Die D-Juniorinnen der Spvgg Stuttgart-Ost beim Training Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Nationalmannschaft der Frauen will in Frankreich den dritten WM-Titel erringen. Doch Frauen- und Mädchenfußball ist in Stuttgart alles andere als ein Selbstläufer.

Stuttgart - Den Werbesport mit dem provozierenden Spruch kennen sie alle: Lizzy, Paula und auch Annalena, die auf der Waldebene Ost gerade ihre letzte Trainingseinheit vor der Pfingstpause absolvieren. Kein Wunder, schließlich wurde der Videoclip der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen. „Wir haben keine Eier – wir, wir haben Pferdeschwänze“ – so lautet die Botschaft. Die ist bei den D-Juniorinnen der Sportvereinigung (Spvgg) Ost durchaus angekommen. Aber die Vorbilder der Mädchen sind dann doch eher männlich: Die Namen Jerome Boateng, Luca Modric, Marco Reus und auch Mario Gomez sprudeln aus den Zwölfjährigen heraus. Lina fällt dann immerhin noch Alexandra Popp ein, die Kapitänin der DFB-Elf. Die aktuelle Generation der Spielerinnen scheint in den Köpfen der Mädchen nicht wirklich verankert - Birgit Prinz, die 2011 ihre Karriere beendet, kannte damals nahezu jeder.

Auch das neue, fröhliche Trikot der Frauen-Nationalmannschaft trägt hier niemand – dafür ist der VfB Stuttgart und Real Madrid vertreten. Und wer sich in Stuttgart in den Sportgeschäften umschaut, muss Glück haben, wenn er überhaupt ein aktuelles Dress findet. „Die Frauen-WM ist bei den Mädchen im Moment noch kein Thema“, sagt Trainerin Lena Lindig, die auch in der Oberligamannschaft der Spvgg Ost spielt. Seit drei Jahren arbeitet die angehende Lehrerin als Trainerin. Paula weiß noch nicht, ob sie die WM-Spiele schauen wird – aber sie wird zumindest bei der Partie ihrer Cousine Luisa Koch live dabei sein, die bei den B-Juniorinnen von Bundesligist Turbine Potsdam spielt. Also keine Spur von Nervosität und auch kein Kribbeln vor dem WM-Start der DFB Frauen, die am vergangenen Samstag China mit 1:0 bezwungen haben. Viele Mädchen gucken eher selten Fußball. Warum ist das so? Es fehlt an weiblichen Vorbildern, und Frauenfußball spielt im Fernsehen und im Sponsoring kaum eine Rolle. Eine vollberufliche Karriere als Fußballerin ist in Deutschland bis heute kaum denkbar. Fußball bleibt ein Hobby, kein Berufstraum. Und die wenigen, die eine große Laufbahn anstreben, werden regelmäßig zu den Jungs geschickt, damit sie besser gefördert werden.

Kein großer Schub durch Titelgewinn erwartet

Von der Weltmeisterschaft in Frankreich erwartet sich Lena Lindig deshalb auch keinen großen Schub für den Mädchenfußball in ihrem Verein. Bei der Spvgg sind sie schon froh, bei den E, D,- und C-Juniorinnen die entsprechenden Teams stellen zu können. „Und wir arbeiten hart darauf hin, bald wieder eine B-Jugend bilden zu können“, sagt Lena Lindig. Die Spielerinnen der C-Jugend gehen dem Club nämlich oft verloren, weil der Sprung in die Frauenmannschaften, die in der Oberliga und in der Kreisliga vertreten sind, zu groß ist.

Der TSV Plattenhardt und der VfB Obertürkheim hingegen können alle Altersklassen von der F- bis zur B-Jugend abdecken. Dennoch sind auch in Obertürkheim die Zahlen eher rückläufig. „Bei den Jungs ist Fußball teilweise ein Selbstläufer. Bei den Mädchen müssen wir viel dafür arbeiten“, sagt VfB-Spielleiter Ralph Munz. Frauenfußball fordere viel Idealismus und Einsatz – auch von den Spielerinnen selbst. Dabei fehlt es den Nachwuchskickerinnen in Obertürkheim eigentlich nicht an Idolen - die erste Frauenmannschaft ist gerade in die Regionalliga aufgestiegen.

AOK Girlstreff ist ein Erfolgsmodell

Einen Boom durch die Frauen-WM erwartet auch Anja Micka, beim Bezirksjugendausschuss Stuttgart zuständig für Frauen-und Mädchen, nicht. Nicht einmal dann, wenn die Mannschaft von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg den Titel holen sollte. „Wir sind schon zufrieden, wenn unsere Zahlen konstant bleiben“, sagt Antja Micka. 13 Vereine bieten im Bezirk Stuttgart Frauen- und Mädchenfußball an mit insgesamt 39 Mannschaften – bei den Junioren sind es knapp 600 Teams, auch wenn die Zahlen auch da rückläufig sind. Der Württembergische Fußballverband (WFV) hat deshalb einige Lösungsansätze entwickelt, um mehr Mädchen für das runde Leder zu gewinnen. Zum einen findet einmal pro Jahr der Tag des Mädchenfußballs statt, zum anderen werden auch bei Schulaktionstagen neue Spielerinnen rekrutiert.

Richtig erfolgreich ist gerade ein anderes Projekt – beim AOK Girlstreff werden Fußballvereine, die noch keine Frauenabteilung haben, mit Material von der AOK und mit Trainern von WFV unterstützt, um mittelfristig einen eigenen Spielbetrieb aufzubauen. „Steinhaldenfeld und Uhlbach haben seitdem auch Mädchenmannschaften“, sagt Antje Micka. Das nächste Projekt startet in Untertürkheim.

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