nicht.“

Die Entwicklung in England soll auch für Deutschland zum Motor werden

Mit großem Interesse verfolgt Heike Ullrich (48) den Frauenfußball-Boom in England. „Dass sich dort immer mehr große Proficlubs ernsthaft im Frauenfußball engagieren, ist genau die Entwicklung, die wir brauchen. Das könnte auch für Deutschland ein Motor werden. Es wäre schön, wenn auch bei uns mehr Spitzenvereine den Frauenfußball entdecken. Mit diesem Thema müssen wir uns mittelfristig intensiv auseinandersetzen.“ Zuletzt spielten in Bundesliga neben Wolfsburg und Bayern nur der SC Freiburg, die TSG Hoffenheim, Werder Bremen und der 1. FC Köln mit. Während Köln abgestiegen ist, kommen in der neuen Saison immerhin Mönchengladbach und Bayer Leverkusen hinzu.

Beim VfB steht das Thema Frauenfußball vorerst nicht auf der Agenda

Viele andere Clubs setzen vorerst weiter allein auf die Männer – dazu zählt auch der VfB Stuttgart. Das Präsidium hat festgelegt, den Fokus in diesem Jahr auf die Stärkung der bestehenden Abteilungen zu richten. Ob es mittelfristig Platz für Frauenfußball gebe, gegebenenfalls auch in Form einer Kooperation mit dem Zweitligisten VfL Sindelfingen – das lässt der VfB offen.

DFB-Direktorin Ullrich hält nichts davon, „den Vereinen eine Frauenmannschaft aufzuzwingen“; es dürfe auch „kein reines Alimentierungsgeschäft“ sein. „Sie müssen davon überzeugt sein und den Mehrwert erkennen.“ Um „den Imagefaktor“ gehe es, um „die gesellschaftliche Verantwortung“, um „neue Zielgruppen“, die man erreichen könne. „Und ganz nebenbei: in Wolfsburg sind neben den Männern auch die Frauen Aushängeschild.“

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