Männliche Hebammen sind Exoten im Kreißsaal. Zwei von ihnen haben sich durch die Ausbildung gekämpft. Ihre Erfahrungen waren nicht immer positiv.
Bremen - Sie könnten gegensätzlicher nicht sein, die beiden jungen Hebammen, die nervös vor dem voll besetzten Kongresssaal stehen und über ihre Motivation für die Berufswahl sprechen. Links eine schmale Person, die lächelnd und mit fliegenden Händen erzählt, das Gegenüber breitschultrig und eher wortkarg. Doch was beide spürbar verbindet, ist die Leidenschaft für die Arbeit im Kreißsaal. „Ich gehe nach Hause und bin froh, am nächsten Morgen wieder um vier Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen zu dürfen“, berichtet Konstantin Wroblewski (22).
Tobias Richter (20) musste sich mit seiner unkonventionellen Berufswahl gegen die Skepsis seiner Mutter durchsetzen. Die prophezeite: „Das überlebst du keinen Tag“, als der 17-jährige ihr verkündete, er wolle Kreißsaalhebamme werden. Sie zweifelte nicht an den Kompetenzen ihres Sohnes, sie war besorgt um ihn. Richter lächelt: „Meine Mutter ist selbst Hebamme. Sie kennt die Haltung ihrer Kolleginnen zu dem Thema.“
Die erste Praxisphase war ein Albtraum
Nur acht von rund 24 000 deutschen Hebammen sind derzeit Männer, hinzu kommen vier männliche Hebammenschüler. Den männlichen Pionieren schlägt ein rauer Wind entgegen. Konstantin Wroblewski wurde bei seinem ersten Vorstellungsgespräch für einen Ausbildungsplatz von einer katholischen Einrichtung mit dem Satz abgewiesen: „Wir finden, dass Männer in der Geburtshilfe nichts verloren haben“. Um ihm das persönlich zu sagen, hatte man ihn 500 Kilometer weit anreisen lassen - für den jungen Mann eine „zutiefst demütigende Erfahrung“.
Ein Albtraum war auch die erste Praxisphase des Hebammenschülers: „Die Leiterin der Wochenbettstation ließ mich zwölf Wochen lang den Kreißsaal putzen. Danach bat ich um Versetzung in eine andere Klinik“. Im jetzigen Krankenhaus werde er nicht mehr aufgrund seines Geschlechts diskriminiert. Hebamme ist Konstantin Wroblewskis zweite Ausbildung. Erst lernte er den klassischen Männerberuf Tischler, merkte aber schnell, dass er „lieber mit Menschen arbeiten wollte“. Nach Praktika in Kinderkranken- und Altenpflege fand er seine wahre Berufung im Kreißsaal. „Wenn ich eine werdende Mutter und den Vater gemeinsam dabei begleiten kann, eine starke Familie zu werden, macht mich das glücklich.“
Das klappt: Männer und werdende Väter
Gibt es etwas, das er besser kann als seine weiblichen Kolleginnen? Seine Antwort kommt bedächtig: „Es gelingt mir, glaube ich, besonders gut, die Väter in die Geburt miteinzubeziehen.“ Draußen vor der Tür nütze der Partner der werdenden Mutter schließlich wenig.
Auch Tobias Richter hat seine Ausbildungszeit in Erfurt als krasse Prüfung erlebt: „Ich bin oft zutiefst in meiner Person angegriffen worden.“ Definitiver Tiefpunkt war die Unterstellung, männliche Hebammen verfolgten mit ihrer Berufswahl lediglich sexuelle Interessen. „So ein Quatsch! Frauen in der Geburtshilfe fragt doch auch keiner, ob sie lesbisch sind.“ Inzwischen arbeitet der junge Mann als Angestellter im Kreißsaal einer Berliner Klinik und gibt freiberuflich Geburtsvorbereitungskurse. Aufgrund seiner offenen, freundlichen Art fassen Schwangere und Mütter schnell Vertrauen zu ihm. Im Klinikalltag wird der jugendlich wirkende Mann im grünen Kittel häufig als Krankenpfleger angesprochen. Anfangs hat ihn das gestört, mittlerweile lächelt er es weg.
Hebamme, männlich: Die Rolle ist für alle Beteiligten neu. Richter gestaltet sie bewusst. Um missverständliche Situationen im Klinikalltag zu vermeiden, fragt er beispielsweise jede Schwangere vor einer vaginalen Untersuchung, ob sie einverstanden sei, dass er diese alleine durchführe oder ob eine weitere Person hinzukommen soll. Reibungen gibt es trotzdem. In einem Geburtsvorbereitungskurs fand ein werdender Vaters neulich, der junge Kursleiter komme seiner Frau zu nahe, und drohte: „Ich sorge dafür, dass du nicht in den Kreißsaal darfst!“ Richters Antwort kam schnell und deutlich: „Oder ich dafür, dass du draußen bleibst.“
„Cool, dass ihr dabei seid“
Ein zentrales Vorurteil gegenüber männlichen Geburtshelfern lautet, Männer könnten die Empfindungen und Bedürfnisse einer Frau beim Gebären nicht verstehen. Für Susanna Rinne-Wolff, die frühere Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbandes, ist das kein stichhaltiges Argument. Erstens sei nicht jede Hebamme selbst Mutter. Zweitens kann es eher hinderlich als hilfreich sein, von einer persönlichen Geburtserfahrung auf den typischen Verlauf bei anderen Frauen zu schließen. „Die wichtigste Eigenschaft einer guten Hebamme ist, geschlechtsunabhängig, Einfühlungsvermögen.“
Beim Hebammen-Kongress in Bremen gab es jedenfalls statt Gegenwind Rückenstärkung: „Wir jungen Hebammen finden es cool, dass ihr Jungs dabei seid! Ihr seid eine echte Bereicherung,“ rief eine Berufsanfängerin. Eine Kollegin ergänzte selbstkritisch: „Wir können doch nicht einerseits über Hebammenmangel klagen und andererseits die Männer an den Schulen diskriminieren.“ Eine seit 35 Jahren berufstätige Hebamme erzählte vom hervorragenden Betriebsklima in ihrer Geburtsklinik auf Gran Canaria mit einem Drittel männlicher Kollegen und rief: „Ich breche eine Lanze für euch Jungs, weiter so!“
Eine erfahrene Kollegin bekannte, sie sei sehr skeptisch gewesen, habe aber ihre Haltung geändert: „Vielen Dank, dass ihr beide unsere Berufsgruppe stärkt – und dass ihr mein Weltbild erweitert habt.“ Und eine Berliner Hebamme setzte noch ein Sahnehäubchen für „Hebamme Tobi“ drauf: „Ich bin geehrt, dich jetzt persönlich kennenzulernen.“ Zwei von ihr betreute Wöchnerinnen hatten von seiner freundlichen Art geschwärmt, weil er so unbefangen mit ihnen umgegangen sei. Und für deren Partner habe es keine Rolle gespielt, dass die Hebamme ein Mann war.
Ist das der Gynäkologe?
Selbst in sensiblen Arbeitsfeldern, die Susanna Rinne-Wolff als „möglicherweise nicht geeignet für männliche Hebammen“ bezeichnet, haben Wroblewski und Richter bisher gute Erfahrungen gemacht. Die Rede ist von Schwangeren mit Traumata und jenen aus anderen Religionen und Kulturen. Tobias Richter beispielsweise betreute eine gebärende junge Frau mit Gewalterfahrung. Sie konnte seine Unterstützung entspannt und angstfrei annehmen. Konstantin Wroblewski berichtet aus seiner baden-württembergischen Klinik, dass Frauen aus arabischen Ländern und deren Ehemänner ihn als männliche Hebamme durchweg akzeptieren. Möglicherweise komme der Vertrauensvorschuss daher, dass man in deren Herkunftsländern Männern traditionellerweise mehr zutraue als Frauen. Und mancher Vater hält den muskulösen Hebammenschüler auch irrtümlicherweise für einen Gynäkologen. Solange es das Klima im Kreißsaal entspannt, klärt Wroblewski solche interkulturellen Missverständnisse nicht zwangsweise auf.
Die Stimmung gegenüber männlichen Hebammen wird wohl noch eine Weile so widersprüchlich bleiben, wie Konstantin Wroblewski sie beschreibt: „Großes Interesse an männlichem Zuwachs in der Branche – und zugleich riesige Berührungsängste.“ Doch die Neugier überwiege: „Ich werde oft über meinen ungewöhnlichen Beruf ausgefragt, insbesondere von männlichen Freunden. Die wollen genau wissen, was alles zu einer Geburt gehört.“ Das klingt nach künftigen Vätern, die ihre Rolle im Kreißsaal und Familienalltag aktiv wahrnehmen wollen. Männliche Hebammen könnten dabei wegweisend sein – wenn frau sie denn lässt. Susanna Rinne-Wolff appelliert an ihre Berufskolleginnen, eine gewisse Offenheit in die Kreißsäle und Geburtshäuser zu tragen: „Mit der Akzeptanz von Männern können wir Frauen zeigen, dass wir tolerant und lernfähig sind – im Umgang mit anderen Kulturen und mit dem anderen Geschlecht.“