So könnte Jerg Ratgeb ausgesehen haben: Animation aus dem Digitalprojekt „LAUTseit1525“, die mit KI produziert wurde. Foto: Landesmuseum Württemberg

Jerg Ratgeb gilt heute als einer der wichtigsten Maler aus der Zeit Albrecht Dürers. Aber er war auch ein rebellischer Geist, der derzeit wieder im Rampenlicht steht.

Man kann nur hoffen, dass ihm zumindest diese Grausamkeit erspart blieb – und man Jerg Ratgeb, der 1526 hingerichtet wurde, nicht auch noch vierteilte, wie immer wieder behauptet wurde. Der Adel meinte es nicht gut mit dem armen Kerl, der denunziert und schließlich wegen Hochverrats gegen den württembergischen Herzog sein Leben lassen musste. Ob in Stuttgart, Heilbronn oder wie in seinem Fall in Pforzheim – vor 500 Jahren herrschten raue Sitten.

 

Hauptwerk „Herrenberger Altar“

Heute zählt Jerg Ratgeb zu den wichtigsten Malern, die zu Zeiten von Albrecht Dürer im Süddeutschen tätig waren. Eines seiner Hauptwerke ist der „Herrenberger Altar“, der heute in der Staatsgalerie Stuttgart steht. Aber auch wenn Ratgeb hier die Passionsgeschichte und das Leben Marias dargestellt hat, erzählt manches Gesicht mehr von seinen Zeitgenossen als den Akteuren der biblischen Geschichten. In diesem Jahr wird an Jerg Ratgeb aber weniger erinnert, weil er ein talentierter Kirchenmaler war, sondern er taucht in den Ausstellungen zu 500 Jahre Bauernkrieg auf, weil er eine wichtige Figur während der Aufstände war. Ob es derzeit in der Kunsthalle Vogelmann Heilbronn ist oder bei dem Instagram-Projekt des Landesmuseums Württemberg, überall wird Ratgeb erwähnt, weil er 1524 als Mitglied des Rates von Stuttgart mit den aufständischen Bauern verhandelte, die ihn denn auch zu ihrem Anführer machten.

Der Maler, der 1480 in Schwäbisch Gmünd geboren wurde, war offenbar ein aufmüpfiger Geist. Man weiß wenig über seinen Werdegang, vermutlich ging er unter anderem bei Hans Holbein d. Ä. in die Lehre. Als er sich 1503 in Stuttgart niederließ, erhielt er das Bürgerrecht – und doch musste er sich immer wieder dem langen Arm der Macht unterordnen. Nachdem er mehrere Jahre im Frankfurter Raum gearbeitet hatte, eröffnete er 1509 in Heilbronn eine Werkstatt. Bürgerrechte erhielt der Maler hier aber nicht, er war nur Hintersasse, was bedeutete, dass man „hinter einem Herren sitzt“ und also abhängig ist.

Leibeigene des Herzogs

Auch in die Ehe von Jerg Ratgeb regierte der Herzog hinein. Seine Frau war Leibeigene von Herzog Ulrich. Ratgeb versuchte sie freizukaufen – vergeblich. Die Familie wurde geächtet und geriet in finanzielle Nöte. Obwohl er als Maler Handwerker war, fühlte Ratgeb sich in Zeiten großer sozialer Ungerechtigkeiten offenbar mit den Bauern verbunden, die unter hohen Abgaben, Leibeigenschaft und der Willkür des Adels litten. Auch seine Kunst spiegelt sein Interesse an sozialen Themen.

Kein Jahr, nachdem er zu einer wichtigen Symbolfigur im Aufstand wurde, klagte man ihn bereits an „des Pauernkriegs halber“. Immerhin musste er so nicht mehr miterleben, dass man seinen Altar aus der Herrenberger Stiftskirche entfernte. Auch seiner Kunst kamen die ganz großen Ereignisse der Geschichte in die Quere. 15 Jahre nach der Fertigstellung des Altars für die katholische Stiftskirche in Herrenberg wurde in Württemberg die Reformation eingeführt und wurden im Furor des reformatorischen Bildersturms die Kirchen leer gefegt. Ratgebs Meisterwerk wurde abgebaut und eingemottet. 1890 verkauften die Herrenberger ihn nach Stuttgart für schlappe 5000 Mark.