"Man muss eben mehr auf sich selbst hören"

Von STN 

Zwei neue Werke des Komponisten Daniel Smutny (33) werden an diesem

Zwei neue Werke des Komponisten Daniel Smutny (33) werden an diesem Wochenende beim Festival für Neue

Musik in Stuttgart uraufgeführt. Wir stellen den gebürtigen Mannheimer vor, der bei Hans Zender und Bernhard

Kontarsky in Frankfurt studierte.

Von Verena Großkreutz

In der heutigen Kunstmusik ist kompositorisch so gut wie alles erlaubt. Die heißen Gefechte um Stil, Schule und Technik sind längst Geschichte. Kaum etwas kann wirklich noch schockieren. Da haben es junge Komponisten schwer, sich im unbefangenen Nebeneinander unterschiedlichster Stile zu orientieren, ihren eigenen Weg zu finden.

Nicht so Daniel Smutny. "Ich bin damit groß geworden", sagt der, "dass es diese eine, eindeutige Musiksprache nicht gibt. Die Vielfalt stellt für mich keine große Irritation dar. Man muss eben mehr auf sich selbst hören."

Nicht zufällig ist Bernd Alois Zimmermann, der verschiedenartigste Stile in seine Werke einflicht, das große Vorbild des 1976 in Mannheim geborenen Komponisten. Smutny versteht sich nicht als typischer Avantgarde-Komponist, sondern vielmehr als postmoderner Branchenüberwinder. Er habe sich, betont er, in den letzten Jahren sehr verzweigt bewegt: zwischen Klangkunst, Pop-Elektronik, klassischer und zeitgenössischer Musik, und er sei offen gegenüber unterschiedlichsten Ausformungen von Musik.

Smutny kommt gerade von einer Probe des SWR-Vokalensembles, das sein neues Werk "Velouria" einstudiert. Das "Madrigalbuch für 24 Stimmen" wird an diesem Sonntag beim Neue-Musik-Festival Eclat im Stuttgarter Theaterhaus uraufgeführt. Er sei vorher sehr nervös gewesen, habe nachts kaum geschlafen. Das sei immer so vor der ersten Probe.

Dem 33-Jährigen wird bei Eclat auch der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart 2009 verliehen. Schon zum zweiten Mal. Diesmal für sein Streichquartett "So zaghaft diese Worte der Nacht".

Smutny ist sehr mitteilsam, genießt das ausführliche Reflektieren über sich, seine Werke und seine Stellung in der Gesellschaft. Er mag "diesen Elfenbeinturm" nicht, würde mit seiner Musik viel lieber in der Mitte der Gesellschaft stehen.

Schon im Alter von 14 Jahren war Daniel Smutny klar, dass er Komponist werden wollte. Das war keine einfache Situation, wurde er doch in ein Arbeiterelternhaus hineingeboren, nicht in eine Musikerfamilie. Er sei der Erste gewesen, der Abitur gemacht und studiert habe. Auch der Musikgeschmack seiner Eltern sei nicht gerade bildungsbürgerlich gewesen: "Wenn die Rock-Pop-Welt schon besetzt ist durch die Eltern, was bleibt einem denn dann in der Jugend?"

Smutny hat mit seiner klassischen Musikausbildung eine frühe Gegenposition eingenommen, erhielt Klavier-, Gesangs- und Theorie-Unterricht an der Musikschule seiner Heimatstadt Ludwigshafen. Über die Lehrer verselbstständigte sich die weitere Ausbildung dann schnell. Und so folgte nach der Schule das Kompositionsstudium bei Hans Zender in Frankfurt.

Woher das Interesse am Komponieren kommt? Begonnen hat alles mit Händels "Messias". Der jugendliche Smutny stand im Chor. "Die Massivität des Klangs und das Gefühl, Teil eines musizierenden Raumes zu sein: Das war eine so überwältigende Erfahrung, dass ich angefangen habe, das abzubilden, zu imitieren", sagt er. Um Musik verstehen zu lernen, quartierte sich der 15-Jährige bis zum Abitur "fast täglich" in der heimischen Stadtbibliothek ein, studierte Partituren, hörte Musik. Ein Umstand, der ihn stark geprägt hat: "Es war nicht vorbestimmt, was für Musik ich da in einer Schublade finde. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich querbeet durch eine Entwicklung von Musik begebe, sondern es war die permanente Präsenz aller Musik in einem Regal. Alles war gleichermaßen gegenwärtig und zugänglich."

Dementsprechend geht es Smutny, der seit zehn Jahren in Leipzig lebt, heute um eine Klanglichkeit, die möglichst vielfältige Bezüge und gegensätzliche Materialien zulässt. In seinem prämierten Streichquartett habe er aber ein anderes Ziel verfolgt: den Klang einmal als rein physikalisches Phänomen, also nicht als Musiksprache zu betrachten. Ein Antistreichquartett sei das, in dem jedoch die Folie des klassischen Vorbildes vorausgesetzt werde.

Das Wort "Klassik" taucht in Smutnys Rede auffällig oft auf. Natürlich immer nur im Sinne von "Harmonie des Gegensätzlichen, des Besonderen im Allgemeinen", wie er sagt. Aber bei all seiner Liebe zum aktuellen Stilpluralismus scheint sich darin doch eine Sehnsucht widerzuspiegeln: nach "dieser einen, eindeutigen Musiksprache".

Lesen Sie jetzt