15 Mahle-Beschäftigte, die entsprechend qualifiziert wurden, sind derzeit im Prüfzentrum tätig. Foto: Mahle/Wolfram Scheible

Der Autozulieferer rechnet sich Chancen im Bereich Wasserstoff-Verbrennungsmotoren und Brennstoffzellen aus. Zwei Millionen Euro hat Mahle in die ersten beiden Testfelder investiert. Das Interesse der Lkw-Bauer ist groß, noch fehlen Aufträge.

Stuttgart - Das Fabrikgebäude hat schon bessere Zeiten gesehen. Einige Sonnenblenden hängen etwas schief vor den Fenstern. Es ist der Charme der 1950er oder 1960er Jahre, den das Werk 2 des Autozulieferers Mahle im Stuttgarter Stadtteil Münster verströmt. Doch vom äußeren Schein sollte man sich nicht täuschen lassen. In den eher düsteren „Katakomben“, wie ein Mahle-Sprecher salopp formuliert, baut Mahle derzeit Zukunftstechnologie auf. Hier entsteht das Prüfzentrum für Wasserstofftechnologie, dass in Kürze seinen Betrieb aufnehmen wird. Zwei Millionen Euro hat der Zulieferer in einem ersten Schritt in den Aufbau der zwei Testzellen investiert. Je nach Bedarf sollen weitere folgen. Bisher wurden hier Dieselmotoren getestet.

 

Mitten im Raum steht ein Dieselmotor, wie er in großen Lastwagen zu finden ist. Mahle rüstet ihn gerade zu einem Wasserstoff-Motor um, erläutert Martin Berger, Chef des Bereichs Zentrale Forschung und Vorausentwicklung bei Mahle. Dann steht die Prüflauf an, der rund 300 Stunden dauert. Es ist ein Kundenauftrag; welcher Hersteller sich dahinter verbirgt, verrät Berger nicht.

Schnelle Umrüstung möglich

Dieselmotoren sind komplex und bestehen aus hunderten von Komponenten. Gerade mal 50 bis 60 müssen ausgetauscht werden, um aus einem Diesel- in relativ kurzer Zeit einen umweltfreundlicheren Wasserstoffmotor zu machen, sagt Berger. Auch von Vorteil: Ein solcher Motor kann auf der gleichen Produktionslinie wie herkömmliche Diesel-Motoren gefertigt werden.

Seit Klimaschutz stärker ins öffentliche Bewusstsein tritt, sind alternative Antriebe wie Wasserstoffmotoren und auch Brennstoffzellen wieder ein Thema. Eine Vielzahl von Firmen im Südwesten haben die Technologie für sich entdeckt – eben auch der Zulieferer Mahle, der mit Kolben groß geworden ist. Wasserstoff ist keine neue Technologie. Immer wieder haben Unternehmen in der Vergangenheit daran getüftelt – und die Versuche wieder eingestellt. Ein ähnliches Schicksal hatte der Pkw mit Wasserstoff-Verbrennungsmotor von BMW in den 1990er Jahren.

Großes Interesse der Hersteller von Nutzfahrzeugen

Jetzt ist das Interesse an Wasserstoff-Verbrennungsmotoren also wieder entflammt. Fast jeder Nutzfahrzeughersteller habe schon angeklopft, verrät Berger. Endgültig entschieden haben sich die potenziellen Kunden aber noch nicht. Berger glaubt an die Technologie, allerdings nicht für Personenwagen. Bereits 2024, prognostiziert er, könnte Mahle Komponenten für Wasserstoffmotoren an die Bänder der Hersteller liefern.

Lkw mit einem Wasserstoff-Verbrennungsmotor sind deutlich teurer als herkömmliche Diesel. Das liegt zum einem am Motor selbst, der zweistellig, „aber sicher keine 50 Prozent“ teurer ist, zählt Berger auf. Zum anderen sind da die Wasserstofftanks, die vermutlich einen fünfstelligen Betrag verschlingen, schätzt Berger. Doch je strenger die CO2-Grenzwerte werden, desto schneller werde sich für Spediteure eine solche Investition rentieren, sagt er voraus. Der Mahle-Forschungschef rechnet vor, dass dies bei einem CO2-Preis von 200 Euro pro Tonne der Fall ist. Derzeit liegt der CO2-Preis bei 25 Euro pro Tonne. Berger ist sich sicher: Der Wasserstoff-Verbrennungsmotor, der immer noch in gewissem Umfang Schadstoffe emittiert, ist eine Übergangstechnologie – hin zur Brennstoffzelle.

Rascher Einstieg möglich

Markus Hölzle, beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) verantwortlich für den Bereich Elektrochemische Energietechnologien, sieht es ähnlich. Der Wasserstoff-Motor könne „fahrzeugseitig schnell umgesetzt werden“ und somit einen „raschen Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft“ ermöglichen würde, sagt er. „Langfristig und im Erfolgsfall der Brennstoffzellen wird diese Technologie vermutlich eher nicht der Gewinner des aktuellen Technologiewettstreits“, prognostiziert Hölzle – und verweist auf den schlechteren Wirkungsgrad des Wasserstoff-Motors.

Auch auf ein solches Szenario bereitet Mahle sich vor. Vor rund zehn Jahren haben die Stuttgarter bereits erste Komponenten für den Brennstoffzellenantrieb auf den Markt gebracht. In dem neuen Zentrum sollen künftig komplette Systeme getestet werden. Das Stiftungsunternehmen, das auch im Bereich batteriebetriebene E-Mobilität tätig ist, konzentriert sich dabei auf das Thermo- und Luftmanagement, die Leistungselektronik sowie das Packaging – also auf alles, damit die Brennstoffzelle „sich wohl fühlt“, wie ein Mahle-Sprecher formuliert. Die Brennstoffzellen-Staks, also die Stapel von Brennstoffzellen, in denen die Energie für den Antrieb generiert wird, kommen vom kanadischen Konzern Ballard Power Systems, mit dem seit Herbst 2020 eine Entwicklungs-Zusammenarbeit besteht.

100 Mitarbeiter im Bereich Wasserstoff tätig

Noch sind die Mahle-Aktivitäten rund um den Wasserstoff eher überschaubar. So sollen künftig 15 Beschäftigte in dem Prüfzentrum arbeiten, erzählt Peter von Kietzell, der Verantwortliche für das Wasserstoff-Prüfzentrum. Sie wurden für diese Arbeit qualifiziert – etwa im Bereich Hochvolt-Elektrik. Insgesamt sind 100 Mitarbeiter im Bereich Wasserstoff tätig. Angemeldet wurde eine niedrige dreistellige Zahl an Patenten. Wie viel diese Technologie, für die Mahle Forschungsgelder des Landes Baden-Württemberg und des Bundes erhalten hat, einmal zum Umsatz des Stiftungsunternehmens beitragen soll, verrät Forschungschef Berger nicht.