Familie Neubauer aus Tübingen, bestehend aus Hans (45), Christiane (43), Johannes (11) und Vincent (8) mit Au-pair Mike (19) aus Detroit (USA): „Mein Mann und ich teilen uns die Kinderbetreuung. Ich kümmere mich tagsüber um die Söhne, denn meine Arbeit beginnt erst um 18 Uhr. Mein Mann ist Wissenschaftler an der Uni. Er ist abends und morgens vor der Schule für die Jungs da. Mike ist unser „Mädchen für alles“, er springt überall da ein, wo gerade Not am Mann ist. Das schätzen wir sehr.“ Foto: Leif Piechowski

Nur jedes zehnte Au-pair in Deutschland ist männlich, weil viele Gasteltern Jungen diesen Job nicht zutrauen.

Tübingen - Die Bedenken von Freunden und Verwandten waren groß, trotzdem hat Familie Neubauer aus Tübingen vor acht Jahren ihren ersten Au-pair-Jungen aufgenommen. Eine gute Entscheidung.

Zugegeben, auch wir waren überrascht, als eine Au-pair-Agentur uns vor acht Jahren neben fünf Mädchen auch einen männlichen Bewerber vorgeschlagen hat: Oleg, Deutschstudent aus der Ukraine. Nach Studium der Unterlagen war glasklar, dass der junge Mann seine Mitbewerberinnen nicht nur durch ­Offenheit und Enthusiasmus übertrumpfte. Olegs kleine Nichte lebte mit ihm und seinen vier Geschwistern in einer Großfamilie. Er hatte intensivere Erfahrungen im Umgang mit Kleinkindern als die Au-pair-Mädchen, die angaben, gelegentlich Babys zu sitten.

Dennoch stieß die Entscheidung, den damals 19-Jährigen zu uns einzuladen, nicht nur bei den Großeltern, sondern auch in unserem Freundeskreis auf Kopfschütteln. Jungs sind faul, sie haben von Haushalt keine ­Ahnung und schon gar kein Gefühl für die ­Bedürfnisse kleiner Kinder. Das waren nur ­einige der Klischees.

Oleg, seine Nachfolgerin Svetlana und vier weitere männliche Au-pairs im Alter zwischen 18 und 24 Jahren haben uns eins ­gelehrt: Junge Männer sind für den Job nicht unbedingt besser, aber auf jeden Fall auch nicht schlechter geeignet als Mädchen.

Diese Erfahrung hat auch Irmgard Steinhilper aus Reutlingen gemacht, die seit 15 Jahren Au-pairs an Gastfamilien in der Region vermittelt. „Ob das Betreuungsmodell Au-pair funktioniert, hängt nicht vom Geschlecht, sondern von der Konstellation der Gastfamilie sowie deren Erwartungen ab“, sagt Irmgard Steinhilper. „Eine Gastmutter, die vor allem Unterstützung in der Küche und im Haushalt braucht, ist in Regel mit einem Au-pair-Mädchen gut beraten. Paare, die Söhne haben, machen oft sehr gute Erfahrungen mit männlichen Au-pairs“, erklärt sie. Keine Regel ohne Ausnahmen: Steinhilper hat einmal eine Gastfamilie betreut, in der zwei pubertierende Töchter jedes Au-pair-Mädchen in die Flucht schlugen, mit einem Au-pair-Jungen dagegen hat es dann ganz ausgezeichnet geklappt.

Auch Rasenmähen, Bügeln und Staubsaugen übernimmt Mike stets klaglos

Unsere Söhne sind inzwischen acht und fast zwölf Jahre alt und fanden alle Au-pair-Jungs „total cool“. Mike, der zurzeit bei uns lebt, ganz besonders, denn er kommt aus Amerika und kennt sich mit allem aus, was angesagt ist: iPhone und Facebook, You Tube und „Star Wars“. Vor allem können die Jungs mit ihm all das tun, worauf sie sonst sehnsüchtig bis zu Papas Rückkehr am Abend warten müssen: rumbalgen und raufen zum Beispiel oder Fußball spielen. Mike klettert mit ihnen auf den höchsten Baum, lässt sich an den Marterpfahl fesseln und begleitet sie klaglos ins Kino, wenn Mutters Nerven schon bei dem Gedanken an den Radau bei „Ice Age“ zu vibrieren anfangen. Er setzt sich aber auch mit den Jungs auf den Fußboden und baut intergalaktische Raumschiffe aus Lego.

Ich bin dagegen vor allem dann selig, wenn Mike mit zum Einkaufen geht und ich die ­Mineralwasserkästen und Einkaufskörbe nicht mehr eigenhändig in den Kofferraum hieven muss. Und auch Rasenmähen, Bügeln und Staubsaugen übernimmt er stets klaglos.

Selbstständig, unkompliziert, belastbar – so würde ich meine Erfahrungen mit den ­Au-pair-Jungen zusammenfassen. Trotzdem sind von den gut 8000 Au-pairs, die in deutschen Familien leben, nur etwa fünf bis zehn Prozent männlich, sagt Cordula Walter-Bonhöfer, Pressesprecherin von Dr. Walter, einer der führenden Au-pair-Versicherungen in Deutschland. Immer wieder sind Au-pair-Agenturen gezwungen, männliche Bewerber aus ihrem „Angebot“ zu nehmen. Sie gelten als schwer vermittelbar. „Im vergangenen Jahr konnte nur für knapp jeden zweiten ­jun­gen Mann eine deutsche Gastfamilie gefunden werden“, sagt Cordula Walter- Bonhöfer.

Viele Gastfamilien haben Vorurteile – zu Unrecht

Auch Sabine Brodel von der Au-pair-Vermittlung Mittlerer Neckar muss in der Regel viel Überzeugungsarbeit leisten, bevor sie ein männliches Au-pair unterbringt. Viele Gastfamilien haben Vorurteile. Zu Unrecht, sagt Sabine Brodel: „Jungs machen sich vorher ­bewusst, auf was sie sich einlassen.“ Sie überlegten vor ihrer Bewerbung gründlich, ob sie bereit sind, im Haushalt mitzuhelfen und Kinder zu betreuen, und stünden auch dazu. Die Mädchen reisten dagegen oft mit einer anderen Einstellung an. „Viele von ihnen denken, dass sie das bisschen Haushalt und mit den Kindern spielen mit links erledigen“, sagt die Vermittlerin. Wenn es dann nicht ganz so locker läuft, ist die Frustration groß.

Mike ist als Ältester von sieben Halb­geschwistern aufgewachsen und weiß, dass einer, der zupackt, ohne zu murren, eine ­gestresste Mutter entlasten kann. Am Herd zunächst ein Greenhorn, zeigte er großes Interesse daran, kochen und backen zu lernen. Nach kurzer Eingewöhnungs- und Einarbeitungszeit konnte ich ihm guten Gewissens Haus, Haushalt und Kinderbetreuung ­stun­denweise überlassen. Dass er bei allen Arbeiten in Haus und Garten hilft, hat einen positiven Nebeneffekt: Die Söhne lernen, dass es nicht uncool ist, wenn Männer am Herd oder am Bügelbrett stehen. Für sie ist ­alles, was Mike macht, cool und nachahmenswert.

Auch die Unkenrufe in unserem Umfeld sind längst verstummt – spätestens seit unser erster Au-pair-Junge Oleg meinen Freundinnen einen selbst gebackenen Kuchen vorgesetzt, mit meiner Mutter über russische Literatur gefachsimpelt und meinem Schwiegervater beim Heckenschneiden geholfen hat.

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