An der Spitze der Demonstrationen in der Ukraine: Vitali Klitschko. Foto: dpa

Vitali Klitschko gilt als der kommende Mann in einer von Korruption geprägten politischen Szene in der Ukraine. Er führt die Opposition bei den Demonstrationen in Kiew unerschrocken an.

Vitali Klitschko gilt als der kommende Mann in einer von Korruption geprägten politischen Szene in der Ukraine. Er führt die Opposition bei den Demonstrationen in Kiew unerschrocken an.

Kiew - Ein Boxweltmeister, noch dazu im Schwergewicht, müsste einen kräftigen Händedruck haben. So denkt man sich das. Bei Vitali Klitschko ist es anders. Seine Begrüßung ist schüchtern, fast weich. Er nimmt sich zurück. Dieser zwei Meter große Koloss könnte mit Macht zupacken. Daran gibt es beim Blick in die dunklen Augen keinen Zweifel. Klitschko fixiert sein Gegenüber. Er hält jedem Blick Stand, ohne mit einer Wimper zu zucken. Die Hände sprechen eine andere Sprache: „Ich könnte dir wehtun, aber ich will nicht. Ich bin auf deiner Seite.“

Es ist kein Zufall, dass Sportreporter Klitschko den Beinamen „Dr. Eisenfaust“ gegeben haben. Er ist ein Doktor, ein Denker – und zugleich ein Kraftpaket. Genau darin liegen Chance und Risiko zugleich: für Klitschko, für sein Heimatland Ukraine und möglicherweise für ganz Osteuropa.

Klitschko ist ein Kämpfer mit Herz und Verstand. Die Gefahr dabei ist offensichtlich. Ein skrupelloser Schläger könnte ihn ausknocken, weil Klitschko im entscheidenden Augenblick zu viel denkt oder sich zu stark fühlt. Im Ring ist ihm das selten passiert. Klitschko versteht sein Handwerk. Umso mehr darf man in einen solchen Mann Hoffnung setzen, selbst in diesen nasskalten und finsteren Tagen der ukrainischen Revolution.

Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren in Kiew und vielen anderen Städten des Landes Zehntausende Menschen für eine Annäherung der Ukraine an die EU. Der ­autoritär regierende Präsident Viktor Janukowitsch hatte es nach einer spektakulären Kehrtwende abgelehnt, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Er setzt auf eine „Rückkehr nach Russland“. Ungerührt von den Protesten brach Janukowitsch in der vergangenen Woche zu einer mehrtägigen Reise nach China auf. Gleich im Anschluss sprach er in Moskau vor. Dort lockt und droht Kremlchef Wladimir Putin, der eine Westwendung der Ukraine um ­nahezu jeden Preis verhindern möchte.

Nicht alles gelingt

Die Stirn bieten können Putin und Janukowitsch vermutlich nur zwei Menschen: Julia Timoschenko und Vitali Klitschko. Timoschenko sitzt bekanntlich im Gefängnis. Doch selbst von dort kann sie noch den Aufmarsch der Janukowitsch-Gegner steuern. Über ihre Tochter Jewgenija ruft sie zum Kampf auf: „Ich bin mit ganzem Herzen bei euch auf den Plätzen, ich bin stolz auf euch und euren Freiheitskampf.“

Timoschenkos Wort hat Gewicht. Im politischen Ring handeln kann sie derzeit allerdings nicht. Agieren kann in den Reihen der Opposition vor allem Klitschko. Er tut viel dafür, die Reihen der Janukowitsch-Gegner zu schließen. Nicht alles gelingt. Vor wenigen Tagen stellte die Fraktion seiner proeuropäischen Partei Udar (Schlag) in der Rada, dem Parlament in Kiew, einen Misstrauensantrag gegen die Regierung des Janukowitsch-Vertrauten Mykola Asarow – und scheiterte. Es war eine klare Niederlage, die angesichts der Mehrheitsverhältnisse aber abzusehen war.

Damit verlagerte sich der Kampf wieder auf die Straße. Das ist der Ort, an dem ein Boxer seine volle Stärke zeigen kann. Nun ist es an Klitschko, einen Kampf zu bestehen, von dem er im persönlichen Gespräch sagt: „Es wird ein schmutziger Fight. Sie werden unter die Gürtellinie schlagen. Kein Fair Play.“ Das klingt realistisch und ein wenig ängstlich zugleich. Es ist eine ähnliche Botschaft, wie sie vom Handschlag des „Dr. Eisenfaust“ ausgeht. Kontrolliert.

Vielleicht kann ein guter Boxer nur so gewinnen. Was ihm droht, weiß Klitschko nur zu gut. Soeben hat die Janukowitsch-Mehrheit im Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Klitschkos Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2015 gefährden könnte. Zur Wahl antreten darf demnach nur, wer seit mindestens zehn Jahren in der Ukraine Steuern zahlt.

Der Weltstar Klitschko zahlt in Hamburg, wo sein Boxstall beheimatet ist. Im Augenblick sind das allerdings lediglich taktische Manöver. Wirksam werden sie nur, wenn Janukowitsch bis 2015 durchhält. In Brüssel, Paris, Washington und Berlin geht man davon aus. Der Boxer kämpft, notfalls allein.

Warum er das tut? „Ich will in einem demokratischen Land leben“, sagt Klitschko im Gespräch. „Wir sind ein europäisches Land – mit unserer Mentalität, unserer Geografie – und wollen der EU beitreten“, ruft Klitschko auf dem Platz den Demonstranten zu. Das Ringen um mehr Demokratie in der Ukraine nennt er seinen bisher „schwersten Kampf“. Man wünscht ihm, dass er im entscheidenden Augenblick zupackt.

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