Mastermind der Männermode: Umberto Angeloni Foto: dpa

Umberto Angeloni realisiert mit seiner Firma ein eigenwilliges Konzept für Maßanzüge.

Hamburg/Mailand - 16 Jahre lang hatte Umberto Angeloni das römische Traditionshaus Brioni geleitet. Zu seinen Kunden zählten Daniel Craig alias James Bond und der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. 2006 stieg Angeloni aus, um nun mit eigener Firma ein eigenwilliges Konzept für Maßanzüge zu realisieren.

Ausgerechnet beim Anzug Neuland zu betreten erscheint entweder naiv oder vermessen. Schließlich hat dieses Basisstück der männlichen Garderobe schon Jahrhunderte auf dem Buckel. Versuche, den Zweiteiler zu verändern, gab es immer wieder: Giorgio Armani etwa verzichtete bei der Jacke weitgehend aufs versteifende Innenleben und gab dem Anzug dadurch ein lässigeres Aussehen.

Das Grundmodell des Anzugs wird individualisiert

Nun hat sich Umberto Angeloni der Materie angenommen. Indem er, wie er es selbst formuliert, schlicht die Reset-Taste gedrückt hat und mit seiner neuen Firma Uman - abgeleitet von Angelonis Initialen und Assoziationen wie Humanismus beschwörend - ein vollkommen neues Konzept entwickelt. Das Label folgt keinen Trends, sondern zielt ungewöhnlich umfassend auf jeden einzelnen Kunden. Daher kann dem 58-Jährigen das Geschehen im Rahmen der laufenden Mailänder Herrenmodenschauen gleichgültig sein. Der Uman-Showroom in der Via del Gesò bleibt auch dann geöffnet, wenn die Modewoche vorbei ist.

Den Namen Umberto Angeloni dürfte jeder, der sich vertieft mit Männerkleidung beschäftigt, schon einmal gehört haben. Auch wenn der promovierte Wirtschaftswissenschaftler als Gentleman zu den dezenten Zeitgenossen zählt. Ab 1990 zeichnete er für den rasanten Aufstieg der Traditionsmarke Brioni verantwortlich. Dass Brioni-Modelle zum Rolls-Royce der Herrenanzüge wurden, ist ihm zu verdanken - mit den James-Bond-Darstellern Pierce Brosnan und Daniel Craig als Aushängeschildern und Ex-Kanzler Schröder als Fan.

Auch als der hochkultivierte gebürtige Römer 2006 aus der Firma ausgestiegen war, ließ ihn der Anzug nicht los. "Bei Brioni hatte ich ihn so interpretiert, dass er die Geschichte des Hauses fortführte", erzählt er. "Jetzt konnte ich ihn auf radikal neue Weise interpretieren." Angeloni tat das in einem Segment, in dem sich in den vergangenen Jahren Modemacher wie Tom Ford, Marken wie Zegna, Scabal oder Kiton erfolgreich etabliert haben: in der Maßkonfektion, einer Mischung aus klassischer Maßschneiderei und Konfektion. Die Preise liegen meist (nicht immer) niedriger als bei vollständig von Hand gearbeiteten Einzelanfertigungen, die Entwürfe wirken moderner, der Kunde kann das Endprodukt schon bei der Bestellung sehen. Danach wird er an festgelegten Körperstellen vermessen. Dem Ergebnis entsprechend wird das Grundmodell des Anzugs individualisiert.

"Er muss Männlichkeit und gleichzeitig Grazie ausstrahlen"

Angeloni konzipiert schon das Grundmodell neu, indem er sich nicht mehr von den klassischen Konfektionsgrößen leiten lässt. "Warum ist eine Größe 50 eine 50? Warum ist der nächste Schritt vier Zentimeter weiter?", hat er sich gefragt. Er sei darauf gestoßen, dass das System auf eine Massenvermessung für Armeeuniformen während des Zweiten Weltkriegs zurückgehe.

Angeloni nutzte nun das Know-how des US-Unternehmens Alvanon, das Hunderttausende von Menschen in den vergangenen Jahren gescannt und so jeden einzelnen Körperpunkt erfasst hat. In Deutschland gibt es mit Size Germany, einem Gemeinschaftsprojekt der Human Solutions GmbH und der Hohensteiner Institute, einen vergleichbaren Vorstoß zur Anpassung gängiger Größen an die aktuellen Gegebenheiten.

"Er muss Männlichkeit und gleichzeitig Grazie ausstrahlen"

Die Amerikaner erstellten für Uman den virtuellen Körper eines Europäers um die 40, sportlich, wohlhabend, aus London, Paris oder Mailand. Ermittelt wurde der Durchschnittstyp dieser Zielgruppe aus den Daten von 3000 gescannten Männern. "Ich nahm die Städte, in denen der Anzug fest verankert ist", kommentiert Angeloni seine Wahl. Der Lebensstil und damit auch die Körper von Männern westlicher Metropolen seien ähnlich. Mit den 40-Jährigen zielt er auch auf Männer, die zehn bis 15 Jahre älter oder jünger sind. Auf Grund der Daten wurde eine Art Homunculus kreiert, ein weicher, dreidimensionaler Modelltorso in Originalgröße. Auf dieser Silhouette werden die Anzüge modelliert und die verschiedenen Kleidergrößen entwickelt.

Heraus kommt ein Produkt, das erstaunlich lebendig erscheint, ohne allerdings von der Form des klassischen Anzugs allzu sehr abzuweichen. Die Starrheit der herkömmlichen Herrenschneiderei scheint aber überwunden. Angeloni hält seinen Anzug gegenüber einem klassisch maßgeschneiderten für überlegen, auch mit Blick aufs Preis-Leistungs-Verhältnis.

Auf die Frage, wie ein perfekter Anzug sein sollte, sagt der Experte: "Er muss Männlichkeit und gleichzeitig Grazie ausstrahlen. Er muss anmutig sein, nicht einengend oder übertrieben wirken. Und den Charakter des Mannes ausdrücken, der ihn trägt."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: