Die Urteile nach dem Prozess um mafiöse Umtriebe in Fellbach und Umgebung stehen fest. Für einen Angeklagten gibt es einen Freispruch.
Am Mittwoch ist vor dem Landgericht Stuttgart der Prozess gegen einen Mafia-Unterstützer aus Kernen zu Ende gegangen. Weil er mitgeholfen hat, italienische Firmen um Waren im Wert von rund 90 000 Euro zu betrügen, und zudem einer Bekannten Drogen besorgt und abgegeben hat, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.
Mit auf der Anklagebank: ein 47 Jahre alter Polizeihauptmeister aus Fellbach, der ihm interne Informationen verraten hatte. Er wurde freigesprochen – das Gericht sprach ihm zudem eine Entschädigung für seine Zeit in U-Haft zu.
Der Prozess hatte ein Schlaglicht auf die Methoden der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta geworfen, die vor allem im Raum Fellbach seit Jahrzehnten aktiv ist. Ihre Spezialität ist demnach das Aufdrängen von Waren an Gastronomen in der Region. Oft reichte der Name – und das Wissen um die Zugehörigkeit zu gewissen Kreisen – aus, um Restaurantbesitzer zum Kauf zu drängen. Wer sich quer stellte, bekam Drohungen zu hören. Oder Besuch, bei dem etwas zu Bruch ging.
So arbeitet die kalabrische Mafia im Großraum Stuttgart
Das zweite Standbein der Fellbacher Mafia-Gruppe war Betrug. Angehörige gaben sich als Mitarbeiter realer Firmen aus, bestellten über einen Strohmann in Italien und Fake-E-Mail-Adressen Lebensmittel im Wert von zigtausenden Euro. Die Lieferung ging allerdings nicht an die echte Adresse des Gastrobedarfs, sondern an die Anschrift eines großen Fellbacher Logistikunternehmens. Dort hatte der 49-jährige Antonino P. einen Bekannten. Die Ware wurde abgefangen, umgeladen, ins eigene Lager gebracht und nie bezahlt.
Zum innersten Zirkel der Mafia gehört P. nicht, ranghöhere Mitglieder der Gruppe stehen derzeit in Italien und Deutschland vor Gericht. Im April 2025 hatte die Polizei nach verdeckten Ermittlungen etliche mutmaßliche Mafiosi festgenommen. Auch vom erwirtschafteten Geld scheint der Mann aus Kernen nichts abbekommen zu haben. „Für ihn ging es wohl eher um das Gefühl, dazuzugehören“, so die Richterin.
Dennoch spielte er eine wichtige Rolle. P. erledigte die Buchhaltung, organisierte die Entgegennahme der Waren und wimmelte am Telefon Firmen ab, die auf Bezahlung pochten. „Er wusste genau, mit wem er es da zu tun hat“, so die Richterin in ihrer Urteilsbegründung. Auch die Strukturen der Mafia habe er gekannt und gegenüber einem Bekannten mit seiner angeblichen hohen Stellung geprahlt.
Der Polizist verrät dem Mafia-Helfer Dienstgeheimnisse
Mit dem Fellbacher Polizeihauptmeister Eric R. verbindet den Italiener eine rund 20 Jahre lange Freundschaft; P. war sogar sein Trauzeuge. „Es war wohl keine Freundschaft auf Augenhöhe – wir vermuten, dass er es nicht für unpraktisch hielt, einen Polizisten zum Freund zu haben“, so die Richterin. Im Januar 2022 stiftete er den Schutzmann an, im Polizeicomputer Informationen zu einem Kennzeichen und zu einem Mafioso einzuholen.
Um ein Haar hätte Eric. R. dabei entdeckt, dass die Kriminalpolizei bereits verdeckt ermittelte. Nur weil ein Zeuge ein veraltetes Kennzeichen durchgegeben hatte, stieß er auf nichts substanzielles. Was für seine Strafe aber nicht weiter von Belang ist, denn der psychiatrische Gutachter Professor Hermann Ebel stellte bei ihm eine bipolare affektive Störung fest. Dem folgte das Gericht – und sprach dem auf Abwege gekommenen, aber schuldunfähigen Schutzmann zudem einen Anspruch auf Entschädigung für seine Zeit in U-Haft zu. Welche dienstrechtlichen Konsequenzen die Sache für ihn hat, muss sich noch zeigen.