Oben sind die Malediven mit Sand gepudert und nicht gerade überfüllt. Im Wasser tummelt sich dagegen Fisch an Fisch. Warmduscher. Foto: F1 online

Oben sind die Malediven mit Sand gepudert und nicht gerade überfüllt. Im Gegensatz zum Wasser.  

Eigentlich sollten Piloten gediegene Eleganz und absolute Autorität ausstrahlen. Was maßgeblich mit ihrer Uniform zu tun hat. Und wir sollen uns jetzt einem Luftikus anvertrauen, dessen Hosenbeine überm Knie enden und der noch nicht einmal Schuhe an den Füßen hat? Zugegeben, der sonnenbebrillte blonde Typ, der da so lässig an seinem Wasserflugzeug lehnt, wirkt ziemlich cool. Die Blöße seiner Füße irritiert dennoch.'

Immerhin weist sie den Urlauber sehr schnell in den sozialen Dresscode der Malediven ein: Denn hier tragen nur diejenigen Schuhe, die noch nicht ganz oben angekommen sind. Wie etwa der Copilot, der mit Flipflops an den Füßen die Koffer in das rote Lufttaxi hievt, das uns in 40 Minuten nach Rangali Island bringen soll. Wer sich keine Sorgen mehr um korrekte Kleidung, Finanzen oder andere Nebensächlichkeiten machen muss, der geht barfuß.

Wie eine überlaute Wespe surren wir über unglaublich viele Inselchen. Sie heben sich als weiß-grüne Tupfen vom hellen Türkis der Lagune ab, bis das Meer wieder tief und dunkelblau wird. Aufgereiht wie Perlen an einer Kette liegen sie im Wasser. Ein Lob der Digitalfotografie: Wenigstens muss sich niemand Sorgen machen, dass der Film bald ausgeht, auch wenn der Finger dauernd am Auslöser ist.

Vom Flugzeug aus kann man gut erkennen, dass es drei Sorten von Inseln gibt: die unbewohnten, das sind die meisten der insgesamt knapp 2000 Eilande der Malediven, die Hotel- und die Einheimischeninseln. Deren Häuser sind klein und pastellfarben. Auf den circa neunzig Hotelinseln steht in dezentem Abstand zueinander ein Holzbungalow mit Palmwedeldach am anderen und oft führt ein langer Steg in die Lagune hinaus, mit einer feingeklöppelten Borte aus Überwasserbungalows, Stelzen und Verbindungsstegen.

Alle Inseln sind jedoch nur die Spitzen eines Gebirges, das rund 2000 Meter in die Tiefe reicht. Falls der Meeresspiegel um einen Meter steigt, wären auch die Landtupfen verschwunden. Und da alles mit allem zusammenhängt, der Anstieg des Meeresspiegels mit dem Klimawandel, der Klimawandel mit den Treibhausgasen, die Treibhausgase mit dem Flugverkehr, trägt jeder Urlauber seinen Teil zur Gefährdung dieser Naturschönheit im Indischen Ozean bei.

Man könnte über dieses Paradoxon in der Hängematte grübeln. Sich über die Fragwürdigkeit seines Tuns im hellen Blau der Lagune verlieren. Aber letztlich sind die Malediven touristisch gesehen ein Ziel für besserverdienende Hedonisten, die einfach nur entspannen wollen. Wenn diese auf Rangali Island im Ari Atoll ankommen, dürfen sie sich als erstes die Sandalen von den Füßen schälen. Sand ist selbst in der Rezeption der bevorzugte Bodenbelag. Mario Gomez, Johannes B. Kerner und Otmar Hitzfeld haben in diesem Jahr hier ihren Urlaub verbracht, erzählt der deutsche Hoteldirektor erstaunlich indiskret. Wie schnell sie ihre Schuhe losgeworden sind, darüber lässt er sich nicht aus.

Die Hotelinsel Rangali unter der Regie der Hilton-Gruppe ist so etwas wie eine große Designerlounge unter freiem Himmel. Überall auf der kleinen Insel stehen sehr breite und sehr tiefe Sofas verteilt, deren farbige Kissen mit den Grün- und Blautönen des Meeres korrespondieren. Zwischen den verschiedenen Varianten des Nichtstuns auf Liegestühlen, in Hängematten, auf Sofas oder Massageliegen könnte man auch mal etwas essen. Etwa im Unterwasserrestaurant, in dem die Sonne noch sechs Meter unter dem Meeresspiegel dermaßen blendet, dass man gern zur angebotenen Sonnenbrille greift. Die filetierten Fische liegen auf dem Teller, ihre lebenden Verwandten ziehen an den Plexiglaswänden vorbei.

Tropenklima hin, Äquatornähe her, es kann einem auf den Malediven auch sehr kalt werden. Im Weinkeller von Rangali lagern 32 000 Flaschen, importiert aus aller Welt. Ein Teil des Kellers ist für Weinproben zugänglich und für Barfußgeher entschieden zu kalt. Trotzdem kann man sich hier bei einer Weinverkostung von einem Sommelier von den Philippinen am Objekt erklären lassen, wann ein Sekt Champagner heißen darf. Sich fröstelnd in die Geheimnisse der Weinhefen einarbeiten, könnte man allerdings auch zu Hause. Der Durchschnittsgast bleibt zehn Tage auf der Insel. Was zu Zwecken der vollendeten Entspannung auch reicht: Schließlich ist die Insel winzig, ihre Vegetation einigermaßen eintönig und irgendwann ist jeder Körper genug massiert und jeder Gaumen genug gekitzelt worden.

Absolut spektakulär sind die Malediven jedoch von unten. Schon als Schnorchler bekommt man eine Ahnung von der Artenvielfalt der Unterwasserwelt und kann gar nicht genug bekommen vom ziellosen Umherstreunen an der Wasseroberfläche. Der erste Eindruck des Hausriffs von Rangali ist jedoch seltsam farblos: die Korallen sehen aus, als seien sie in einem Schwarzweißfilm aufgenommen, grau und blass. Die Anemonen- und Papageienfische leuchten dafür umso opulenter in orange, blau, gelb und rot, zum Anfassen nah ziehen sie ihre Bahnen. Noch spannender wird es an der Riffkante: Hier ändert sich das Türkis des Wassers abrupt in ein beängstigendes Dunkelblau, das dann plötzlich gelb wird. Ein Fischschwarm zieht vorbei, der sich wie ein wallender Vorhang zehn Meter in die Tiefe zieht.

Aber warum sind die Korallen so blass? Der Tsunami ist schuld, sagt ein Kellner. El nino war es, der das Meer so aufgeheizt hat, bis die farbenprächtigen Algen abgestorben sind, die in Symbiose mit den Korallen leben, sagt Wikipedia. Alles Quatsch, sagt Carsten Schieck. Er ist auf den Malediven der Herr aller drei Hilton-Resorts und reagiert etwas ungehalten, als man ihn nach der Korallenbleiche fragt. Die Korallen nahe der Wasseroberfläche wären doch noch nie anders als grau gewesen, sagt er, und in den Tauchgründen außerhalb der Lagune wäre die Unterwasserwelt sowieso völlig in Ordnung.

Herr Schieck hat keine Schuhe an den Füßen, was seiner Aussage eine hohe Autorität verleiht. Und er hat ein großes Interesse, die Malediven als makelloses Sehnsuchtsziel zu präsentieren. Für den Fall, dass seine Gäste doch mal ins Nachdenken kommen, wie zuträglich ihr Aufenthalt im Luxushotel dem Ökosystem der Inseln ist – es steht genügend Champagner gekühlt im Keller, um davon abzulenken.

Info Reisezeit: Die Malediven sind ein Ganzjahresziel, die touristische Hochsaison ist im Dezember und Januar. Tipp: In den südlichen Atollen ist in der Regenzeit von Mai bis Oktober der Einfluss des Monsuns geringer als im Norden.

Literatur: Wolfgang Därr unterscheidet in seinem Malediven Führer (Dumont Reisetaschenbuch, 12 Euro) die unterschiedlichen Atolle und ihre Inseln nicht nur nach Himmelsrichtungen, sondern auch nach Angebotsvarianten. Auf dem Spiegeleitypus mit der Insel als Dotter in der Mitte finden etwa Schnorchler schnell ihr Revier. Auch Low-Budgetinseln und Naturresorts sind im Buch beschrieben; ebenso Eindrücke aus dem Alltagsleben der Malediver.

Veranstalter: Das Conrad Resort auf Rangali Island ist ebenso direkt buchbar (http://www.conradhotels.com) wie etwa über Dertour (http://www.dertour.de) oder Tui (http://www.tui.de). Eine Woche im Mai kostet dort beispielsweise rund 3200 Euro pro Person inklusive Flug.

Internet: http://www.malediven.net – informative private Homepage, mit Reiseberichten, vielen Bildern und guten Tipps.

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