Essen auf der Straße ist in: Rund 20.000 Menschen lockte der erste Stuttgarter Street-Food-Market an den Nordbahnhof. Foto: Lg/ Jan Reich

Ob Essen, Design, Kunst oder Mode: Selbstgemachtes oder Selbstproduziertes auf Straßenmärkten zu verkaufen, ist längst nicht mehr nur in Berlin hip, sondern auch in Stuttgart. Neue Varianten gibt es dabei immer wieder: Am Sonntag findet der erste „Street Love Market“ am Nordbahnhof statt.

Stuttgart - Die heutige Währungseinheit innerhalb der Großstadt-Avantgarde ist meine Marmelade, meine Häkelsocken oder mein Gemüsesaft. Davor gehört stets ein „selbst“: selbstgebastelt, selbstgekocht, selbstgestrickt. Das Credo vieler junger Menschen lautet: „Ich bastle, ich koche, ich baue – also bin ich.“ Produzieren statt nur schnöde zu konsumieren, scheint vielen ein gutes Gefühl zu geben.

Nur wohin dann mit all dem Selbstgemachten? „Markets“ nennen sich die neuen Plattformen dafür. Englisch natürlich, denn das klingt international. Diese Märkte gibt es längst für alles: für Essen, für Design, für Mode, für Kunst oder für alles zusammen. Auch in Stuttgart ist die Vielfalt riesig: Good Food, Street Food, Girls Market oder vielleicht doch eher Hofflohmärkte? Man weiß am Wochenende ja fast schon nicht mehr, zu welchem dieser Event man zuerst gehen soll.

Die Stuttgarter Pascal Klein und Patrick Blessing sehen eine zweite Ursache für den Märkte-Hype: „Die Leute haben den großen Wunsch nach einem urbanen Leben auf der Straße“, sagt Klein. „In den USA ist das längst gang und gäbe.“ Wie beliebt dieser Trend in der Landeshauptstadt ist, haben die beiden Macher des ersten Stuttgarter Street-Food-Marktes am eigenen Leib erfahren. Rund 30 000 Menschen kündigten sich im vergangenen Jahr für ihre Veranstaltung am Nordbahnhof über die sozialen Netzwerke an. Bereits gegen 13 Uhr musste das Gelände wegen Überfüllung immer wieder geschlossen werden. Hungrige waren gut bedient, wenn sie ihr eigenes, selbst gemachtes Vesper dabei hatte.

Street Food – im letzten Jahr das Event schlechthin – halten die beiden für ausgelutscht. Zu viele seien auf den Zug aufgesprungen. „Das ist ungefähr so, wie wenn jede Woche Wasen wäre“, meint Blessing.

Street Love mit Street Food

Am Pfingstwochenende bringen die beiden nun als Alternative ganz viel Liebe auf die Stuttgarter Straßen. Am Sonntag und Montag veranstalten sie den „Street Love Market“ am Inneren Nordbahnhof.

Nun wollen Klein und Blessing nicht, wie der Name vielleicht erahnen lassen würde, zum größten Festival der freien Liebe einladen, sondern es geht darum, sein Selbstgemachtes unters Volk zu bringen. „Wir haben viele Genres dieses Jahr im Programm. Deshalb haben wir den Namen geändert“, sagt Klein. Essen, Mode, Musik, Kunst, Sport und Kinder sind die sechs Rubriken des Gesamtprogramms.

Ja, auch Kinder bekommen jetzt einen Markt. Das hat sich Blessing ausgedacht; er ist hauptberuflich Erzieher. Und im Vergleich zum Vorjahr haben die Straßenmarkt-Veranstalter dazu gelernt: Man habe die doppelte Fläche für zwei Tage gebucht.

So viel Platz braucht Daniel Rosner nicht. Der 30-jährige Inhaber der Agentur Heldenreich hält zwar am Street-Food-Trend fest, aber im kleinen Stil. Mit seinem Bruder organisiert er den Markt auf dem Karlsplatz, der ab dem 26. Mai wieder startet. An 15 Ständen verkaufen dort Händler aus ihren Food Trucks hausgemachte Spezialitäten. Straßenmusiker aus der Stadt sorgen für die Hintergrund-Bespielung. Studenten und Rentner sitzen dort laut Rosner an lauen Sommernächten zusammen und tauschen sich über Lebensmittel aus. „Charmant“ nennt er die Atmosphäre.

Viele Märkte locken mit individuellen und von Hand gefertigten Produkten

Doch was ist auf einmal so verlockend an diesen Märkten? Lange haben die klassischen Flohmärkte doch eher ein Schattendasein gefristet und waren dem leidenschaftlichen Antiquitäten-Sammler vorbehalten. Gemeinsam ist aber all diesen neuen Events: Die Besucher erwartet eine Vielzahl an individuellen, originellen und neu gefertigten Produkten. Hinzu kommt die neue Vorliebe vieler Konsumenten für nachhaltig Produziertes, ebenso wie der Wille zur Abkehr von großen Ketten.

Ein besonderes Flair haben zudem kleine Flohmärkte, wie sie in vielen Quartieren stattfinden. Im vergangenen Sommer hat der Münchner René Götz sein Konzept der Hofflohmärkte nach Stuttgart importiert und ist damit bei den Nachbarschaften im Westen, im Heusteig- und im Lehenviertel sowie im Osten offene Türen eingerannt. Handeln, feilschen und dabei die Nachbarn kennen lernen – die Idee kam so gut an, dass es in diesem Jahr gleich zehn Märkte in der Landeshauptstadt gibt.

Die zahlreichen Street-Food-Märkte überzeugen vor allem mit regionalen Produkten

Bei vielen wächst zudem das Bewusstsein für gute Ernährung, sagt Daniel Rosner. Auf ihren Street-Food-Märkten seien bio, regio oder fair gehandelt das oberste Credo. „Ein Marktbesucher der zur Metro geht, wird doof angeschaut“, ist seine Erfahrung. Für die Selfmade-Gastronomen, Hobby-Designer und die Künstler sei es natürlich auch ein günstiger Sprung in die Selbstständigkeit. Ein Marktstand kostet eben nicht so viel wie ein Laden in Innenstadtlage. So denken laut Rosner viele. Mangelnde Gastroerfahrung und falsche Kalkulation lässt viele aber dennoch scheitern. „Die rechnen nur 500 Burger à acht Euro gleich 4 000 Euro“, sagt er. Das sei aber natürlich nicht, das, was am Ende übrig bleibe. Ihre Ausgaben vergessen die meisten.

Blessing sieht diese Entwicklung trotzdem positiv: Dahinter stecke der typische Start-Up-Gedanke: Prototyp rausschicken, Feedback abwarten und dann erst überlegen, wie es weitergeht. So sei man als Selbstständiger erfolgreich, glaubt er. Denn Erfolg habe letztlich nur drei Buchstaben: Tun. Viel Idealismus spürt er zudem bei vielen Selbstständigen. Der sei vielen fast wichtiger als Geld: „Heute schreibt ja fast jeder einen Blog. Wenn das drei Leute lesen, reicht das vielen schon.“ Ähnlich sei es eben bei den Designern und Hobbyköchen.

Anstehende Märkte diesen Sommer

Street-Love-Market findet am Sonntag, 15. Mai, sowie am Montag, 16. Mai, am Inneren Nordbahnhof 1 jeweils von 11 bis 21 Uhr statt.

Übermorgenmarkt Der„grüne Wochenmarkt“ von Dominik Ochs und Lennard Arendt bietet am Samstag, 29. Mai, von 10 bis 22 Uhr nachhaltige Produkte auf dem Marienplatz.

Street Food Ab Donnerstag, 26. Mai, startet der wöchentliche Markt auf dem Karlsplatz, jeweils von 11 bis 22 Uhr.

Hinterhof Am Samstag, 18. Juni, öffnen Privatpersonen von 10 bis 16 Uhr im Heusteigviertel Hinterhöfe und verkaufen alte Sachen.

Stylekantine Fashion Design, Food, Treffpunkt für Blogger – die Stylekantine in der Unimensa am Samstag, 18. Juni, bietet alles auf einmal. Der Lifestyle-Markt startet um 11 Uhr.

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