Rolf Conrad aus Schwäbisch Hall lebt lange in einer Beziehung, die ihn nicht mehr glücklich macht. Auf eine Selbstfindungsphase folgt die Trennung – und ein Happy End. Wie ist ihm das gelungen?
Von außen betrachtet sieht das Familienleben von Rolf Conrad die längste Zeit gut aus: Er hat zwei gesunde Töchter, die ihm viel bedeuten. Ein Haus. Einen Job, in dem er erfolgreich ist. Eine Ehe, die wunderbar zu sein scheint. Aber in Rolf Conrad, heute 58, sieht es damals – etwa um 2014, 2015 – anders aus. Es brodelt. So erzählt er es bei einem Gespräch in Schwäbisch Hall, seiner Heimatstadt.
Die Hochzeit mit seiner Frau liegt damals mehr als zehn Jahre zurück. Das Gefühl des „Wir gehören zusammen“, des ganz großen Glücks, wie sie es in der Anfangszeit erlebt haben, ist verflogen. Beide entwickeln sich weiter, aber wie zwei Linien, die am Anfang noch fast deckungsgleich sind, mit der Zeit jedoch immer größeren Abstand zueinander haben. Die Interessen sind unterschiedlich. Die Nähe fehlt ihm, die Sexualität. In den Gesprächen redet man aneinander vorbei, so Rolf Conrads Perspektive. „Irgendwann war mir klar: Ich erreiche meine Frau nicht mehr.“
Frauen stützen sich stärker als Männer
Nach einer im Vorjahr im Fachmagazin „Psychology and Age“ veröffentlichten Studie wirkt sich eine Trennung bei Männern und Frauen zwar in gleichem Maße negativ auf das Wohlbefinden aus. Gleichzeitig würden Frauen schon in jungen Jahren mit Freundinnen über ihre Gefühle reden und sich im Laufe des Lebens stärker stützen, sagte etwa der Psychologe Paul van Lange von der Universität Amsterdam. Bei Männern finde das weniger statt. Manchen falle es schwer, ihre Gefühle überhaupt wahrzunehmen, so der Männercoach Björn Süfke in einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung. Zumindest so lange, bis sie überkochen.
Eine Trennung sei gerade für erfolgreiche Männer, wie auch Rolf Conrad einer ist, oft besonders schwer zu verdauen, sagt Leonhard Fromm, Coach und Therapeut aus Schorndorf. Diese Männer seien gewohnt, alles in ihrem Leben hinzubekommen. „Die Trennung kriegen sie aber nicht geregelt. Dadurch bekommen sie ihre eigene Ohnmacht vor die Nase gesetzt“, sagt Fromm. Die Reaktion sei häufig Wut.
Er fragt sich: Müsste ich nicht eigentlich glücklich sein?
In Auseinandersetzungen mit seiner Frau spürt auch Rolf Conrad damals immer wieder eine Wut aus seinem Bauch in Richtung Brust hochziehen, er fühlt, wie sie seinen Körper erobert. Manchmal ist er kurz davor, Dinge zu sagen, die man nicht zurücknehmen kann. Für diese Situationen haben seine Frau und er ein Time-Out-Zeichen vereinbart. „Sonst hätte ich manche Dinge gesagt, die ich bereut hätte“, sagt Conrad. Eine Auszeit im Streit, um noch tiefere Verletzungen zu verhindern, welche die Familie hätten spalten können. Dazu setzt sich Rolf Conrad mit seinen Bedürfnissen in der Beziehung auseinander: Kann er ohne körperliche Nähe auskommen? Müsste er nicht glücklich sein, wenn die Kinder gesund sind und Geld da ist? Es dauert, bis sich Rolf Conrad eingestehen kann, was das mit ihm macht. Dass es für ihn keinen Sinn ergibt, seine Bedürfnisse zu verleugnen. Dass er in einer Beziehung lebt und sich gleichzeitig einsam fühlt.
Zusätzlich macht er Seminare: gewaltfreie Kommunikation, radikale Vergebung, solche Sachen. Und er besucht eine Männergruppe in Schwäbisch Hall. Dort erlernt er Wege, mit der Wut umzugehen.
Eine Runde, in der auch Platz für Wut ist
Leonhard Fromm leitet in Schwäbisch Hall diese Männergruppe, er hat mehrere, teils auch geschlechterübergreifende Gruppen an verschiedenen Orten. Wie geht er mit Männern um, die in einer Trennungsphase geladen, voll mit Emotionen, in seine Gruppe kommen? „Den Wütenden spiegele ich, dass sie jetzt lernen müssen, dass sie nicht alles im Leben managen und gestalten können“, sagt Fromm. Es gehe darum, zu lernen, Ohnmacht auszuhalten. Gleichzeitig plädiere er dafür, dass sich Männer das Scheitern auch erlauben. Fromm, selbst zwei Mal geschieden, sagt: „Wir waren ja keine schlechten Männer, aber wir waren für die Komplexität, die gegeben war, nicht gut genug. Wir hätten damals nichts anderes liefern können.“
Rolf Conrad sagt, es habe geholfen, die Wut auch mal rauszulassen. Auch einfach mal rauszubrüllen, was in einem tobt. Die Runden der Gruppe sind ein geschützter Rahmen, was dort passiert, bleibt auch dort. Für viele sei das eine Voraussetzung, um aus sich rausgehen zu können, sagt Conrad.
Jeder trägt ein bisschen Verantwortung
Leonhard Fromm sagt, dass es auch deswegen gut sei, für solche Situationen geschlechtergetrennte Räume zu haben. „Die Geschlechter brauchen geschützte Räume, wo sie ihr Leid und ihre Empörung teilen dürfen“, glaubt Fromm, das gelte umgekehrt genauso für Frauen. Und das dürfte gerne subjektiv gefärbt sein, weil Frauen und Männer die Situation anders wahrnehmen würden. Es gehe zu Beginn auch einfach mal darum, gehört zu werden, ohne sofort auf Widerspruch oder Kritik zu stoßen, sagt Fromm. Was, wenn das in starke Abwertung von Frauen ausufert?
Wenn zwei, drei Männer massiv über Frauen ablästern würden, dann würden andere meist anfangen, dagegen zu reden. „Und dann lasse ich das laufen“, sagt Fromm. „Oder ich schreite ein und sage: Du musst schon sehr von Frauen verletzt worden sein, wenn du so über sie sprichst.“ Das bringe viele zum Nachdenken. Er frage die Männer auch häufig, welchen Anteil sie an der Trennung bei sich selbst sehen. „Und wenn einem Mann nichts einfällt, dann ist sein Beitrag, nicht gesehen zu haben, woran es in der Beziehung fehlt“, sagt Fromm. Es gehe darum, die eigenen Anteile bei einer Trennung zu sehen, Verantwortung zu übernehmen, und damit klarzukommen, nicht alles geregelt zu kriegen. „Ich sage den Jungs immer: Das sind eure Wachstumschancen.“
Bei Männern würde eine zerbrochene Beziehung oft mit einem Gefühl des Versagens einhergehen, beobachtet Rolf Conrad. Männer würden deswegen oft viel Energie darin investieren, die Fassade einer Beziehung aufrecht zu erhalten, auch wenn diese gar nicht mehr zu retten sei, sagt er.
Conrad wählte einen anderen Weg. Er und seine Frau versuchen im Jahr 2021 eine Art Selbstfindung: Sie zieht mit den Kindern in eine eigene Wohnung, und sie schauen, was das mit ihnen macht. Schnell ist klar, dass sie nicht mehr zusammenkommen. Die Beziehung weiterzuführen, wäre eine Sackgasse gewesen, sagt Conrad. Sie seien sich einig gewesen, dass sie sich ohne Rosenkrieg und ohne großen Streit trennen wollen. Es habe zwar durchaus Diskussionen gegeben, es gab einige finanzielle Fragen zu klären, aber am Ende sagt Rolf Conrad: „Wir konnten uns auf Augenhöhe verabschieden. Das hat mir sehr viel bedeutet.“
„Ich hatte unglaublich viel Glück“
Heute ist Rolf Conrad wieder in einer Beziehung, er wirkt glücklich. Seine neue Partnerin, die er bald heiraten wird, wohnt mit ihrem Sohn bei ihm im Haus. Conrads Ex-Frau wohnt ein paar Hundert Meter weiter, die Töchter, beide in ihren 20ern, studieren und gehen ihre Wege. Seine neue Partnerin komme mit den Töchtern wunderbar aus, und mit der Ex-Frau sei sie vor Kurzem sogar für Erledigungen unterwegs gewesen. „Ich darf sagen: Ich hatte unglaublich viel Glück“, so Rolf Conrad.