Emrah Güyüldar fühlt sich als „Stuttgarter Junge“ und verkauft auf der Messe Made in Stuggi Heimat-Shirts mit Totenkopf. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wein in der Bügelflasche, Stuttgart-Shirts mit Totenköpfen, Karten mit sehnsuchtsvoller Aufschrift: „Ach läge Stuttgart doch am Meer“ – die Messe Made in Stuggi feiert noch bis Sonntag in der Carl-Benz-Arena die Heimatliebe.

Stuttgart - Wer sagt heute noch Stuggi? Wahrscheinlich all die, die im „Ländle“ leben. Hört man sich bei den Ausstellern der dritten Messe Made in Stuggi um, was sie vom Spitznamen für Stuttgart halten, stößt man auf Augenrollen und auf noch härtere Gesten der Ablehnung. „Der Karlsruher würde niemals sagen, er lebt in Karlsi“, ist Oliver Maisch von der Firma Schmucke Gefährten sicher, die außer Ketten und Ringe bunte „Leuchtplaneten“ für innen und draußen in der Carl-Benz-Arena verkauft.

Das Wort Stuggi mag nur noch wenige Fans haben – die Messe mit diesem Namen aber ist ein Renner. 140 regionale Aussteller sind unter einem Dach im Neckarpark versammelt – doppelt so viele wie vor einem Jahr, als sich die Helden der Heimat noch in der Phoenixhalle im Römerkastell präsentierten. „Wir sind umgezogen, weil die Nachfrage nach Standplätzen so gewaltig war und wir eine größere Halle gebraucht haben“, sagt Projektleiterin Teresa Halm, deren Firma, na klar, auch „made in Stuttgart“ ist und mittlerweile fünf weitere regionale Messen etwa in Berlin und Hamburg vom schwäbischen Kessel aus organisiert.

Der Erfindergeist ist in der Stadt von Bosch und Daimler groß

In keiner anderen Stadt ist die Heimatmesse so groß wie in Stuttgart. Dies dürfte daran liegen, dass es hier besonders viele Startups gibt und dass der Erfindergeist in der Stadt von Bosch und Daimler auch heute noch stark ausgeprägt ist. Einer der Erfinder ist Alexander Mössner. Sein flüssiges Produkt heißt Louie, Louie, benannt nach dem gleichnamigen Song von Iggy Pop. Dabei handelt es sich um einen trockenen Weißwein in der Bügelflasche, die man mit dem Plopp sonst vom Bier kennt. Mit diesen Halbliterflaschen für sechs Euro will er vor allem „junge, hippe Großstädter“ ansprechen. Klassische Weinliebhaber dürften sich eher weniger dafür begeistern. Auf die Idee kam Mössner, als er im Supermarkt vor dem Weinregal stand. „Bei der riesigen Auswahl ist man überfordert“, sagt er, „Glück haben nur Weine, die auffallen und sich gut vermarkten.“ Weißweincuvée in der Bügelflasche fällt auf!

Gleich zur Eröffnung am Samstag war die Carl-Benz-Arena proppevoll. Das schöne Wetter und der Wasentrubel haben offensichtlich die Stuttgart-Fans nicht abgehalten, in einer Halle zu bummeln, die das Lebensgefühl der Stadt abbildet.

Ein Totenkopf mit der Aufschrift „Stuttgarter Junge“

Unter anderen stoßen sie auf Emrah Güyüldar, der zwar einen türkischen Namen und türkische Vorfahren hat, sich aber „ voll und ganz“ wie ein Stuttgarter Junge fühlt. Bei ihm gibt’s T-Shirt und Hoodies, auf denen Totenköpfe abgebildet sind. Darunter sind zwei Fernsehtürme über Kreuz zu sehen. Die Aufschrift lautet „Stuttgarter Junge“ oder „Stuttgarter Mädel“. Dass er Totenköpfe gewählt hat, habe nichts mit dem Tod zu tun, versichert er: „Wir alle bestehen aus Schädelknochen, und mit diesem Symbol will ich zeigen, dass alle Menschen gleich sind, auch alle Stuttgarter, ob sie nun deutscher oder türkischer Herkunft sind.“

Mit dem Tod befasst sich Rudolf Nawroth, dessen Stand auffällt. Einen Bestatter hätte man in einer Messe des Genusses, der Geschenkartikel, der sinnvollen und unnützen Produkte nicht vermutet. Särge zum Probeliegen hat er nicht aufgestellt. „Wir kümmern uns heute um das Leben“, sagt er. Die Messebesucher sollen auf Zettel schreiben, welche Lebenswünsche sie haben. Die Zettel, die aufgehängt werden, offenbare Sehnsüchte: Ein halbjähriger Segeltrip etwa, vor allem aber Gesundheit und Altwerden.

Auf dem Kehrwochenschild steht „I don’t kehr“

Neben Winzern, Gin-Herstellern, Schmuckverkäufern und Schuhproduzenten sieht man immer wieder Liebeserklärungen an Stuttgart auf Postkarten, Taschen oder Plakaten. „I like Maultasch“ ist zu lesen, aber auch der ironische Seufzer: „Ach läge Stuttgart doch am Meer“. Das Unnütze Stuttgartwissen bietet ein ungewöhnliches Kehrwochenschild an, auf dem steht: „I don’t kehr.“ Der Turnbeutel heißt hier Turmbeutel. Darauf ist der Stolz der Stadt abgebildet: der Fernsehturm. Bei Enkel Schulz gibt’s ein Set zum Backen von schwäbischen Brezeln.

In Zeiten der Globalisierung wächst der Wunsch, auf seine Wurzeln zu schauen. Die Heimatverbundenheit ist zugleich die Sehnsucht nach Freundschaft, Familie und Geborgenheit in einer hektischen Zeit.

Die Messe Made in Stuggi wird am Sonntag von 11 bis 18 Uhr in der Carl-Benz-Arena fortgesetzt.

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