Vom Popsternchen zur Großkünstlerin: Madonna auf Konzerttournee Foto: Redferns

Sie spielt die Heilige und die Hure, ist Erlöserin und Zerstörerin, feiert ins Saus und Braus den Untergang des Abendlandes und erzählt in 23 Liedern die Weltgeschichte nach. Madonna ist am Sonntag in der ausverkauften SAP Arena in Mannheim aufgetreten.

Mannheim - In einem Käfig schwebt sie auf die Bühne. Wie ein wildes Tier wird diese Alleskönnerin, Popprovokateurin, Sexgöttin, diese Überfrau und unersättliche Diskursverschlingerin von als Kriegern verkleideten Tänzern bewacht. Als ob sich die großartigste Spaßverderberin auf dem Spielplatz der Männlichkeitsrituale, der sich Rock’n’Roll nennt, von ein paar Gittern, von ein paar Lanzen aufhalten ließe. Natürlich hat sie sich schnell befreit, wird zur Anführerin der Befreiungsarmee, die sich auf der Videoleinwand sammelt. „I want to start a revolution“, ruft Madonna, übertönt die dröhnenden Bässe des Songs „Iconic“, der ihr Konzert in Mannheim eröffnet.

Dabei hat sie die Revolution, die sie hier androht, längst schon angezettelt. „Madonna made me gay“, Madonna hat mich schwul gemacht, steht auf dem T-Shirt des jungen Manns aus Karlsruhe, den sie gegen Ende der Show auf die Bühne holen und kokett Schnitzel nennen wird. Seit den 1980ern bringt Madonna Louise Veronica Ciccone den Diskurs der Geschlechter durcheinander. Ihre Songs waren immer schon in smarten Pop verpackte Manifeste der Gender-Offenheit. Und wenn heute die bevorzugte Frauenrolle im Pop die der hochmütigen, aufmüpfigen Selbstdarstellerin ist und nicht mehr die der süße, harmlose Liedchen trällernden Zuckerpuppe, ist das der Frau zu verdanken, die als Teenager vor der amerikanischen Provinz nach New York City floh, um Superstar zu werden.

Madonna spielt immer noch das Böse-Mädchen-kommen-überall-hin-Spiel

Während Madonnas aggressive Überinszenierungen von Weiblichkeit und Sexualität damals und heute stets auch etwas Bedrohliches, Gefährliches, mitunter sogar kalkuliert Abstoßendes hatten, lässt sich oft nicht genau sagen, ob die offenherzig vorgeführte Wildheit vieler ihrer Nachahmerinnen tatsächlich etwas mit selbstverwirklichter Weiblichkeit zu tun hat oder ob nur die vom Management vorgegebenen Posen umgesetzt werden, die letztlich männliches Begehren bedienen.

Madonna ist dagegen auch mit 57 Jahren noch wild und gefährlich. Das Böse-Mädchen-kommen-überall-hin-Spiel macht ihr immer noch Spaß. Doch sie ist es inzwischen leid, das trotzige Girlie oder die Krawalltante zu spielen, die nur für kalkulierte Skandale gut ist. Sich als bizarre Männerfantasie zu inszenieren, überlässt sie jetzt lieber Miley Cyrus. Für die lasziven Momente der „Rebel Heart“-Show sind die Tänzern zuständig, die sich auch mal minutenlang beim Sexspiel auf der gekippten Bühne tummeln dürfen. Zwar spielt Madonna bei der Show, die mit großer Verspätung erst gegen 22.45 Uhr beginnt, gerne die Vorturnerin in diesem spektakulären Popzirkus. Immer wieder werden ihre Songs aber auch dank der grandiosen, sich ständig in Bewegung befindlichen Bühnentechnik zu empfindlichen Neo-Noir-Kammerspielen („HeartBreakCity“) oder zu Fifties-Revuen („Body Shop“). Und der Song „Material Girl“, dem die dumpf hämmernde Liveversion alles Niedlich-Neckische entrissen hat, spielt plötzlich zwischen den Goldenen Zwanzigern und dem Börsencrash, wird raffiniert zur tragikomischen Krisenmetapher umgedeutet.

Die Frau, die den Pop für immer verändert hat

Natürlich werden die Fans aber nicht ohne kunterbuntes Happy-End nach Hause geschickt. Es ist kurz vor ein Uhr nachts als Madonna und zwanzig Tänzer in Partyklamotten und Badeoutfits über die Bühne hüpfen, vergnügt herumtoben, sich wie Kinder auf die Ferien freuen, aufgeregt über den monströsen Laufsteg tollen, der ein Kruzifix nachbildet. „Holiday“ heißt der Song dazu.

Nachdem die gut zweistündige Show zuvor vom Himmel durch die Welt zur Hölle führte, klammert sich die einzige Zugabe des Abends noch einmal an die Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Unbefangenheit, die das Frühwerk Madonna auszeichnete. Im Jahr 1983 als Madonnas Debütalbum und die Single „Holiday“ erschienen, hielten sie viele zunächst für ein harmloses Popsternchen, das kurz grell erstrahlen darf, dann aber schnell verglimmen wird. 32 Jahre später ist Madonna eine Großkünstlerin, die einen Hit nach dem anderen gelandet, Moden erfunden und verworfen, Trends gesetzt und den Pop für immer verändert hat.

Madonnas Konzert gleicht einem furiosen Fantasystreifen

Beim Konzert in Mannheim bilden Songs wie „Like A Virgin“, „True Blue“, „Music“ oder „Bitch I’m Madonna“ nicht nur das Leben und Wirken Madonnas ab, sondern werden zum Soundtrack eines furiosen Fantasystreifen, der kreuz und quer durch die Weltgeschichte irrt. Es sind hochdramatische Popinszenierungen, die Madonna aufführt, die von Glaube, Liebe, Hoffnung und vom Sex handeln. Anfangs arbeitet sie sich vor allem an religiösen Symbolen ab, missbraucht zu „Holy Water“ auf der Bühne befestigte Kruzifixe für erotisch-akrobatische Poledance-Einlagen, stellt das Abendmahl nach und verwandelt es in eine Orgie, beichtet in „Devil Pray“ kokett ihr Sünden und fleht nur halbherzig um Vergebung.

Zwischendurch vertont sie den amerikanischen Traum und ihre eigene Biografie mit einem kruden Mix aus Dancebeats, Hip-Hop-Grooves, Popmelodien und Gitarrenriffs, verkleidet sich als Rockerin („Burning Up“), als Torera („Living For Love“), wird zur Protagonistin eines Bruce-Springsteen-Songs („Rebel Heart“) oder zu Edith Piaf. Sie singt dann wunderschön zur Ukulele „La vie en rose“ – und gleich darauf ihre Version von „Non, je ne regrette rien“, die bei Madonna „Unapologetic Bitch“ heißt – und die herrlich zuckt und dröhnt, während das mit tausenden Swarovski-Kristallen besetztes Abendkleid diese Superfrau des Pop einmal mehr grandios zum Glitzern bringen.

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