Martin Kippenberger mit Anna Grässlin Foto: privat

Martin Kippenberger, 1997 in Wien gestorben, zählte zu den herausragenden deutschen Gegenwartskünstlern der 1980er und 1990er Jahre. Kippenberger galt als rastlos und hatte doch einen Rückzugsort – das Haus der Sammlerfamilie Grässlin in St. Georgen.

Martin Kippenberger, 1997 in Wien gestorben, zählte zu den herausragenden deutschen Gegenwartskünstlern der 1980er und 1990er Jahre. Kippenberger galt als rastlos und hatte doch einen Rückzugsort – das Haus der Sammlerfamilie Grässlin in St. Georgen.

St. Georgen - Ein nackter Mann in schlabberiger roter Unterhose: So malte Martin Kippenberger 1988 ein Selbstporträt in Öl. Die Vorlage ( ein Foto, das David Douglas Duncan 1962 vom alten Picasso gefertigt hatte), war vom damals 35-Jährigen weit entfernt. Doch das ist Kippenbergers Handschrift: mit einem speziellen Humor Tabus in Politik, Gesellschaft und Sexualität zu brechen. Vor kurzem stand das titellose Werk bei Christie’s zur Versteigerung. Statt geschätzter neun bis zwölf Millionen Dollar ging das Unterhosen-Selbstporträt für 18 Millionen Dollar an einen unbekannten Käufer.

„Das können wir uns nicht leisten“, sagt Anna Grässlin. Dass die Sammlung Grässlin, eine der größten privaten Kunstsammlungen im Land, gleichwohl andere bedeutende Werke Martin Kippenbergers in ihrem Besitz hat, zeigt die aktuelle Ausstellung im Schwarzwaldort St. Georgen. „Klotz am Bein“ ist sie doppelsinnig betitelt.

Nur wenige Meter entfernt vom Kunstraum Grässlin erinnert die Skulptur „Transportabler Lüftungsschacht“ an den 1997 verstorbenen Maler, Bildhauer, Fotografen und Installationskünstler Martin Kippenberger. Der hatte das Projekt „Metro-Net“ als künstlerisches U-Bahn-System geplant, aber nicht vollenden können. Weltumspannend sollte „Metro-Net“ sein, bestehend aus Attrappen von Eingängen und Lüftungsschächten. Temporär abgespielte Fahrgeräusche, durch Ventilatoren erzeugte Luftströme sollten die Fiktion verstärken. Jetzt ehrt die Sammlerfamilie Grässlin ihren „Adoptivsohn“ posthum mit einer dieser Skulpturen, die sie nach Kippenbergers ­Plänen hat nachbauen lassen.

„Heimweh Highway“ hatte Kippenberger einen Katalog im Jahre 1990 genannt. Immer war er unterwegs, schlüpfte unter, ging wieder. Die Grässlins wurden seine wichtigste Gastfamilie. „Die angebliche Familie“ nannte er sie 1994 im Katalog ihrer großen Kippenberger-Sammlung. „Die vier Jahre, die Martin bei uns gelebt hat, haben ihre Spuren im Ort hinterlassen, ich staune manchmal, wer mich alles kennt“, sagt Anna Grässlin, die Grande Dame der Familie.

Das war nicht immer so. Wohlwollen war nicht gerade das Gefühl, mit dem Einheimische den schrägen Künstlertypen aus Dortmund bedachten, als der von 1980 bis 1981 und 1991 bis 1994 in der Schwarzwald-Idylle eine Wahlheimat fand. „Die haben nicht nur hinter vorgehaltener Hand über den ­Alkoholiker geschwätzt“, sagt der Betreiber eines kleinen Hotels in St. Georgen. „Damals konnte ja keiner ahnen, dass der Kippenberger noch mal so groß rauskommt“, so der Wirt.

Seit dem frühen Tod ihres Mannes, des Unternehmers Dieter Grässlin, führt Anna Grässlin die Geschäfte der Familie und die der Stiftung der Sammlung Grässlin. „Die Finanzen möchte ich in der Hand halten, solange es geht“, sagt Anna Grässlin. Kunst und das große Haus in der Klosterbergstraße werden sie schon „frisch halten“, hofft die 83-Jährige.

Plagegeist, Selbstpromoter, Kränkungsvirtuose – Martin Kippenberger hat es seinen Zeitgenossen nicht leichtgemacht. Was sollte man von einem halten, der 1992 in seinen „Metro Pictures“ behauptete: „Was Gott im Herrschen, bin ich im Können.“ Kippenberger, dem es um die Dekonstruktion der ­Sitten ging, nahm wenig Rücksicht. Weder auf sich noch auf andere. Mit einer Ausnahme. „Mutter Anna war der einzige Mensch, vor dem Martin lebenslang wirklich Respekt hatte“, sagt Tochter Bärbel Grässlin.

„Martin war sehr anhänglich, sehr familiär, er wurde gern geliebt“, sagt Anna Grässlin. Ja, er habe polarisiert, seine Wahrheit allen Leuten an den Kopf geworfen. „Aber es war nicht schwer, ihn zu lieben.“ So hat sie ihn gepäppelt, die Prinzipalin der Großfamilie mit vier Kindern und deren Anhang. Mit menschlicher Wärme, mit Humor, mit Nudeln, mit einer Adoptivfamilie, die seit den 1970er Jahren Kunst sammelt.

Zwölf Stühle passen um den großen Esstisch im Hause Grässlin. 25, wenn man ihn vergrößert. Werner Büttner, Georg Herold, Tom Burr, Franz West, Günther Förg, ­Markus Oehlen, Andreas Slominski, Kai Althoff, Meuser, Cosima von Bonin, Tobias Rehberger – sie alle haben dort schon gesessen, bekocht von Anna Grässlin.

Wie oft hat Anna Grässlin Martin Kippenberger dessen Lieblingsgericht Nudelauflauf gekocht? Oder auch Makkaroni mit Gulasch? Keiner hat es je gezählt. Ausgerechnet Nudeln (ein Lieblingsthema Kippenbergers in seiner Kunst) – dabei ist Anna Grässlin, „in Mannheim überraschend geboren“, in St. Georgen aufgewachsen, eigentlich bekennende Kartoffelköchin. Und ihr Apfelkuchen aus Mürbeteig, Eiern, saurer Sahne, Zimt und Zucker ist ebenso legendär wie die Rouladen, mit denen sie kürzlich Künstler und Helfer beim Aufbau der aktuellen Ausstellung „Klotz am Bein“ stärkte.

Ein Foto aus dem Jahre 1994 zeigt Martin Kippenberger neben Anna Grässlin im Zug von Berlin nach Potsdam. Der 1992 gegründete Brandenburgische Kunstverein Potsdam präsentierte Werke von Martin Kippenberger aus der Sammlung Grässlin – Titel der Ausstellung „Das zweite Sein“.

Anna, Thomas, Bärbel und Sabine Grässlin (Tochter Karola war unabkömmlich) ­begleiteten ihn. Höhen und Tiefen hat Anna Grässlin mit dem Künstler geteilt: Der 40. Geburtstag von Martin Kippenberger wurde drei Tage in St. Georgen gefeiert und begann mit einem Empfang im Haus Anna Grässlin. Zur Hochzeit mit der Fotografin Elfi Semotan reiste Anna Grässlin nach Wien und auch zur Beerdigung im Jahre 1997. „Ich war geschockt, als ich die Nachricht von seinem Tod bekam“, sagt Anna Grässlin. Doch schon beim letzten Treffen mit ihm hatte sie gefühlt, dass sie ihn nicht wiedersehen würde. „Martin saß im Rollstuhl, schaute mich an und zeigte mit dem Zeigefinger zum Himmel“, sagt sie.

„Anna, Bärbel, Bernadette, Bernward, Christian, Cosima, Karola, Katharina, Rosanna, Rüdiger, Sabine, Thomas“ heißt ein Kunstwerk von Tobias Rehberger, das derzeit im Kunstraum Grässlin in St. Georgen ausgestellt ist. Ein Porträt der Familie Grässlin in der Form eines Blumenvasen-Arrangements. Über allen thront die Vase Anna. Ein Holzobjekt mit acht Zitzen, ummantelt mit Kork, auf einen kompakten Sockel gestellt. „Ha ja, er sieht mich wohl als zentrale Mutterfigur“, kommentiert Anna Grässlin das ungewöhnliche Porträt. Auch zu ihm, dem 1966 in Esslingen geborenen Bildhauer, hat Anna Grässlin „ein sehr gutes Verhältnis“, wie sie sagt.

1991 kam Kippenberger – damals Lehrer an der Frankfurter Städel-Schule – mit seinen Schülern nach St. Georgen. Rehberger war dabei. „Die Grässlins sind Familiensauger“, sagt Tobias Rehberger. Das sei so bei denen. „Das liebt man, dass man aufgenommen wird mit Stil und Herz.“

Die 7. Ausstellung der Stiftung Grässlin mit dem Titel „Klotz am Bein“ in St. Georgen/Schwarzwald ist Tobias Rehberger und Skulpturen der Sammlung Grässlin gewidmet. Zu sehen im Kunstraum Grässlin und im Restaurant Kippys sind Werke von Tobias Rehberger und in den Räumen für Kunst Arbeiten von mehr als 20 Künstlern. www.sammlung-graesslin.eu

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