Magdalena Brzeska hofft auf eine Nachfolgerin, die die Rhythmische Sportgymnastik wieder in den Fokus bringt. Foto: Pressefoto Baumann

Die Rhythmische Sportgymnastik (RSG) fristet ein Schattendasein im deutschen Sport. Zu Unrecht, findet Magdalena Brzeska. Der Weltcup und die WM in Stuttgart sollen helfen, dies zu ändern.

Die Rhythmische Sportgymnastik (RSG) fristet ein Schattendasein im deutschen Sport. Zu Unrecht, findet Magdalena Brzeska. Der Weltcup und die WM in Stuttgart sollen helfen, dies zu ändern.

Stuttgart - Frau Brzeska, Sie pendeln zwischen Glamourwelt und Turnhallenmief. Wo fühlen Sie sich wohler?
Nur Rote Teppiche sind auf Dauer nichts für mich. Ich brauche die Turnhalle, dort bin ich zuhause. Nach einer Woche „Let’s Dance“ (eine TV-Show, d. Red.), wo alles sehr glamourös ist, bin ich glücklich, wieder im Jogginganzug in der Halle zu stehen. Die Arbeit mit Kindern macht unglaublich viel Spaß.
RSG-Trainerinnen gelten als besonders streng. Sind Sie das auch?
Man muss die richtige Mischung finden. Es gibt unterschiedliche Kinder. Manche muss man höflich bitten, ihr Knie zu strecken. Anderen kann man es auch deutlicher sagen. Aber Kinder anzuschreien, ist nicht meins. Bei uns steht die Leistung auch nicht im Vordergrund. Eine gute Vertrauensbasis ist das Wichtigste. Zu meiner aktiven Zeit haben sich manche nicht getraut, im Training zur Toilette zu gehen, oder zu sagen, dass sie Schmerzen haben. Das finde ich furchtbar, aber es ist heute sicher nicht mehr der Fall.
Werden Ihre Mädchen bei der TSG Söflingen eigentlich auf die Waage gestellt?
Es gibt eine Waage in der Halle, aber die ist kaputt und ich werde sie nicht ersetzen. Ich halte nichts von dieser Methode.
Weil Sie selbst ein gebranntes Kind sind?
Ich musste mich früher fünf Mal am Tag wiegen. Aber heute werden unsere Mädels auch im Spitzensport nicht mehr so häufig auf die Waage gestellt. Und wenn man sich die Gymnastinnen anschaut, sieht man: Sie stehen nicht mehr an der Grenze zur Magersucht. Sie sehen gesund aus, athletisch. Das ist eine sehr positive Entwicklung.
Und es ist nicht das einzige, was sich seit Ihrem Karriereende in der Gymnastik verändert hat.
Früher und heute – das sind zwei unterschiedliche Welten. Alleine die Kostüme oder die Musik. Alles ist glamouröser geworden. Und von den Schwierigkeiten her sind die Veränderungen extrem. Als ich aktiv war, war ein Wurf mit zwei Rollen das Größte. Heute zählt dieses Element fast nichts mehr.
Wird heute auch mehr trainiert?
Das Training ist kompakter geworden. Aber viel mehr als damals kann man in Deutschland nicht üben. Sechs Stunden am Tag sind nach wie vor das Minimum. Irgendwann müssen die Mädels ja auch noch zur Schule.
Die erfolgreichsten Gymnastinnen kommen aus Osteuropa. Was machen sie anders?
Sie trainieren extrem viel, acht Stunden am Tag und mehr. Dafür gehen die meisten nicht zur Schule. Das ist ein Vorteil – für den Erfolg. Aber ich heiße dieses System nicht gut. Für unsere Mädchen ist die Schule sehr wichtig. Sie müssen verpasste Stunden nachholen und Arbeiten nachschreiben. Ohne Schulausbildung geht später nichts. In Russland bekommen Gymnastinnen aber auch ein monatliches Gehalt. Das gibt es bei uns nicht, hier bekommen sie Sporthilfe – und mit sehr viel Glück Sponsorenverträge.
In Stuttgart können sich die deutschen Gymnastinnen in naher Zukunft gleich zweimal mit den weltbesten Sportlerinnen messen. An diesem Wochenende beim Weltcup, und in einem Jahr bei der WM.
Darauf freue ich mich unheimlich, und ich möchte mich bei allen bedanken, die daran arbeiten, unsere schöne Sportart wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Ein Wettkampf zuhause ist immer etwas Besonderes. Ich erinnere mich noch gut an die EM 1992 in Stuttgart, meinen ersten großen Wettkampf. Damals hatte ich ständig Gänsehaut – und dieses Mal werde ich mindestens genauso aufgeregt sein. Für die Mädels ist das ein Wahnsinnserlebnis, auch wenn sie bei der WM, bei der es um die Olympiaqualifikation geht, enorm unter Druck stehen werden. Von daher ist der Weltcup ein Riesenvorteil, die perfekte Generalprobe.
Der Kartenvorverkauf für den Weltcup verlief erfreulich, trotzdem fristet die Rhythmische Sportgymnastik ein Schattendasein. Was fehlt der Sportart, um populärer zu werden?
Die Rhythmische Sportgymnastik braucht ein Gesicht. Am besten wäre es, wenn Jana (Berezko-Marggrander) oder Laura (Jung, d. Red.) beim Weltcup oder bei der WM in Stuttgart eine Medaille holen. Die beiden haben das drauf – und die anderen kochen auch nur mit Wasser. Man hat ja schon bei der Turn-Weltmeisterschaft 2007 in Stuttgart gesehen, was Erfolg im eigenen Land bewirken kann. Heute kennt fast jeder Fabian Hambüchen und Marcel Nguyen. Weltcup und WM sind eine Riesenmöglichkeit für unsere Sportart.
Sie haben die Sportart über viele Jahre geprägt. Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich hatte ehrlich gesagt auch viel Glück. Als ich meine ersten Erfolge feierte, wurden auch Tanja Schewtschenko (Ex-Eiskunstläuferin) und Franziska van Almsick (Ex- Schwimmerin, d. Red.) bekannt. Wir waren alle 14 Jahre alt und kamen aus dem Nichts. Plötzlich hatte Deutschland drei Sport-Lolitas. Das ließ sich natürlich gut vermarkten. Wichtig war auch, dass ich ein tolles Management hinter mir hatte.
Haben Sie einen Tipp für potenzielle Nachfolgerinnen?
Man braucht einen Wiedererkennungswert. Jana ist noch etwas schüchtern, Laura dagegen präsentiert sich schon ganz gerne. Aber Übung macht den Meister. Ich war auch nicht immer so selbstbewusst. Am Anfang konnte ich ja nicht einmal Deutsch.
Dafür stehen Sie noch heute wie keine andere für die RSG. Wie nutzen Sie ihre Popularität, um die Sportart ins Rampenlicht zu bringen?
Ich besuche Schulen und Kindergärten und versuche, auf die RSG aufmerksam zu machen. Denn, was viele vergessen: Sportgymnastik ist nicht nur Drill. Es gibt auch noch die normale Gymnastikwelt, den Breitensport. Man kann auch nur ein- oder zweimal in der Woche trainieren und dabei Spaß haben. So wie meine kleinen Mädels bei der TSG Söflingen. Und wer Lust hat, geht dann auf Leistung. Ich würde mich freuen, wenn es uns gelingt, durch den Weltcup und die WM in Stuttgart viele neue Mädchen für die Sportgymnastik zu begeistern. Denn ich finde: Sie ist die schönste Sportart der Welt.
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