Einer im Wind: Rainer Fetting in Westerland Foto: Ilko Koestler

Schon in den 1980er Jahren war Rainer Fetting ein Malerstar. Jetzt ist Fetting 70 – und steht noch immer im Rampenlicht. Warum, zeigen neue Werke in der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs.

Stuttgart - Blickt hier ein Dämon mit geöffnetem Schädel unter der Kapuze eines ­Comic-Kobolds hervor? Hört hier einer so verängstigt wie verängstigend den Stürmen einer zeitlosen Gegenwart nach? Rainer Fettings „Selbst“ von 2019 ist ein Bild aus zugleich anderer und doch dieser Zeit, ist ein Bild, das bleibt, ist nicht nur einfach da, sondern beansprucht und schafft sich Raum. „Selbst“ ist ebenso ganz Figur wie ausschließlich Malerei – entschieden vorangetrieben, nie aber eine eigene Zartheit unterschlagend.

Da steht einer sichtbar, fühlbar, ja hörbar fast, im Wind. Verweist aber der Titel „Selbst“ wirklich auf den Maler? Eher doch nützt Rainer Fetting die ihm vertraute Geste des horchenden Blicks für ein Malereige­witter über Begriffe wie Identität und Existenz, aber auch Figur und Landschaft.

Farbfeuerwerke

2019 in Fettings Atelier auf Sylt entstanden, ist „Selbst“ ein Höhepunkt der Ausstellung, mit der die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs (Reinsburgstraße 68) dem Maler jetzt zum im vergangenen Dezember gefeierten 70. Geburtstag gratuliert. An diesem Freitag, 10. Januar (18 bis 23 Uhr), wird die Schau eröffnet. Es ist die vierte Fetting-Einzelausstellung der Galerie – und schließt im Erdgeschoss nahtlos an die Qualität der Präsentation von 2017 an: Ein feines Blau, das sich ins Gelb auflöst, trat da auf, ein „Boy mit E-Gitarre“, der ganz den Fetting-Ton traf und doch eigentlich einen anderen auf die Bühne bat: einen wüst aus bewegtem Grau blickenden „Clown am Meer“. Nun bestürmt Fettings „Selbst“ einen betont locker auftretenden „Musikant von Westerland“ und fegt selbst das aus gewohnten Rahmenstrukturen ausbrechende Doppelporträt „Desmond und Jeff“ fast aus dem Raum.

Kraftvoll hätte sich hier auch ein von der Galerie für ihren Auftritt auf der Messe Art Karlsruhe (13. bis 16. Februar) vorgesehener „Sunset Skater“ dazwischenschieben können. Das überbordende Farbfeuerwerk – in der Ausstellung wie in einem Ferndialog durch das fast sezierend scharfe Werk „Sonnenuntergang“ beantwortet – aber fand bereits vorab eine neue Bühne in einer süddeutschen Privatsammlung.

Blick zurück nach vorne

Nun antworten in kühler Farbigkeit gehaltene Möwen dem in der Haltung bewusst ungelenk gehaltenen Musikanten – und erschließt sich im Untergeschoss ein Blick zurück, der doch konsequent auf das aktuelle „Selbst“ zielt und führt. Man findet sich in einer Art Werkstatt wieder, in der ein junger Maler Linienführung und Farbverlauf untersucht.

Darf man das, mit französischen Hafenansichten von 1974 Studien zeigen, quasi Fetting vor Fetting? Spannende Tusche-Blätter der Serie geben eine erste Antwort. Fotos, die Fetting und den Malerfreund Salomé mit den Blättern aus und von St. Jean de Luz zeigen, führen die Spur weiter. Es geht um die Frage der künstlerischen Existenz an sich. Was könnte dies sein, welche Mythen müssen vielleicht gar Realität werden, um ein Feuer zu entfachen, das im besten Fall ein Künstlerleben lang Funken schlägt?

Fetting nutzt den Selbstauslöser der Kamera in Serie, spielt in Gänze mit jenem Glanz des Nebensächlichen, der doch erst mit der digitalen Selfie-Szenerie selbst zum wissenschaftlichen Forschungsgegenstand wurde. Rainer Fetting selbst drängte auf die Frühzeitwerke. Und schnell wird deutlich, dass es um mehr geht als darum, im Bewusstsein neuerlichen Ruhms die Erwartungen zu unterlaufen. Nein, die Werke von St. Jean de Luz zeigen sich als Panorama des Spiels mit den Möglichkeiten, künstlerische Identität zu analysieren. Ein Fingerzeig sehr wohl, als solcher sind auch die in den 1980er Jahren gefeierten Bilder des geteilten Berlin und die des sich wesentlich über Kunst und Musik neu erfindenden New York zu lesen.

Erstarrte Rezeptionslinien

Eine Tischlerlehre und den Einblick in die Arbeit der Bühnenbildner hat Rainer Fetting hinter sich, als er Wilhelmshaven verlässt, um von 1972 an in Berlin Kunst zu studieren. Musik, Malerei, Literatur – alles durchdringt sich auf der Insel Westberlin. Nur einmal bisher aber reflektiert die Kunstwelt die Wucht der Gesamtheit – 1987 zeigt das Museum of Modern Art in New York unter dem knappen Titel „Berlinart“ die in Gegenwelten, aber doch jeweils in harten Großstadtrhythmen entwickelten Szenarien zwischen Moritzplatz, SO 36 und Riehmers Hofgarten, zwischen den Kraftpolen Rainer Fetting, Martin Kippenberger und Walter Stöhrer.

Die frühen Schlaglichter „New Spirit in Painting“ (1981 in der Royal Academy in London) und „Zeitgeist“ (1982 im Gropius-Bau in Berlin) bestimmen bis heute die ­Rezeption – und noch immer auch wirkt die über die Kuratorengenerationen fortgeschriebene Ablehnung der von Christos M. Joachimides platzierten Großausstellungen. Beides verengt den Blick – auf die Kunst, auf die Künstlerinnen und Künstler.

Keine Gelassenheit

Rainer Fettings „Selbst“ ist voller Unruhe. 46 Jahre sind seit dem Sommer in St. Jean de Luz vergangen. Und doch gilt: Antritt ist überall. Das bleibt denn auch die Anforderung an die Aussteller – mit „Rainer Fetting – Here are the Lemons“ an die schleswig-holsteinischen Landesmuseen auf Schloss Gottorf in Schleswig (von 24. April an): ein Blick, der Fettings Analyse künstlerischer Identität(en) medienübergreifend folgt.

Man sollte sich von mancher Farbheiterkeit nicht täuschen lassen – Rainer Fettings Botschaft ist unmissverständlich: keine Gelassenheit! In der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs ist sie bis zum 15. Februar so konzentriert wie überzeugend zu spüren, zu sehen, zu erleben.

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