Viele Magertrends nehmen in sozialen Netzwerken wie Instagram ihren Anfang. Foto: dpa

Thigh Gap, Bikini Bridge und Collarbone Challenge: Auf sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook spornen sich junge Mädchen mit immer neuen Magertrends zum Abnehmen an.

Stuttgart - Gegenüber „echten Anas“ komme sie sich fett vor – undiszipliniert sowieso, schreibt Melina Ainsworth auf ihrem Blog „Skinny in the City“. „Echte Anas“: mit dieser Bezeichnung meint Ainsworth junge Mädchen, die unter der Krankheit Anorexia nervosa leiden. Magersüchtige also. Die 23-jährige Berlinerin ist 1,66 Meter groß. Ihr Ziel ist es, 50 Kilogramm zu wiegen. In ihrem virtuellen Tagebuch hält sie ihre Fortschritte fest – wenn man die einzelnen Etappen auf Ainsworths Weg ins Untergewicht denn so bezeichnen mag.

Als Anreiz für das Hungern und Leiden hat sich die junge Frau ein Belohnungssystem ausgedacht: Hat sie die 56 Kilogramm erreicht, darf sie sich eine Halskette kaufen. Bei 54 Kilogramm will sie sich ein neues Piercing am Ohr stechen lassen. Bei 52 Kilogramm gibt es ein Bauchnabelpiercing, bei 50 Kilogramm ein Tattoo. Als Ablenkung vom Essen empfiehlt Ainsworth sich selbst und ihren Lesern, sich ein Hobby zu suchen, Tagebuch zu schreiben oder Sport zu treiben. Als Inspiration veröffentlicht sie Bilder von Untergewichtigen auf ihrem Blog.

Bilder wie diese hält Andreas Schnebel für gefährlich. Der Diplompsychologe leitet den Selbsthilfeverein ANAD (Anorexia Nervosa and Associated Disorders), zudem sitzt er dem Bundesfachverband Essstörungen vor. Schnebel kennt die Magertrends, die in den sozialen Netzwerken – auf Facebook, bei Instagram, Snapchat, Twitter und YouTube – grassieren. Trends, die sich oft ausbreiten, so schnell wie eine Grippewelle.

Bei der „Collarbone Challenge“ etwa, einem Hype aus Asien, versuchen junge Mädchen und Frauen, so viele Münzen wie möglich auf ihren beiden Schlüsselbeinen zu balancieren. Um das zu schaffen, müssen die Knochen hervorstehen, sprich: die Mädchen müssen sehr dünn sein. Neben der „Collarbone Challenge“ war 2015 auch das „Thigh Gap“ angesagt, eine Lücke, die beim Stehen zwischen den Oberschenkeln zu sehen sein soll. In diesem Jahr ist nun die „Ab Crack“ en vogue – eine Linie, die den Bauch vertikal in zwei Hälften teilt.

Die „Ab Crack“ wird erst bei starkem Untergewicht sichtbar

Das US-amerikanische Model Emily O’Hara Ratajkowski initiierte den Trend im Juli mit einem Bild auf Instagram. In einem knappen bordeauxroten Bikini ist die 25-Jährige darauf zu sehen. Ihre Rippen stehen leicht hervor, von ihren Brüsten zieht sich eine tiefe Spalte bis zum Bauchnabel hinab. Es ist ein mehr als fragwürdiges Schönheitsideal , welches das Bild vermittelt. Denn die „Ab Crack“, eine Bindegewebsnaht namens Linea alba, wird erst bei starkem Untergewicht und extrem trainierten Bauchmuskeln sichtbar. Bei manchen Menschen allerdings selbst dann nicht: Die Linie ist, wie auch das Thigh Gap, genetisch bedingt.

Den Münchner Schönheitschirurgen Edgar Biemer besuchten im vergangenen Jahr mehrere Patientinnen, die sich für die Oberschenkellücke interessierten. Vor etwa einem halben Jahr sei die Nachfrage wieder abgeflaut, sagt Biemer: „Das war wohl nur ein vorübergehender Trend.“ Ein völlig an der Realität vorbeigehender dazu, so der Chirurg: „Ich musste den Patientinnen jedes Mal erklären, dass ihre Oberschenkelstellung knöchern beziehungsweise muskulär bedingt ist. Und dass man daran auch durch eine Operation nicht viel verändern kann.“

Das heutige Schönheitsideal, sagt Biemer, sei deutlich schlanker als noch vor 30 Jahren. „Außerdem schauen sich schon sehr junge Frauen wesentlich kritischer im Spiegel an“, sagt er. Und erzählt von einer 17-Jährigen, die ihre leicht asymmetrischen Brüste von ihm korrigieren lassen wollte.

Für das ideale Körperbild müssen sich die meisten quälen

„Im Grunde wird ein standardisiertes Aussehen gefordert“, sagt auch Schnebel. „Das Problem dabei: So sehen die wenigsten aus.“ Das sei auch bei Erwachsenen so. Um das in unserer Gesellschaft dominierende Idealbild zu erreichen, müssten sich die meisten quälen. Hungern, Sport treiben, hungern, mehr Sport treiben.

Gefährlich sei das vor allem für Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren, so Schnebel: „In diesem vulnerablen Alter wollen viele einfach nur zu einer Gruppe dazugehören.“ Die meisten Pubertierenden hätten nicht das nötige Selbstbewusstsein, um sich etwa gegen vorherrschende Schönheitstrends aufzulehnen. Zudem seien sie empfänglich für Leichtsinniges wie Bungeespringen oder Drogen. Magerbilder in den sozialen Netzwerken bezeichnet der Psychologe daher als „richtig gefährlich“: „Eine Essstörung beginnt meist im Kleinen“, sagt Schnebel. „Wenn eine 13-Jährige auf Instagram sieht, wie andere Mädchen Münzen auf ihren Schlüsselbeinen balancieren und sie das selbst nicht kann, wird sie schnell denken, dass mit ihr etwas nicht stimmt.“

Um eine Glorifizierung von Essstörungen zu verhindern, hat etwa die Fotoplattform Instagram ihre Richtlinien angepasst. Seit einigen Jahren können unter Betroffenen beliebte Hashtags wie #thinspiration, #proanorexia oder #probulimia nicht länger über die Suchfunktion gefunden werden. Was die Nutzer aber nicht davon abhält, die Begriffe in abgewandelter Form zu verwenden: Statt #thin schreiben sie #thyn, aus #bulimia wird #bulima. Was bleibt, ist das stets veränderte, stets gleiche Sammelsurium von Bildern ausgemergelter Körper.

Durch die enorme Verbreitung der Bilder seien die Jugendlichen ständig konfrontiert damit , wie der perfekte Körper auszusehen habe, sagt Schnebel. Trends wie das „Thigh Gap“ oder die „Bikini Bridge“, bei der zwischen Bikinihöschen und Bauch im Liegen eine Lücke bleiben soll, verbreiten sich teils innerhalb weniger Stunden oder Tage und lösen rasch einen Nachahmereffekt aus.

Magertrends können so etwas wie eine Einstiegsdroge sein

Bestätigung aus der Peergroup, der Gleichaltrigen-Gruppe, erfahren die jungen Mädchen dabei in Form von Likes und neuen Followern: „Sie sind eine Art sozialer Währung, um die die Jugendlichen konkurrieren“, sagt Schnebel.

Im Extremfall könnten Magertrends so wie eine Einstiegsdroge in die sogenannte Pro-Ana-Szene funktionieren. Eine Szene, die etwa auf Internetseiten, auf Blogs und speziellen Foren sowie über Nachrichten-Apps die extreme Magersucht verherrlicht und in der sich Mädchen „wie eine Art Sekte gegenseitig dazu ermuntern zu hungern“, sagt Schnebel. Von anderen Nutzern würden sie in ihrer Krankheit noch bestärkt.

Ein Effekt, der bei Melina Ainsworth nicht eingetreten ist. Ihren Blog „Skinny in the City“ hat die 23-Jährige mittlerweile eingestellt. Sie führe nur Selbstgespräche und bekomme nur Hasskommentare, schreibt sie in ihrem letzten Blogeintrag vom 20. Mai 2016: „Das motiviert nicht gerade zum posten.“ Als sie die Webseite einstellt, wiegt Ainsworth 56,1 Kilogramm – für ihre Größe das Idealgewicht.

Was Eltern tun können

Eltern, deren Kinder Magerbilder in den sozialen Netzwerken posten, rät Diplom-Psychologe Andreas Schnebel davon ab, die Internetnutzung strikt zu verbieten oder gar das Handy wegzunehmen – ein Verbot mache die Bilder nur spannender.

Bei sehr jungen Mädchen können Eltern die Zeit einschränken, in der im Internet gesurft oder das Smartphone genutzt wird.

Schnebel empfiehlt, Vertrauen aufzubauen und Kindern in regelmäßigen Gesprächen Selbstwert zu vermitteln.

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