Wiese statt Rasen: Gras und Unkraut sind so in die Höhe geschossen, dass Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen kaum noch sehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Immer weniger Menschen werden im Sarg bestattet. Das hat zur Folge, dass es mehr Grünflächen zwischen den einzelnen Gräbern gibt. Und die müssen gemäht werden. Damit geraten die Friedhofsgärtner derzeit nicht nur aus chronischem Personalmangel ins Hintertreffen. Auf dem Pragfriedhof sind auch alle Aufsitzmäher kaputt.

Stuttgart - Gras und Unkraut stehen 40 Zentimeter hoch. Viele Grünflächen auf dem Pragfriedhof sind nicht gemäht. „Das Grab meiner Eltern ist vor lauter Wildwuchs nicht mal mehr zu sehen“, klagt eine Angehörige. Deshalb denkt die 66-Jährige Stuttgarterin jetzt darüber nach, das Grab im kommenden Jahr aufzugeben. Denn dann, nach 30 Jahren, sind die Nutzungsrechte abgelaufen und müssten verlängert werden. Leicht würde der Frau dieser Schritt nicht fallen. „Mir ist es wichtig, einen Ort zu haben, an dem ich an die Eltern denken kann. Und ich selbst würde auch gern im Grab meiner Eltern bestattet werden. Ich habe sogar auf dem Grabstein Platz für meinen Namen gelassen“, sagt sie. Aber der Wildwuchs ärgert sie so sehr, dass sie nicht mehr auf den Friedhof gehen und schon gar nicht später einmal selbst dort liegen möchte.

300 Gräber pro Jahr verwahrlost

Nicht nur auf dem Pragfriedhof, sondern auf allen 41 Stuttgarter Friedhöfen sind große Grasflächen zwischen den einzelnen Gräbern ein Problem: Von insgesamt 162 870 Erdgräbern stehen 42 213 Gräber leer. Auf dem Pragfriedhof dürften es etwa 9000 von rund 26 000 Gräbern sein. Außerdem sind mittlerweile 70 Prozent von den rund 5000 Bestattungen pro Jahr Urnenbestattungen. Weil Urnengräber weniger Platz als Sarggräber brauchen und außerdem viele Angehörige die Laufzeit ihrer Familiengräber nicht mehr verlängern, haben die Rasen­flächen zugenommen. Und die müssen vor allem im Frühjahr häufig gemäht werden.

Trostlos sieht es auf den Friedhöfen aber nicht nur wegen des Wildwuchses aus. Auch viele Gräber sind verwahrlost: Rund 300 Angehörige schreiben die städtischen Friedhofsgärtner pro Jahr an, weil die Grabstätten vom Unkraut überwuchert sind. In vier Fällen wurden Gräber sogar eingezogen, weil die Angehörigen nicht auf das Schreiben reagierten. „In den meisten Fällen ist der Nutzungsberechtigte selbst verstorben oder lebt im Pflegeheim, und die Rechtsnachfolger haben nicht mehr an das Grab gedacht“, sagt Stefan Braun, stellvertretender Leiter der Abteilung Friedhöfe beim Garten-, Friedhofs- und Forstamt.

Für die Verwahrlosung der Gräber und dafür, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, sich über Jahre hinweg um die Grabpflege zu kümmern, können die Friedhofsgärtner nichts. Das weiß auch die 66-Jährige, die seit 30 Jahren das Grab ihrer Eltern besucht. „Aber regelmäßiges Mähen sollte doch drin sein. Denn immerhin bezahlen wir Nutzer sowohl das Wasser zum Gießen sowie die Pflege der Anlage über die Grabkosten“, stellt die Rentnerin fest und weist darauf hin, dass die Gebühren in Stuttgart nicht von Pappe sind.

Über Neuanschaffungen entscheidet der Gemeinderat

Stefan Braun kann den Ärger der Stuttgarterin über das vernachlässigte Grün gut verstehen – und führt zur Entschuldigung außer chronischen Personalmangel, Urlaub und hohem Krankenstand technische Pannen an: Auf dem Pragfriedhof sind ausgerechnet in der Wachstumszeit alle drei Aufsitzmäher kaputt gegangen. „Einer ist bereits seit zwei Wochen in Reparatur. Der andere fehlt seit 3,5 Wochen. Und der dritte war eine Woche lang zur Inspektion und hat direkt danach den Geist aufgegeben“, sagt Braun. Bevor die Maschinen streikten, haben sich die Friedhofsgärtner in Feuerbach und im Stuttgarter Osten auf den Friedhöfen in Berg, Gablenberg und Gaisburg die Aufsitzmäher ausgeliehen. Denn auch deren Mäher sind hinüber. „Damit, dass so viele Geräte gleichzeitig defekt sind, konnten wir wirklich nicht rechnen“, sagt Braun. Dass die Reparaturen so lange Dauern wie die der Rolltreppen der Stuttgarter S-Bahn-Stationen hat laut Braun ähnliche Gründe: Die hohen Lagerkosten für Ersatzteile würde die Anschaffung verteuern.

Sollen neue Geräte angeschafft werden, müssen die Kosten von rund 13 000 Euro pro Maschine vom Gemeinderat genehmigt und der Auftrag ausgeschrieben werden. Denn in dem Jahresbudget für die Friedhöfe von 18 Millionen Euro sind sie nicht drin. Im kommenden Doppelhaushalt soll das Geld beantragt werden. Und, sagt Braun, von Sommer an wachse das Gras auch nicht mehr so stark. Er verspricht auch: „Die Mäher müssten bald wieder funktionieren, und dann kriegen wir das in den Griff.“

Die Frau, deren Eltern seit 30 Jahren auf dem Pragfriedhof liegen, schüttelt den Kopf: „Alle Mäher kaputt? Das kann doch nicht wahr sein.“

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