Frank von Meißner – hier bei einer Trassenbegehung – wusste die Bürger mitzunehmen. Foto: Oliver von Schaewen

Frank von Meißner gilt als Motor des Millionenprojekts Stadtbahn Lucie im Kreis Ludwigsburg. Sein Ausscheiden wirft Fragen auf.

Die Stadtbahn Lucie gilt als großer Hoffnungsträger für den Öffentlichen Nahverkehr im Kreis Ludwigsburg. Das viele hundert Millionen Euro schwere Projekt verliert jedoch eines ihrer wesentlichen Gesichter. Frank von Meißner, kenntnisreicher und argumentationsstarker Geschäftsführer des Zweckverbands Stadtbahn Kreis Ludwigsburg, gibt seine Anstellung auf. „In gegenseitigem Einverständnis“, erklärt das Landratsamt Ludwigsburg schmallippig in einem Pressetext. Ein Insider lässt durchblicken, dass die Trennung von dem 49-Jährigen weit weniger freiwillig zustande kam, als es die offiziellen Statements nahelegen.

 

Das ist der geplante Streckenverlauf von Lucie. Foto: Yann Lange

Die Stadtbahn zwischen Bosch in Schwieberdingen, durch Ludwigsburg hindurch bis nach Pattonville und Aldingen wünschen sich viele Bürger im Landkreis Ludwigsburg. Das Projekt ist schon seit Jahrzehnten auf der Wunschliste und könnte die Straßen wirksam entlasten. Die Verkehrswende ist jedoch umstritten, zumal Bau und Betrieb der Stadtbahn einige unliebsame Veränderungen in Ludwigsburger Innenstadt mit sich bringen könnten. So sprach die FDP der Barockstadt im Mai von „hinausgeworfenem Geld“ und plädierte für autonom fahrende Busse durch die Stadt.

Den Machern im Zweckverband gelang es hingegen, durch Trassenbegehungen etwa in Markgröningen, Möglingen oder in der Ludwigsburger Innenstadt für eine gewisse Akzeptanz zu sorgen. Mitten drin im Geschehen: Frank von Meißner, der immer wieder besorgte Bürger von der Umweltverträglichkeit und der Nachhaltigkeit einer Stadtbahn zu überzeugen wusste. Oder aber, wie in Oßweil, auch mal dünnhäutig auf wuchtig vorgebrachte Bürgerproteste reagierte. Nun ist Schluss – und von Meißner selbst möchte sich nicht äußern, verweist auf die mit ihm abgestimmte Presseerklärung des Landrates Dietmar Allgaier, der auch als Vorsitzender des Zweckverbands Stadtbahn fungiert.

Der Landrat geizt nicht mit Wertschätzung für Frank von Meißner

Dietmar Allgaier geizt ebenso wie der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht nicht mit Wertschätzung. Von Meißner habe Lucie „mit zur Welt gebracht“ und „maßgeblich zu den Erfolgen beigetragen“, teilt der Landrat mit. Er habe aus persönlichen Gründen um eine Aufhebung des Vertrags gebeten. „Der Schritt erfolgt in freundschaftlicher und respektvoller Weise.“ Ein Insider, der im Hintergrund bleiben will, bewertet den Vorgang anders: Meißner sei mit knallharten Bandagen bekämpft worden.

Zu den Gegnern des Bahnexperten zählte offenbar ein Kollege aus dem Führungsteam. Er habe Anspruch auf eine Doppelspitze in der Geschäftsführung erhoben. Dies habe von Meißner abgelehnt, was zu Konflikten und zwei Mediationen geführt habe – die eine sei vom Landrat, die andere von Frank von Meißner selbst in die Wege geleitet worden. Offenbar glaubte von Meißner, er habe den Verwaltungsrat hinter sich und stellte die Vertrauensfrage, berichtet der gut in Kreistagskreisen vernetzte Informant. „Leider war das Ergebnis nicht in seinem Sinne.“

Wollte der Landrat den Verwaltungsrat umstimmen?

Der Verwaltungsrat ist das Kerngremium des Zweckverbandes. Dort werden wichtige Weichen gestellt. Neben dem Landrat, der den Anteil des Landkreises von 50 Prozent vertritt, sind dort die Vertreter der anderen Kommunen Ludwigsburg (25 Prozent) sowie Markgröningen, Möglingen, Remseck, Schwieberdingen und der Zweckverband Pattonville (zusammen 25 Prozent) vertreten. „Der Landrat hat versucht, die Vertreter umzustimmen“, berichtet der Informant. Dies sei ihm aber nicht gelungen.

Trassenbegehung in Möglingen im Oktober vorigen Jahres... Foto: Jürgen Bach

Zu befürchten sei jetzt, dass das ganze Projekt auf der Stelle tritt und stirbt, auch wenn der Zweckverband bemüht sei, Ersatz zu finden. „Der Markt für solche Experten ist leer – in der Szene sind alle entsetzt.“ Dass für Stadtbahnen viel Überzeugungsarbeit nötig ist, zeigen unter anderem die unterschiedlichen Bürgervoten vom 9. Juni zu Projekten in Nürnberg/Erlangen – dort gab es ein Ja – und in Regensburg, wo die Bevölkerung dagegen stimmte.

Geärgert hat den Whistleblower, dass Frank von Meißner in einem Medienbeitrag als „nicht teamfähig“ dargestellt wurde und als jemand, der sich durch die Geschäftsführung einer eigenen Firma im Herrenberger Homeoffice, überfordert habe. Von Meißner hatte von Anfang an in seiner 80-Prozent-Stelle eine Genehmigung zur Nebentätigkeit vertraglich vereinbart. Der Insider sieht im Votum des Verwaltungsrats ÖPNV-feindliche Kräfte aus den Verwaltungen der Anliegerkommunen am Werk, die der Stadtbahn Steine in den Weg legen wollten.

Einzelne Verwaltungschefs hüllen sich in Schweigen

Einzelne Verwaltungschefs wie der Remsecker Oberbürgermeister Dirk Schönberger wollten sich zum Abstimmungsverhalten des Verwaltungsrats ebenso wenig äußern wie der Landrat Dietmar Allgaier. Auch der namentlich bekannte Kollege von Meißners aus den Reihen des Zweckverbands lehnte eine Stellungnahme ab und verwies auf die Pressestelle des Landratsamtes.

Im Raum steht, dass der Mitarbeiter über gute persönliche Kontakte zu einem der Verwaltungschefs verfügte. Ob sich diese mutmaßliche Seilschaft mit einer Abneigung von Verantwortlichen gegen die Stadtbahn verquickte oder von Meißner zu beschäftigt war, um im Zweckverband zu bestehen, bleibt eine spannende Frage.

Ob Intrige oder nicht – Frank von Meißner wird künftig dem Zweckverband als externer Berater weiterhin zur Verfügung stehen, das jedenfalls teilt das Landratsamt mit.

Wie sieht der Zeitplan für Lucie aus?

Kosten und Nutzen
 Ob die Stadtbahn insgesamt kommt, entscheidet sich in der sogenannten Standardisierten Bewertung. Darin werden Kosten und Nutzen miteinander abgewogen. Der Zweckverband will die Vorarbeit dazu bis Anfang 2025 geleistet haben.

Erste Stufe
 Die erste Ausbaustufe ist die auf der alten Trasse von Markgröningen nach Ludwigsburg. Dafür sollen die Bauarbeiten im Jahr 2027 beginnen. Optimistische Schätzungen gehen von den ersten Zügen in den Jahren Ende 2028 oder aber erst 2029 aus. Zweite Stufe
 Etwa vier Jahre später könnten die Stadtbahn-Abschnitte vom Ludwigsburger Bahnhof in Richtung Pattonville und Oßweil sowie von Markgröningen bis nach Schwieberdingen in Betrieb gehen. Unklar ist, ob eine dritte Stufe bis ins Schlösslesfeld kommt.