Dynamisches Comeback: die Band Madrugada in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mal dunkel-romantisch, mal voll industrieartiger Härte: Die norwegische Band Madrugada hat bei ihrem Live-Comeback im LKA mit exzellentem Gitarrenrock begeistert.

Stuttgart - Was Cato Salsa Thomassen die letzten Jahre wohl so getrieben hat? Seit 2008 hat der Gitarrist mit seiner Band Madrugada nicht mehr auf der Bühne gestanden – da können die Finger schon mal etwas einrosten. Aber nichts dergleichen: Beim Konzert im LKA zeigt sich der Saitenmann aus Oslo als einer des spannendsten Vertreter seines Fachs, den die europäische Indierockszene zu bieten hat. Markig und scharfkantig ist sein Stil, umfasst aber auch butterweiche bis schillernd psychedelische Klänge. Dazu ein Bass im XXL-Format, ein üppig dimensioniertes Schlagzeug, gerne gläsern klare Tastensounds sowie der tiefe Bariton von Frontmann von Sivert Høyem – und fertig ist jener dunkelromantische Sound zwischen Independent-Rock und Post-Punk, mit dem Madrugada einst für Furore sorgte. Ein Fall für die Indie-Disco war man mit diesem Stil trotzdem kaum: zu weitläufig, zu wenig komprimiert waren die Kompositionen – Madrugada-Songs, düster, dräuend, dennoch nicht selten von industrialartiger Härte, eigneten sich eher zum Beschallen eines norwegischen Fjords oder einer Hafenanlage.

Ein Abend voller Intensität und Verve

„Industrial Silence“ hieß denn auch das Album, mit dem die Band 1999 glanzvoll debütierte. Es steht mit den Hymnen „Electric“, „Higher“ und „Terraplane“ als Highlights auch im Mittelpunkt des zweieinviertelstündigen Auftritts im LKA, der zunächst verhalten beginnt. Zäh wie Tannenhonig tropfen die Töne anfangs von Thomassens Gitarre, aber das Bild wandelt sich schnell. Bald wechseln splitternde Riffs mit Passagen, in den Thomassen Klänge so bizarr wie Walgesänge aus den Saiten fieselt und selbst nicht genau zu wissen scheint, was er in der nächste Sekunde eigentlich spielen will. Doch je länger der Abend, desto mehr steigert sich dieses Konzert zur eindrucksvollen Post-Punk-Sause. Dass Madrugada nach dem unerwarteten Tod ihres Gründungsgitarristen Robert Buras 2007 eine Dekade lang gar nicht existierten, dass Thomassen eigentlich Buras beerben sollte, aber nie richtig dazu kam: Das alles ist wie weggeblasen, so griffig und dynamisch agiert dieses Quintett bei seinem Bühnencomeback. Die Tendenz zum Drama, zur auch optisch großen Geste – Høyem schmeißt sich für wenige Minuten tatsächlich mal in ein Las-Vegas-taugliches Paillettenjacket, das selbst Elvis oder Engelbert Humperdinck alle Ehre gemacht hätte –, zügeln die Nordmänner dabei immer wieder mit einem uneitlen, konzentrierten Gruppensound, mit Lust an postpunkigem Furor und dicht geschichtetem Lärm der Premiumklasse. Nach viel „Industrial Silence“ sowie diversen Songs aus späteren Bandjahren: rauschender Applaus für einen Abend voller Intensität und Verve.

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