Vor der Magdeburger Johanniskirche versammelten sich am Sonntag viele Menschen zum Gedenken an die Opfer. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Die schreckliche Tat von Magdeburg ist Ausdruck einer zur Gewalt hintreibenden Feindseligkeit, die im Netz verstärkt wird, meint unser Berliner Korrespondent Norbert Wallet.

So wenige Tage nach dem niederträchtigen Anschlag von Magdeburg will das Entsetzen nicht geringer werden und der Schrecken nicht abnehmen. Zu mörderisch ist die Bilanz des Verbrechens, zu hoch die Opferzahl und zu traurig der Gedanke an das Leid der Angehörigen und die Schmerzen der Verletzten. Der Respekt vor ihrem Leiden sollte die Tonlage bestimmen, in der über die Geschehnisse und die Konsequenzen daraus diskutiert wird.

 

Leider ist das keineswegs der Fall. Obwohl die Informationen über den mutmaßlichen Täter noch immer unvollständig und verwirrend sind, tobt im Netz schon eine laute rhetorische Schlacht, in der es um die Deutungshoheit über den Anschlag geht. Die einen brandmarken die Tat als importierten Terrorismus und stellen ihn in einen falschen Zusammenhang mit der Migrationspolitik der vergangenen Jahre. Die anderen unterstreichen die islamfeindlichen und offen rassistisch-rechtsradikalen Gedankensplitter, die in den Internet-Posts des Attentäters erkennbar sind. All diese Versuche, aus dem Anschlag kurzfristigen politischen oder ideologischen Geländegewinn zu erzielen, sind infam.

Ressentimentgeschwängerte Resonanzräume des Hasses

Eines immerhin lässt sich derzeit schon mit Gewissheit sagen: Die Triebfeder des Täters, in dessen Kopf sich offenbar widersprüchliche, aber gleichermaßen gefährliche ideologische Bruchstücke zu einem toxischen Gemisch zusammenfanden, war ein nagender, aggressiver und zum Ausbruch drängender Hass. Das sollte alle diejenigen zum Schweigen bringen, die die ressentimentgeschwängerten Resonanzräume des Hasses systematisch konstruieren oder sich mit ihrer gewaltgeneigten Sprache darin bewegen. Diesen Sphären muss sich jeder und jede fernhalten – und ihrem Entstehen und Wachsen müssen alle entgegentreten. Das gilt für die verblendeten Wutwelten der Fremdenfeinde, Rassisten und Rechtsradikalen, die ihre menschenverachtenden Zerrbilder der Wirklichkeit zu oft mit dem Mantel gutbürgerlicher Besorgtheit maskieren dürfen. Das gilt spiegelbildlich für die hermetischen Welten der religiösen Fundamentalisten, die den Islam zu einem Schwert gegen eine plurale Gesellschaft umformen.

Aus der Debatte darf man übrigens auch diejenigen nicht ausklammern, die formal ihre Hände in Unschuld waschen, weil sie doch angeblich nur Plattformen und Foren für einen offenen digitalen Austausch zur Verfügung stellen. Wie lange wollen wir es weiter akzeptieren, dass auf „X“ und anderswo all dieser stinkende Unrat an Verschwörungstheorien, Hetze, Hass auf Andersdenkende, Andersglaubende, Anderslebende herumtreibt und sich anreichert wie der Plastikmüll in Weltmeeren? Zumal der Betreiber des Netzwerks „X“ ja sogar selbst seinen Beitrag genussvoll in den Schmutzteppich einwebt. Die Macht dieser Netzwerke ist nicht gottgegeben, diese Dinge wären politisch veränderbar, wenn der Wille dazu nur vorhanden ist.

Haben die Behörden Hinweise nicht ernst genommen?

Wohlgemerkt, die Warnungen vor eilfertigen Urteilen bedeutet nicht, dass eine intensive Debatte um die Folgen aus Magdeburg unangebracht wäre. Ganz im Gegenteil. Viele Fragen müssen geklärt werden. Haben die Behörden Hinweise nicht ernst genommen?Sie kamen womöglich sowohl aus der Bevölkerung wie auch aus Saudi-Arabien. Wie genau können das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz überhaupt auf die Flut an Hassreden im Netz schauen? Mangelt es an Personal oder Expertise? Man wird wohl auch bald kleinteiligere Fragen stellen müssen. Wie kann es möglich sein, dass ein Pkw überhaupt auf einen Weihnachtsmarkt einfahren kann?

Alles zu seiner Zeit und alles nach einem Grundsatz: Geben wir dem Hass keine Chance.