Es geht nicht darum, den großen Macker zu spielen oder jemandem wehzutun: Tom Nietzschke boxt mit Kathrin Schultheiß Foto: Pressefoto Baumann

Mit Schmetterlingen verzierte Boxhandschuhe und rosa Shorts. Machos haben beim Manager-Boxen keinen Platz. Trotzdem lernen Männer und Frauen hier, ihren Mann zu stehen.

Stuttgart - Es riecht nach Gummi und Schweiß. Samstagnachmittag in einem Hinterhof in Ludwigsburg. Um den Boxring in einem garagenartigen Gebäude haben sich fünf Frauen und drei Männer versammelt. Zum Manager-Boxen. Aus der Stereo-Anlage hämmert ein Elektro-Beat. Von der Decke hängen mannshohe Boxsäcke herunter. Evelyn Venzke gibt Kommandos. Die Männer und Frauen hüpfen in Kämpfermanier herum und boxen mit kleinen Hanteln in den Fäusten gegen ihren Schatten.

Evelyn Venzke trägt ein pinkfarbenes Muskelshirt und Radlerhosen. Über die hautenge Hose hat sie eine rosa Boxershort gezogen. Darauf steht in silberner Glitzerschrift der Name des thailändischen ­Herstellers. Sie ist eine blonde Frau mittleren Alters mit Kurzhaarschnitt. Sie lächelt viel. Mit ihren strahlend weißen Zähnen könnte sie auch Werbung für Zahncreme machen. Ihre Schüler sind allesamt Büroangestellte, Akademiker. Leute, die sich in ihrem Alltag wenig bewegen und denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, dass sie in ihrer Freizeit die Boxhandschuhe schnüren. Venzke hat sich ihrem Publikum angepasst. Sie benutzt gerne Wörter wie „Transfer“, „interaktiv“, „progressiv“ oder „nonverbal“. Ihre Schüler scheinen das zu schätzen. Es gibt ihnen das Gefühl, jemanden vor sich zu haben, der ihnen intellektuell gewachsen ist.

Eine ihrer Teilnehmerinnen ist Tina Hemp. Die 29 Jahre alte Bankkauffrau aus Asperg hat schon viele Sportarten aus­probiert, aber nirgendwo richtig Fuß gefasst. „Ich habe Tae Bo, Zumba und sogar Hula gemacht“, sagt sie. Nichts konnte sie richtig überzeugen. Dann ging sie zum ­Probetraining bei Evelyn Venzke. „Ich konnte mich vier Tage lang vor Schmerzen nicht bewegen“, sagt sie – Muskelkater. Aber es war gut. Half ihr, den eigenen Körper besser kennenzulernen. Seitdem ist sie zweimal in der Woche beim Manager-Boxen. Für Tina Hemp ist das mehr als nur ein Sport. „Ich gewinne ganz viel Stärke“, sagt sie. Auch für die Arbeit. „Ich konnte viel selbstbewusster auftreten.“

Beim Boxen kann sie rauslassen, was sich den Tag über angestaut hat. „Ich bin eine Zähneknirscherin, fresse den Frust in mich hinein.“ Da ist sie froh, wenn sie so richtig auf den Boxsack eindreschen kann. „Wir kämpfen im Partnertraining eigentlich nicht richtig, aber es kann schon mal vorkommen, dass man eine auf die Nase kriegt.“ Früher hätte die Frau, auf deren Boxhandschuhen Schmetterlinge aufgedruckt sind, in so einer Situation vielleicht angefangen zu weinen. Heute kann sie besser einstecken, auch verbal. Das gibt ihr Selbstsicherheit, im Privatleben und bei der Arbeit. Auch ihrem Freund gefällt das. Er hat zu Hause einen Boxsack an die Decke gedübelt, damit sie trainieren kann.

Für Tom Nietzschke ist das Manager-Boxen eher ein Schritt zurück. Der durchtrainierte 48-Jährige aus Hemmingen hat etwas Gas herausgenommen. Er geht viermal die Woche ins Fitnessstudio. Früher hat er auch noch Rugby gespielt und Karate gemacht. Jetzt macht er außer Fitness nur noch das Boxen. Beruflich ist der Ingenieur körperlich eher wenig gefordert. Er arbeitet als technischer Redakteur bei einem Automobilhersteller. Wenn er mit Tina Hemp oder anderen Frauen als Sparring-Partner trainiert, muss er sich zurücknehmen. Aber das klappt ganz gut.

„Du kannst volle Kraft zuschlagen, ich mach’ ganz langsam“, sagt er zu seiner Partnerin im Ring und hält die langen Arme als Deckung vors Gesicht. Ganz cool ist er. Es geht nicht darum zu zeigen, wer der größte Macker ist – das ist es, was Evelyn Venzke erreichen will. Sie hat mit dem Manager-Boxen eine Marktlücke getroffen. „Das sind Leute, die niemals in ein gewöhnliches Boxtraining gehen würden“, sagt sie. Typisches Publikum für ein Fitnessstudio eigentlich. Statt nur die Anzahl der verbrannten Kalorien zu zählen, bietet Venzke ihren Schülern etwas, das über das mechanische Sich-Bewegen hinausgeht.

Sie will ihnen die Angst nehmen. „Die Angst zu versagen ist die häufigste Art der Angst“, sagt sie. Das Resultat ist Stress, ein Notfallprogramm des Körpers, das eigentlich für Gefahrsituationen vorgesehen ist. Wenn es zum Dauerzustand wird, kann das krank machen. Venzke bringt ihren Boxschülern bei, keine Angst vor Herausforderungen zu haben. Hinzustehen. Sich was zuzutrauen. Und das scheint zu wirken. Tina Hemp und Tom Nietzschke fühlen sich im Alltag besser gerüstet durch das Training. Auch weil sie Evelyn Venzke als Menschen schätzen. „Von ihr kann man wirklich etwas fürs Leben lernen“, sagt Tom Nietzschke.

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