Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo spricht über die Sportförderung in Deutschland – und ihre Form vor der EM und den Olympischen Spielen.
Die WM 2023 endete für die deutsche Leichtathletik ohne Medaille und folglich auf dem Tiefpunkt. Umso größere Hoffnungen ruhen nun vor der EM in Rom und den Olympischen Spielen in Paris auf Malaika Mihambo (30), die damals verletzt fehlte. Die Weitsprung-Olympiasiegerin geht mit der hohen Erwartungshaltung gewohnt gelassen um – auch weil sie spürt, welches Potenzial nach wie vor in ihr steckt.
Frau Mihambo, Sie machen keine großen Medienrunden, sondern führen mit Journalisten lieber Einzelgespräche. Gibt es eine Frage, die Ihnen in allen 25 Interviews, die Sie in den letzten Tagen hatten, gestellt wurde?
(Lacht) Ja.
Welche?
Wie ich Paris 2024 angehen werde.
Wie fiel Ihre Antwort aus?
Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Olympischen Spielen und einem Wettkampf um die Ecke. Es geht stets darum, was ich tun muss, um mein Bestes zu geben.
Was bedeutet das konkret?
Es kommt auf den Anlauf an, auf den Absprung, die optimale Flugphase, die Landung. Und auf den bestmöglichen mentalen Zustand. Erst danach ist für mich wichtig, wie weit ich gesprungen bin und was ich mit dieser Weite erreicht habe.
Olympische Spiele sind folglich ein Wettkampf wie jeder andere?
Ich werde sie auf jeden Fall so angehen.
Sie waren schon 2016 in Rio und 2021 in Tokio dabei. Freuen Sie sich auf die Atmosphäre in Paris?
Selbstverständlich. Es ist mit viel Publikum und großer Unterstützung zu rechnen. Die Emotionen, die dabei entstehen, machen es für uns Athleten einfacher, unser Potenzial zu entfalten.
Sie haben 2023 wegen einer Oberschenkelverletzung die WM verpasst und lange keine Wettkämpfe bestritten. Ist diese nicht ganz einfache Zeit abgehakt?
Ja. Es war hart, die Saison abbrechen zu müssen, aber es ging nicht anders. Ich erlaube mir in so einer Situation schon, ein paar Tage lang traurig zu sein. Aber eine Verletzung ist immer auch ein Moment des Innehaltens. Es geht darum, konstruktiv zu denken und Chancen zu sehen.
Hat das geklappt?
Mein Trainer und ich hatten schon lange vor, im Kraftbereich etwas zu verändern, was wir im normalen Alltagsstress aber nicht hinbekommen haben. Das sind wir angegangen, haben die Zahl der Krafttrainingseinheiten erhöht und neue Übungen im Bereich der Explosivkraft und des funktionellen Trainings hinzugenommen. Außerdem war ich in den letzten Zügen meines Buches und hatte somit die Möglichkeit, dort viel Energie hineinzustecken.
Haben Sie in dieser Phase auch darüber nachgedacht, Ihre Karriere zu beenden?
Nein.
Im August fand die WM in Budapest ohne Sie statt, das deutsche Team gewann keine Medaille. Wie kam die darauf folgende Kritik bei Ihnen an?
Vielen Athleten, die persönliche Bestleistungen oder eine Saisonbestmarke geschafft hatten, wurde Unrecht getan. Das darf man sicherlich mehr honorieren. Und auch die Rahmenbedingungen müssen in eine Bewertung einfließen: Es gibt deutsche Athleten, die in Vollzeit arbeiten, diesen Spagat muss man erst mal hinbekommen.
Was sagt das über die deutsche Sportförderung aus?
Wir müssen uns als Gesellschaft schon fragen, wie wichtig uns der Leistungssport ist. Und wir müssen uns fragen, ob die Erwartungen an die Athleten eigentlich mit der Realität und den Mitteln, die dem Sport zur Verfügung stehen, übereinstimmen.
Wie fällt Ihre Antwort aus?
Jeder, der keine finanzielle Sicherheit oder gar Existenzängste hat, weiß, wie schwierig es ist, sich in einer solchen Situation total auf seinen Job zu konzentrieren und sein volles Potenzial auszuschöpfen. Es ist klar zu sehen, dass viele Nationen, die Deutschland im Sport überholt haben, mehr Geld in die Athletenförderung investieren.
Bei der WM gab es allerdings auch einige verletzte deutsche Stars. Wie gehen Sie damit um, dass nun bei der EM und den Olympischen Spielen mit zwei Medaillen von Ihnen fest gerechnet wird?
Ich mache mich frei von solchen Erwartungen. Mein Anspruch an mich selbst ist, mein Bestes zu geben. Dafür trainiere ich, dafür starte ich im Wettkampf. Wenn mir das gelingt und ich eine Medaille gewinne, dann freut es mich, auch weil ich damit viele Menschen glücklich machen kann.
Und wenn nicht?
Kann ich auch damit gut umgehen, weil mein persönlicher Selbstwert nicht davon abhängt, ob ich siege oder verliere.
Wie ist Ihre Form aktuell?
Schon sehr gut – und auf jeden Fall besser, als wir es erwartet haben. Ich gehe sehr zuversichtlich in den Sommer. Trotzdem würde ich mich vor einem Großereignis nie hinstellen und sagen, dass ich eine Medaille holen werde. Denn ich weiß, was mit so einem Erfolg verbunden ist und dass man nicht immer alle Dinge selbst in der Hand hat.
Müssen Sie sieben Meter springen, um bei der EM und den Olympischen Spielen auf dem Treppchen zu landen?
Das ist schwer vorherzusagen. Wenn meine Form gut ist, ist diese Weite kein Problem, das Potenzial für Sieben-Meter-Sprünge habe ich auf jeden Fall. Das war zuletzt bei den Sprüngen, bei denen ich das Brett nicht richtig getroffen haben, klar zu sehen. Das gibt Sicherheit, und es ist auch gut zu wissen, dass der perfekte Versuch noch nicht dabei war. Aber letztendlich kommt es natürlich auf die Leistung am Tag des Wettkampfs an.
In dieser Saison fällt auf, dass Sie in Deutschland nicht mehr alleine an der Spitze stehen. Beflügelt Sie diese neue Konkurrenz?
Vor elf Jahren, als ich ins Nationalteam der Erwachsenen kam, war es ähnlich: Auch damals sind viele Athletinnen die geforderten Normen gesprungen, es gab in Deutschland einen harten Wettbewerb um die Startplätze bei Großereignissen. Ich hatte immer das Gefühl, dass Konkurrenz das Geschäft belebt – und das ist auch jetzt wieder so. Darüber freue ich mich.
Sie haben alles gewonnen, was eine Weitspringerin gewinnen kann. Wie schaffen Sie es, sich immer wieder neu zu motivieren?
Ich will für mich herausfinden, wie weit ich springen kann, diese Frage interessiert mich brennend. Ansonsten zählt für mich vor allem die „innere Meisterschaft“. Es geht darum, mich persönlich weiterzuentwickeln, mich als Mensch zu entfalten, die beste Version meiner Selbst zu werden. Denn je glücklicher ich als Mensch bin, umso besser bin ich als Athletin.
Hört sich so an, als gäbe es auch in dieser „inneren Meisterschaft“ noch einiges zu gewinnen.
Definitiv. Das ist ein lebenslanger Prozess, den man immer weiter betreiben darf.