Ein Deal im Fellbacher Mafia-Prozess platzt. Eine italienische Wissenschaftlerin erklärt, warum ausgerechnet die Region bei der kalabrischen Mafia so beliebt ist.
Warum gerade Fellbach (Rems-Murr-Kreis)? Diese Frage stellt sich vielen Beobachtern des Prozesses, der gerade vor dem Stuttgarter Landgericht stattfindet. Der Name der Stadt im Rems-Murr-Kreis fällt immer wieder, wenn es um die kalabrische Mafia geht. Auf der Anklagebank sitzen Antonino P., ein mutmaßlicher Unterstützer einer Fellbacher Mafia-Gruppe und der Polizist Erik R., welcher der Mafia Dienstgeheimnisse verraten haben soll. Eine italienische Expertin von der Universität Bologna hat im Zeugenstand Licht auf den Aufbau der ’Ndrangheta geworfen.
„Ich würde sie als eine Art Föderation beschreiben“, sagte sie. Eine zentrale Rolle spiele ein sogenanntes „locale“ in Cirò – einer kalabrischen Gemeinde mit knapp 3000 Einwohnern. Diesem locale, das man als Art regionales Gremium beschreiben könnte, sind mehrere ’Ndrine zugehörig. Diese örtlichen Ableger verfolgen teils eigene Ziele und Interessen, sind aber zu Rechenschaft und zu Geldabgaben gen Cirò verpflichtet – im Gegenzug erhalten sie Schutz, Unterstützung für Inhaftierte und Vermittlung bei Streitigkeiten zwischen Gruppierungen.
Von Kalabrien nach Fellbach: So ist die ’Ndrangheta organisiert
Das locale in Cirò wird vom berüchtigten Clan Farao-Marincola gesteuert. Ihm unterstellt ist unter anderem eine ’Ndrine in der kalabrischen Stadt Cariati, die laut den Ermittlern von den Brüdern Giorgio und Nino G. geleitet wird. Die Fellbacher Gruppe, zu welcher der 49 Jahre alte Angeklagte Antonino P. gehört haben soll, agierte vordergründig als Gastro-Zulieferer und war wiederum ein lokaler Ableger dieser ’Ndrine. Geführt wurde die Gruppe laut Ermittlern von Raffaele T. und Fiorenzo S. – beide stehen derzeit in Italien und Deutschland als mutmaßliche getaufte ’Ndrangheta-Mitglieder vor Gericht.
Dass gerade Fellbach im Rems-Murr-Kreis so einen Angelpunkt für die Mafia darstellt, sei kein Zufall, erklärte die Wissenschaftlerin. Bereits seit den 1970er Jahren bestünden mafiöse Verbindungen nach Fellbach. „Giorgio G. hat viele Jahre in Fellbach verbracht“, schilderte die Expertin. Auch in den vergangenen Jahren, vor seiner Inhaftierung, war G. mehrfach dort.
Ein beträchtlicher Teil der großen italienischen Community in Fellbach hat zudem Wurzeln im Raum Cariati und hat dort weiterhin Verwandte oder Häuser. Die ’Ndrangheta nutzte dies offenbar aus: Manche Gastronomen mochten allein aus Heimatverbundenheit Produkte ihrer Landsleute kaufen. Doch viele dürften auch Angst gehabt haben.
Und so tauchen in den Abhörprotokollen der Ermittler immer wieder Verkaufsgespräche auf, in denen simples Namedropping oder die Bemerkung, man „habe hier in Fellbach Geschichte“, ausreicht, um kaufunwillige Gastronomen plötzlich umzustimmen. Wer sich dennoch quer stellte, bekam teils Besuch. Zerschlagene Fensterscheiben, zerstochene Autoreifen – „das ist der modus operandi der ’Ndrangheta“, so die Expertin.
Deal zwischen Verteidigern und Ankläger ist geplatzt
Eine Möglichkeit, das Gerichtsverfahren schneller zu Ende zu bringen als geplant, ist indes vom Tisch. Die Staatsanwaltschaft hat einen Deal abgelehnt. Ein Strafmaß von maximal drei Jahren und drei Monaten und das Fallenlassen von manchen Anklagepunkten im Tausch gegen ein umfassendes Geständnis – das ging dem Ankläger offensichtlich zu weit. Ein Geständnis, betonte die Richterin in Richtung des mutmaßlichen Mafia-Unterstützers, könne das Urteil aber immer noch zu dessen Gunsten abmildern.
Ob das Gericht eine knappe Erklärung, die einer der beiden Rechtsanwälte P.s vorlas, als umfassendes Geständnis oder gar Reue werten wird, wird sich zeigen. Darin räumte der 49-Jährige zumindest Teile der Anklage ein, betonte aber, er habe nur seinem Bekannten Fiorenzo S. helfen wollen und habe von dessen angeblicher Mafiazugehörigkeit nichts gewusst. Laut der Wissenschaftlerin im Zeugenstand kursierte sein Name in Italien allerdings als möglicher Nachfolger von Raffaele T.
Gutachter: Polizist leidet an einer bipolaren Störung
Der Fellbacher Polizist Erik R., der seinen einen langjährigen Freund und Trauzeugen P. laut der Anklage immer wieder mit polizeiinternen Informationen versorgt haben soll, wurde am Donnerstag vom psychiatrischen Gutachter Professor Hermann Ebel für schuldunfähig erklärt. Grund: eine bipolaren Störung, früher als manische Depression bekannt.
Allein die Freundschaft mit Antonino P. ist nicht strafbar, und zum Zeitpunkt der Weitergabe der Dienstgeheimnisse befand sich R. laut dem Gutachter in einer manischen Phase seiner Krankheit. Ob das Gericht dem Gutachten folgt, steht noch nicht fest. In einem anderen Verfahren, in dem es um den Vorwurf ging, R. habe seinem Revierleiter „Mafia-Killer“ auf den Hals hetzen wollen, wurde der Polizeihauptmeister freigesprochen. Dieses Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.