Der Mailänder Platz ist ein attraktiver Treff für Jugendliche – das hat aber auch seine Kehrseiten Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Diskutieren Sie mit - Das Neubaugebiet hinterm Hauptbahnhof ist für Jugendliche aus allen Stadtteilen zum beliebten Treffpunkt geworden – und mit ihm die Stadtbibliothek. Konflikte mit anderen Besuchern löst die Bibliothek bisher allein, hofft aber auf Sozialarbeiter im Quartier.

Stuttgart - Bei schönem Wetter ist der Mailänder Platz vorm Entree zum Einkaufszentrum Milaneo gut besucht. Tütenbepackte Käufer, die auf den Holzbänken eine Pause einlegen, teilen sich den sonnigen Platz mit Schülern und Studenten, die an Limonadendosen nippen. Dazwischen: Grüppchen und Gruppen Jugendlicher, die gesehen werden wollen.

Anders als prognostiziert hat die Stadtbibliothek nebenan nicht eine Million Besucher, sondern seit der Eröffnung vor vier Jahren konstant 25 bis 30 Prozent mehr, „obwohl wir bis zur Eröffnung des Milaneo in einer Brache lagen“, sagt die Chefin der Stadtbibliothek, Christine Brunner. Im März 2014 nahm die Sparkassenakademie den Betrieb auf, im Oktober 2014 dann das Einkaufszentrum. Seither zählte die Bibliotheksleitung jedes Jahr rund 100 000 Besucher und Nutzer mehr. „Wir sind nicht nur zu einem architektonischen Hotspot geworden, sondern auch das Kaufpublikum kommt verstärkt auf uns zu“, hat Elke Brünle, die Leiterin der Zentralbibliothek am Mailänder Platz, festgestellt.

Freier Zugang ins Internet ist verlockend

Seit das Europaviertel mit dem Milaneo zum Shopping-Magnet wurde, treffen sich auch Jugendliche gern dort – im Freien, aber auch in den umliegenden öffentlichen Gebäuden. Vor allem deshalb, weil es dort den kostenlosen Zugang zum Internet gibt. Im Milaneo sind nachmittags deshalb die meisten Sofas und Sessel von Jungs belagert, die auf ihre Smartphones starren. Dort ist der Zugriff aufs WLAN allerdings auf zwei Stunden beschränkt – in der gegenüber­liegenden Stadtbibliothek nicht.

Unter anderem deshalb sind dort im Galeriesaal, aber auch in den umlaufenden Fachbereichen am Nachmittag ebenfalls viele ­bequeme Sitzmöglichkeiten von Jugendlichen belegt, die sich vor allem mit ihrem Handy beschäftigen. Es sei schwer zu beurteilen, ob jemand wegen eines Buches da sei, sagt Christine Brunner, räumt aber ein, dass das Haus erste Konsequenzen aus dem Ansturm der Jugendlichen zieht: „Die Nutzung der fest installierten PC-Plätze wollen wir auf zwei Stunden begrenzen“, sagt sie. Dort hätten sich zuletzt lange Warteschlangen gebildet, und es sei zu harschen Diskussionen unter den Nutzern gekommen. Wer gern länger mit einem Computer arbeiten wolle, könne sich mit seinem Benutzerausweis ein mobiles Gerät ausleihen und das Internet im Gebäude nutzen. Den Zugang zu begrenzen lehnen Brunner und Brünle ab; das passe nicht zu einem für alle offenen, nutzbaren Haus, das für das bürgerliche Miteinander stehe: „Hier haben alle einen Platz.“ Es gibt allerdings Ausnahmen.

Einige konnten sich nicht benehmen

Christine Brunner bestätigt, dass im ­vergangenen Jahr zehn Hausverbote ausgesprochen worden sind. Die Besucher, denen man die Tür wies, hatten gegen die Hausordnung verstoßen und andere Besucher belästigt und bedrängt, grobe Beschimpfungen und Beleidigungen ausgestoßen oder zu laut private Telefongespräche an Tischen ­geführt, wo fünf andere Nutzer zum Lernen und Lesen saßen. „In neun Fällen sind die Jugendlichen den Anweisungen unserer drei Wachdienst-Mitarbeiter gefolgt, in einem Fall betraf das Hausverbot eine ganze ­Gruppe, die sich nicht fügen wollte. Damals mussten wir die Polizei um Hilfe bitten“ , so Brunner.

Auch draußen auf dem Platz bleibt es nicht immer entspannt. Diebstähle von Geld und Handys häufen sich. Trauriger Höhepunkt war der Überfall auf einen 16-Jährigen, der im November letzten Jahres beraubt und krankenhausreif geprügelt wurde. Sieben Täter entkamen unerkannt. „Der Mailänder Platz ist als Brennpunkt in unsere Routen aufgenommen,“, sagt Joachim Barich, Revierleiter in der Innenstadt. Der Platz gehört zu der Achse in der Innenstadt, die bei der neuen Einsatzkonzeption der Polizei verstärkt aufgesucht wird. Es gab Ruhestörungen, Beschwerden und Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen.

Mobile Jugendarbeit will Streetworker einsetzen

Die Mobile Jugendarbeit versucht darauf zu reagieren. Denn bisher lagen die Schwerpunkte der Sozialarbeiter von Caritas und Evangelischer Gesellschaft (Eva), den Trägern der Mobilen Jugendarbeit, in 18 Stadtteilen, wo die Jugendlichen wohnen, zur Schule gehen, in Ausbildung sind. Dort werden sie auf die Jugendhäuser oder andere Jugendeinrichtungen hingewiesen, wo sie sich, sozialarbeiterisch begleitet, treffen können. „Jetzt stellen wir fest, dass wir etliche ­Jugendliche, die am Mailänder Plätz zusammenkommen, von dort draußen kennen“, sagt Klausjürgen Mauch von der Eva. Um sie trotzdem zu erreichen, denken Caritas und Eva an den Einsatz von Streetworkern. Bisher gibt es deren Einsatz nur dort, wo bestimmte Problemlagen auftreten: Drogen, Alkohol oder Prostitution. Von April bis Juni möchten Caritas und Eva an zwei bis drei wechselnden Tagen pro Woche zwischen 16 und 21 Uhr im Europaviertel unterwegs sein. Ziel ist, ­Eskalationen zu vermeiden, die Interessenlage der Jugendlichen zu erheben und sie in das Hilfesystem, auch in das überregionale, zu vermitteln. Dabei ist auch an eine ­Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek gedacht.

Christine Brunner und Elke Brünle könnten sich Angebote vorstellen, die sich direkt an die Jugendlichen richten wie beispielsweise Bewerbungstraining, Neue Medien oder andere Themen, die in deren Interesse sind. „Die Begleitung durch Sozialarbeiter würde uns helfen, Treffpunkt und Mediendienstleister zugleich zu sein“, so Brünle, Deshalb treffen sich die Bibliothekarinnen noch diese Woche mit den Verantwortlichen der Mobilen Jugendarbeit. Dahinter steckt das Selbstverständnis, dass die Bibliothek ein Haus für alle ist und Jugendliche durch ihre Besuche mehr lernen können, als die perfekte Position für Selfies zu finden. Brunner: „Wir sind keine Psst-Bibliothek, aber wir müssen Bibliothek bleiben.“

2 Neues Konzept für mehr Polizei in der Innenstadt

Auf der Achse zwischen Mailänder Platz, Hauptbahnhof, Klett-Passage, Schlossgarten, Schlossplatz bis Rotebühlplatz häufen sich die Delikte: Diebstähle und Beschwerden am Mailänder Platz, Übergriffe und Raubüberfälle im Bereich Hauptbahnhof und Klett-Passage, Drogenhandel an der Haltestelle Staatsgalerie, Angriffe auf Schüler des Königin-Katharina-Stifts. Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht rund um den Schlossplatz haben die Debatten verschärft.

Die Reaktion: Die Polizei zeigt mehr Präsenz. Bei der sogenannten Sicherheitskonzeption Stuttgart (SKS) will die Stuttgarter Polizei täglich bis zu 90 Beamte einsetzen, um Verdächtige zu kontrollieren und Präsenz zu zeigen. Mit im Boot ist die Bundespolizei, die zusätzlich mit zehn Beamten am Nachmittag und 30 an Wochenenden unterwegs ist. „Wir können flexibel auf die Schwerpunkte reagieren“, sagt Revier- und Einsatzleiter Joachim Barich. Er rechnet mit Verdrängungseffekten. Die Sondertruppe besteht nicht nur aus uniformierten Beamten, sondern auch aus einer Gruppe von Ermittlern. Im Visier sind verdächtige Gruppierungen und deren Sammelplätze. „Wir werden, falls nötig, Platzverweise und Aufenthaltsverbote aussprechen“, sagt Polizeipräsident Franz Lutz.

Das Vorbild: Solche Schwerpunktaktionen sind nicht neu. Die gemeinsamen Streifen von Landespolizei und Bundespolizei wurden erstmals 1998 als „Sicherheitsnetz“ ins Leben gerufen, später in „Sicherheitspartnerschaft“ und im Jahr 2000 in „Sicherheitskooperation“ umgetauft. Damals ging es vor allem um die Drogenszene. Das neue Stuttgarter Konzept ist eine Wiedergeburt der „Besonderen Arbeitsorganisation Sichere Innenstadt“, einer Sondertruppe, die sich um Drogendealer und Taschendiebe kümmerte. Sie wurde im Zuge der jüngsten Polizeireformen zerschlagen, die Beamten wurden auf unterschiedliche Dienststellen verteilt.

Die Bewertung: „Wir können uns auf unsere Polizei verlassen“, sagt Stuttgarts OB Fritz Kuhn. Die Sicherheitskonzeption zeige, „wie gut und schnell die Polizei auf die Bedürfnisse der Menschen reagiert“. Von privaten Patrouillen hält der Oberbürgermeister nichts: „Selbsternannten Wächtern und Bürgerwehren“, so Kuhn am Mittwoch, „erteile ich eine klare Absage.“ (wdo)

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