Am 19./20. April 1945, kurz bevor amerikanische Truppen Rudersberg besetzten, wurde das Lager aufgelöst, vorher wurden alle Unterlagen von der Lagerleitung vernichtet. Foto: Gemeindearchiv Rudersberg

Jahrzehntelang wurde geschwiegen, nun wird sichtbar gemacht, was in der „Ritterburg“ geschah. Rudersberg erinnert an das vergessene Leid im Arbeitserziehungslager.

Von außen wirkt das Gebäude in der Backnanger Straße wie ein gewöhnliches Haus. Doch wer sich mit der Geschichte beschäftigt, weiß, dass der Nationalsozialismus hinter den Mauern der ehemaligen „Ritterburg“ einen dunklen Abdruck hinterlassen hat. Zwischen 1942 und 1945 wurde hier ein „Arbeitserziehungslager“ (AEL) für Frauen betrieben – ein Ort, an dem rund 3000 Frauen erniedrigt, gequält, entrechtet wurden.

 

Dass dieses Kapitel der Geschichte nun endlich öffentlich markiert wird, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Die Historikerin Sonja-Maria Bauer hat über Jahrzehnte geforscht, gesammelt – und immer wieder erinnert. „Damals interessierte sich kaum jemand für das Thema“, sagt sie. Heute ist sie eine der treibenden Kräfte hinter der Gedenkinitiative.

Gunter Demnig: Ein Künstler, der Zeichen setzt

Gunter Demnig hat schon mehr als 100 000 Stolpersteine verlegt, in Rudersberg setzt er eine Stolperschwelle. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Name Gunter Demnig ist in Deutschland zum Symbol einer aktiven Erinnerungskultur geworden. Mehr als 100 000 Stolpersteine hat er verlegt, in gut 1200 Kommunen. In Rudersberg wird es am 26. Mai keine einzelne Messingplatte, sondern eine „Stolperschwelle“ – eine breitere Form des Mahnmals – sein. Dort, wo das Leid so konzentriert, so systematisch war, soll der Blick der Passanten nicht mehr achtlos vorbeigleiten können.

„Es geht nicht nur um Erinnerung. Es geht darum, dem Vergessen den Boden zu entziehen“, sagt Bürgermeister Raimon Ahrens. Der Gemeinderat hat das Projekt im vergangenen Jahr einstimmig beschlossen – ein Signal, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit keine Randnotiz mehr ist.

Frauen im Arbeitserziehungslager: Opfer von Denunziation und Gewalt

Zwischen 100 und 200 Frauen waren in der „Ritterburg“ gleichzeitig inhaftiert. Die meisten kamen aus Osteuropa, Frankreich, Deutschland. Sie wurden wegen angeblicher „Arbeitsbummelei“, „Vertragsbruchs“ oder wegen Kontakten zu Zwangsarbeitern eingesperrt – oft nach Denunziationen aus dem eigenen Arbeitsumfeld.

Der Lageralltag war geprägt von Gewalt, Erniedrigung, Hunger. Die SS-Leitung, besonders Emil Held, agierte mit brutaler Härte. „Er trat schwangere Frauen, bis sie ihr Kind verloren“, heißt es in einem Bericht. Auch politische Gegnerinnen, wie Emmy Seitz und Sofie Klenk aus der Widerstandsgruppe Schlotterbeck, wurden hier gefoltert – und später in Dachau ermordet.

Das Gebäude steht noch heute. Ein massiver Bau, nüchtern und unauffällig. Es grenzt fast ironisch an das Rathaus, das nun als Treffpunkt der Gedenkfeier dienen wird. Hier beginnt am 26. Mai um 13 Uhr die Zeremonie – mit Reden, Musik, Stimmen von Schülern, die sich mit dem Schicksal der Opfer befasst haben.

Lange gab es Widerstand gegen ein Mahnmal

Die Stolperschwelle kommt spät – aber sie kommt. Für viele ist sie mehr als ein Symbol. Sie ist auch ein Eingeständnis. Jahrzehntelang schien man in Rudersberg nicht bereit, den Blick auf die eigene Vergangenheit zu richten. Eigentümer des Hauses wehrten sich gegen Tafeln, gegen Hinweise. Die Nachfahren der damaligen Holzwerkbetreiber, die das Lager für ihre Zwecke nutzen ließen, hielten sich bedeckt.

Wolfgang Bogusch, Gemeinderat der „Rudersberger Bürger“, nennt es „eine überfällige Geste“. Seit seiner Jugend, als er im selbstverwalteten Jugendzentrum erste Recherchen zur NS-Zeit in Rudersberg anstellte, trug er den Wunsch nach einer sichtbaren Erinnerung mit sich. „Jetzt ist es endlich so weit“, sagt er. Doch der Weg dorthin sei „ein mühsamer gewesen – gegen eine Schwamm-drüber-Mentalität“.

Rudersberg: Teil eines grausamen Systems der NS-Lager

Was in Rudersberg geschehen ist, war kein Einzelfall. Das „AEL“ für Frauen war eines von rund 200 Lagern dieser Art in Deutschland und Europa – ein eigenes System der Gestapo zur Disziplinierung und Abschreckung. In Württemberg gab es drei: zwei für Männer, eines für Frauen. Rudersberg wurde so zur Schaltstelle eines perfiden Systems, das wirtschaftliche Interessen mit Terror vereinte.

Die Frauen arbeiteten im benachbarten Holzwerk, stellten Munitionskisten her – für einen Krieg, der sie selbst vernichtete. Der Profit floss, die Menschlichkeit versiegte.

Die Verlegung der Stolperschwelle soll nicht nur an das Leid der Frauen erinnern, sondern auch ein Impuls für die Zukunft sein. Bürgermeister Ahrens spricht von einer „moralischen Verantwortung, der wir uns stellen müssen“. Auch für die Schülerinnen und Schüler, die an der Gedenkfeier mitwirken, ist es eine Begegnung mit einer Geschichte, die nicht aus Büchern, sondern aus ihrer Nachbarschaft stammt.

Dass sich Menschen heute an diesem Ort versammeln – nicht in Uniform, sondern mit offenen Herzen –, dass sie nicht hetzen, sondern innehalten, ist vielleicht der größte Sieg über das, was hier einst geschah.

Rudersberg setzt ein Zeichen. Kein Schlussstrich. Sondern ein Anfang.

Hinweis zur Veranstaltung

Wo und wann?
Die Verlegung der Stolperschwelle durch Gunter Demnig findet am Montag, 26. Mai, um 13 Uhr vor dem Rathaus in Rudersberg (Backnanger Straße 26) statt.

Wer?
Alle Interessierten sind eingeladen, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen.