Sandro Mattioli hat bei der Stuttgarter Zeitung volontiert. Foto: Achim Zweygarth

Baden-Württemberg ist recht erfolgreich beim Anti-Mafia-Kampf.Es gibt allerdings auch viel zu tun, sagt der Autor und Journalist Sandro Mattioli.

Stuttgart - Eine mutmaßliche Schwarzwälder Mafiazelle muss sich von Freitag an vor dem Konstanzer Landgericht verantworten. Seit zehn Jahren publiziert der Autor und Journalist Sandro Mattioli über das organisierte Verbrechen in Deutschland und Italien. Die Mafia sei fast flächendeckend im Südwesten vertreten, sagt der gebürtige Heilbronner.

err Mattioli, wieder beginnt in Baden-Württemberg ein großer Mafiaprozess. Sind wir Deutschlands Mafialand Nummer eins?

Nein, das würde ich nicht sagen. Das Bild ist etwas verzerrt, weil die Polizeiarbeit hier recht gut ist. Dafür ist auch dieser Prozess ein gutes Zeichen. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass noch viel zu tun ist. Wir müssen davon ausgehen, dass es noch sehr viel mehr Mafiosi im Südwesten gibt als die wenigen, die hier aus dem Verkehr gezogen werden sollen.

Wie stark ist die Mafia im Südwesten verbreitet?

Bei den Schätzungen muss man nicht vorsichtig sein. Man kann relativ klar sagen, dass die Mafia hier flächendeckend vertreten ist. Wir hatten Festnahmen in Singen, Konstanz, Waiblingen, Stuttgart und Ludwigsburg, aber auch in kleinen Orten wie Engen, Rielasingen-Worblingen oder auf der Alb.

Unterscheidet sich die Organisationsform im Land grundsätzlich von derjenigen in Italien?

Ja und nein. Von Überwachungsoperationen ist bekannt, dass es die Erscheinung des Mafia-Ortsvereins, des sogenannten „locale“, in Baden-Württemberg genauso gibt wie in Italien. Dafür braucht es nach dem Mafiareglement mindestens 49 Mitglieder. Es gibt einen Vorsitzenden, einen Schriftführer, einen Kassenwart, regelmäßige Treffen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es parallele Strukturen gibt, die wir nicht kennen.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Anders lassen sich bestimmte Vorgänge im Land nicht erklären. Es werden hier Gelder von Leuten investiert, die offensichtlich nicht in Verbindung mit den „locale“ stehen. So wurde zwei Jahre lang die Zelle in Singen belauscht, ohne Hinweise zu finden, die auf kriminelle Aktivitäten deuten.

Warum bekommt man als Normalbürger so wenig mit von der Mafia?

Natürlich wird viel Aufwand darauf verwendet, nicht aufzufallen. Als ich begonnen habe, mich mit dem Thema Mafia zu beschäftigen, habe ich wie vermutlich jeder andere geglaubt, dass die Mafia so geheim ist, dass keiner weiß, wer dazugehört. Tatsächlich ist es so, dass diejenigen, die näher damit zu tun haben, genau wissen, wer eine Nähe zu Mafiaclans hat. Es ist nur so, dass in Deutschland die bloße Mitgliedschaft nicht strafbar ist. Es müssen konkrete Straftaten nachgewiesen werden, was oft schwierig ist. Die ’Ndrangheta, die im Drogenhandel sehr aktiv ist, steht mit ihrem Kokain ja nicht einfach auf der Straße. Sie fungiert im Hintergrund als Großhändler.

Immer wieder kommt es vor, dass der Lieblingsitaliener eines Politikers als Mafioso enttarnt wird. Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Pizzeria an der Ecke auch zur Mafia gehört?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich bin Vorsitzender des Vereins „Mafia – nein danke“, der von 50 italienischen Wirten gegründet wurde, die sich klar gegen die Mafia positionieren. Aber man weiß aus Abhörprotokollen der italienischen Polizei, dass ein inzwischen festgenommener Stuttgarter Top-Mafioso allein hinter 146 Lokalen stehen soll. Oft gibt es ja auch Indizien: Da ist das Lokal, das teuer renoviert und dann wieder geschlossen wird. Oder es wirft angeblich keinen Gewinn ab, und dann wird doch eine Filiale eröffnet. Es sind im Südwesten viele, aber ich würde nicht alle unter Generalverdacht stellen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: