Das Sommerferiencamp verläuft für Charlotte (ganz rechts) und die anderen Mädchen ganz anders, als erwartet. Foto: Eibner-Pressefoto/Sandy Dinkelacker

Der Theaterjugendclub der DAT-Kunstschule bringt den mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman „Mädchenmeute“ von Kirsten Fuchs auf die Bühne. Premiere ist am Freitag, 3. Mai.

Nein, auf diesen Trip hat Charlotte wirklich so gar keine Lust. Die schüchterne 15-Jährige soll mit sieben anderen Mädchen ins Sommerferiencamp gehen. Sehr schnell merkt die „Mädchenmeute“, dass hier nichts so ist, wie erwartet: Das Gepäck verschwindet und über Nacht werden alle eingeschlossen. Allmählich wird dem zusammengewürfelten Haufen die Sache unheimlich. Als die Campleiterin ein totes Tier findet und darüber völlig ausrastet, ergreifen die Mädchen panisch die Flucht. Sie steigen in einen Zug und fahren ins Erzgebirge, wo eine von ihnen einen alten Stollen kennt. Unterwegs befreien sie ein paar Hunde aus dem Transporter eines Tierfängers und schließen mit ihnen Freundschaft.

 

Viel mehr muss und sollte man gar nicht wissen über die neue Inszenierung der Böblinger DAT-Kunstschule (die Abkürzung steht für Dance, Art, Theater). Außer vielleicht, dass das Teenager-Ensemble des Theaterjugendclubs unter der Regie von Tobias Ballnus aus der Romanvorlage von Jugendbuchautorin Kirsten Fuchs eine moderne und temporeiche Inszenierung gemacht hat und diese mit großer Spielfreude auf die Bühne des Städtischen Feierraums bringt.

Im zwölfköpfigen Ensemble spielen nur drei Jungs

Diesen Eindruck vermittelt ein Probenbesuch an einem ungemütlichen Aprilabend, zwei Wochen vor dem Premierentermin am Freitag, 3. Mai. Drinnen im Feierraum spielt die junge Truppe die ersten Szenen aus der Geschichte, die der vor sechs Jahren vom Jungen Landestheater Tübingen (LTT) an die Böblinger DAT-Kunstschule gekommene Theaterpädagoge Tobias Ballnus eigens für diese Inszenierung adaptiert hat. Letztlich mache man so eine Tugend aus der Not, dass in dem zwölfköpfigen Ensemble derzeit nur drei Jungen mitwirken.

Anders als bei der an der DAT-Kunstschule häufig praktizierten Methode der Stückentwicklung hat das Ensemble hier also nicht selbst an einer eigenen Geschichte mitgesponnen, sondern eine Vorlage umgesetzt. „Aber natürlich konnten alle eigene Ideen einbringen“, sagt Ballnus. So sei beispielsweise zu Beginn des Stücks eine Szene mit ein paar finsteren Figuren entstanden, die es so im Buch nicht gibt.

Hauptdarstellerin fungiert auch als Erzählerin

Zu diesem relativ frühen Zeitpunkt vor der Premiere sitzt noch nicht jede Textzeile und gelegentlich verpasst bei dieser Probe jemand seinen Einsatz. „Achte auf die Musik, beim dritten Schlag musst du schon mit Sprechen anfangen“, sagt Ballnus an einer Stelle zu seiner Hauptdarstellerin, die hier zugleich als Erzählerin fungiert. Als Charlotte kommentiert Emilia Roik immer wieder das Geschehen auf der Bühne und führt so durch die rund zweistündige Handlung.

Das Publikum dürfte dafür gerade zu Beginn des Stücks recht dankbar sein, schließlich ist zunächst nicht immer ganz klar, was genau da mit den Mädchen geschieht. „Das ist aber auch so gedacht“, sagt der Regisseur. Schließlich erzählt diese jugendliche Robinsonade nicht nur von einer ersten Liebe, sondern bietet auch eine Krimihandlung mit einigen überraschenden Wendungen.

Trotz des reduzierten Bühnenbilds vermittelt der Feierraum eine dichte Atmosphäre. Dafür sorgt zum einen das ausdrucksstarke Spiel der jungen Mimen, die vor dem geistigen Auge den gedachten Wald um sie herum lebendig werden lassen. Zum anderen arbeitet das Bühnenteam mit dem klugen Einsatz von Musik und Toneffekten. Wie in einem Gruselfilm gibt es dabei auch ein paar gezielt platzierte Schreckmomente.

Trotz düsterer Anklänge ist dies kein Horrorstück

Trotz seiner düsteren Anklänge ist diese laut DAT-Kunstschule ab zwölf Jahren geeignete Inszenierung kein Horrorstück. Es geht sehr viel um Freundschaft und Freiheit. Auf ihrer Reise ins Erzgebirge müssen die Jugendlichen sich ihren Ängsten stellen, sie erleben aber auch, wie es ist, einmal ganz ohne die Kontrolle und den Einfluss der Eltern sein zu können – ein berauschendes Gefühl, an dem die vor jugendlicher Energie sprühende Truppe ihr Publikum nur allzu gerne teilhaben lässt.

Aus der Interaktion der unterschiedlichen Charaktere – darunter die rebellische Bea (Charlotte Rade) und die zickige Yvette (Karla Krstanović) – entsteht eine interessante Dynamik. Mit sichtbarem Spaß mimen andere Ensemblemitglieder die befreiten Hunde, die in der Geschichte noch sehr wichtig werden. Luka Martic darf sich zum Beispiel als Hund Zack austoben und spielt zugleich Jurek, in den Charlotte sich später verlieben wird. Gleich sechs Rollen übernimmt Vivien Deppenschmidt, die unter anderem als Campleiterin, Hund und Reporterin auf der Bühne steht.

Die Freundschaft, die sich auf der Bühne zwischen den Charakteren formt, ist übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als nur gespielt. Zum Theaterpädagogikansatz der DAT-Kunstschule gehört nämlich auch das gemeinsame Hineinfühlen in die jeweiligen Rollen. Und so war die Truppe im Februar selbst in einem Ferienlager in Seewald-Schernbach im Schwarzwald, um zum Beispiel bei einer „Schweige-Nachtwanderung“ ohne Taschenlampe ein Gespür zu bekommen, wie das so ist, nachts allein im dunklen Wald unterwegs zu sein.

Vom Jugendroman zum Theaterstück

Die Vorlage
 Mit „Mädchenmeute“ gewann die 1977 in Karl-Marx-Stadt geborene Autorin Kirsten Fuchs im Jahr 2016 den Jugendliteraturpreis. Der Jugendroman über eine plötzlich in der freien Natur auf sich allein gestellte Mädchengruppe verknüpft Coming-of-Age-Geschichte mit Krimimotiven und weckt Erinnerung an William Goldings Jugendbuchklassiker „Herr der Fliegen“.

Das Ensemble
 Der Theaterjugendclub der Böblinger DAT-Kunstschule ist ein Ensemble für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren. Leiter ist der Theaterpädagoge Tobias Ballnus.

Die Aufführungen
Premiere ist am Freitag, 3. Mai, um 20 Uhr im Städtischen Feierraum (Pestalozzistraße 9). Weitere Spieltermine sind am 4., 8., und 12. Mai sowie am 7., 8. und 9. Juni (die Anfangszeiten variieren). Karten sind über Reservix erhältlich.