Das fantastische Ma’alot Quintett hat im Weißen Saal des Neuen Schlosses Musik für Bläser aus zwei Jahrhunderten gespielt.
Der britische Komponist Julian Anderson hat einmal seinem Kollegen György Ligeti unterstellt, „ernsthaft Spaß zu haben, auf einem aristokratisch hohen Niveau“. Zumindest auf die „Sechs Bagatellen“ für Bläserquintett von Ligeti, der im Mai dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, trifft das zu.
Fetzige Ecksätze, melancholische Intermezzi, walzende und unbändige Scherzi wechseln sich ab und erzeugen Kontraste voller theatraler Energie. Und das bei einem äußerst knapp bemessenen Tonvorrat und schroffer Rhythmik. Für das fantastische Ma’alot Quintett, das jetzt in der Sonntagsmatinee der feinen Konzertreihe „Musikalische Akademie Stuttgart“ im Weißen Saal des Neuen Schlosses zu Gast war, bot das Werk die perfekte Gelegenheit, sein Riesenpotenzial an Klangfarben, Energien und Dramatik zur Schau zu stellen.
Instrumente geben sich mal heiter, mal neckend, mal aggressiv
Denn die kommunikative Energie, die in der Bläserquintett-Besetzung aus Querflöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott schlummert, ist enorm – dank ihrer jeweils sehr individuellen Klangfarben. Charakterliche Gegensätze lassen sich jederzeit gleichzeitig plastisch darstellen. Mit so grandiosen Solisten und Solistinnen wie Stephanie Winker (Flöte), Ulf-Guido Schäfer (Klarinette), Christian Wetzel (Oboe), Sybille Mahni (Horn) und Volker Tessmann (Fagott) gelingt dies präzise, klangschön und ungeheuer körperlich. Wie in einer großen, angeregten Gesprächsrunde äußern sich dann die Instrumente in Paul Hindemiths Kleiner Kammermusik für fünf Bläser mal heiter, übermütig, protzig, schwelgend, mal neckend, genervt, leidend oder aggressiv.
Gesangsstimmen vermisst hier niemand
Auch haben die Ma’alots mit Ulf-Guido Schäfer einen preisgekrönten Arrangeur an Bord. In seiner Harmoniemusik etwa nach Mozarts Oper „Così fan tutte“ dürfte wohl niemand in den voll besetzten Publikumsreihen ein Orchester oder Gesangsstimmen vermisst haben, so virtuos und ausdrucksvoll gestalteten sich die nun wortlosen Gesänge und so dramatisch die Duette.
Ein theatrales Potenzial, das auch dem Bläserquintett op. 10 von Pavel Haas zugutekam, das Lyrisches, Kontemplatives, Tänzerisches und Choralartiges verbindet. Haas, der 1944 in Auschwitz getötet wurde, gehört zu jenen vertriebenen, ermordeten und vergessenen Komponisten, denen die „Musikalische Akademie“ gedenken will.
Konzert der „Musikalischen Akademie Stuttgart“
Termin
Das nächste Konzert der „Musikalischen Akademie Stuttgart“ findet am 12. März im Weißen Saal des Neuen Schlosses statt mit Klavierquartetten und Duos von Gustav Mahler, Robert Schumann und Erwin Schulhoff. Es spielen Ingolf Turban (Violine), Jannis Rieke (Viola), Yves Savary (Cello) und Lukas Maria Kuen (Klavier).