Der Streit um mit Mängeln behaftete Luxuswohnungen am Stuttgarter Pragsattel eskaliert. Jetzt gibt es eine Anzeige gegen den Verkäufer wegen Insolvenzverschleppung. Der kündigt in einem Brief Besserung an.
„Wenn ich doch nur geahnt hätte, was da auf uns zukommt. Dann hätte ich die Finger davon gelassen“, sagt ein Mann, der eigentlich davon ausging, mit einer weitreichenden Entscheidung nichts falsch machen zu können. Er hat eine der knapp 70 teuren Wohnungen im Projekt Mayliving am Stuttgarter Pragsattel gekauft und dafür einen hohen Kredit aufgenommen. Welche Streitigkeiten sich um dieses einstmals als Luxusobjekt angekündigte Gebäude entwickeln würden, konnte wohl aber niemand vorhersehen.
Seit Jahren laufen inzwischen juristische Auseinandersetzungen zwischen diversen Käufern und dem Münchner Immobilienunternehmen Gieag, das die Wohnungen und den benachbarten Bürokomplex Mayoffice an der Maybachstraße errichtet und verkauft hat. Erwerber fühlen sich getäuscht, weil ihnen im Prospekt und bei Verkaufsgesprächen lichtdurchflutete Wohnungen mit Grünflächen vor dem Haus versprochen worden seien. Stattdessen steht inzwischen in nur elf Meter Entfernung ein Block mit 250 Wohnungen eines Nachbarprojekts, das das Mayliving überragt. Mittlerweile klagen drei Käufer vor dem Stuttgarter Landgericht und fordern sechsstellige Summen zurück. Zahlreiche weitere warten den Ausgang dieser Verfahren ab.
Doch das ist nicht das einzige Problem in dem Projekt zwischen Pragsattel und Höhenpark Killesberg. Es verzeichnet auch zum Teil deutliche zeitliche Verzögerungen und massive Mängel. Einzelne Wohnungen, die schon vor Jahren hätten übergeben sein sollen, sind immer noch nicht fertig. Die Mängelliste des Gesamtkomplexes umfasst beinahe tausend Punkte. Zudem jagt ein Wasserschaden den nächsten. Bewohner sprechen von mittlerweile 15 bis 20. Offenbar auch im Bürokomplex. Dessen Käufer, die Münchner Kingstone Real Estate, lässt eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Dort heißt es offiziell nur, man sei „als Investor von dem konkreten Bürostandort als auch der innovationsstarken Metropolregion Stuttgart überzeugt“.
Jetzt geht bei zahlreichen Wohnungskäufern eine neue Befürchtung um. Es kommen Gerüchte darüber auf, die entsprechende Projektgesellschaft der Gieag sei insolvent. Im Schreiben eines Rechtsanwalts, der mehrere Käufer vertritt, an das Unternehmen heißt es unter anderem: „Von mehreren Seiten wurde nun herangetragen, dass dieses Projekt kein Geld mehr habe. Auch würde von Mitarbeitern erklärt werden, dass das Projekt tiefrote Zahlen schreibe. Das wurde teilweise auch per Mail geäußert.“ Dafür spreche auch, „dass keinerlei Mängel mehr beseitigt werden und auch sonstige Verbindlichkeiten gegenüber der WEG nicht bezahlt werden. Mitarbeiter gehen nicht mehr ans Telefon.“ Das alles seien Anzeichen, dass der Projektgesellschaft Liquidität fehle. Inzwischen, so ist zu hören, gibt es sogar eine Anzeige gegen das Immobilienunternehmen wegen Insolvenzverschleppung.
Gieag unterbreitet schriftliche Vorschläge
Bei Gieag betont man, die Projektgesellschaft sei nicht insolvent. Vorstand Philipp Pferschy spricht von einem „von der Lage und der architektonischen Qualität her sehr guten Projekt“. Er räumt allerdings erhebliche Probleme bei der baulichen Ausführung ein: „Wir konzentrieren uns derzeit auf die Behebung verbleibender Mängel im Gemeinschafts- und Sondereigentum. Dies erfordert Investitionen im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich, die wie geplant fortgeführt werden. Insbesondere mussten auch Wasserschäden im Gesamtprojekt Mayliving und Mayoffice behoben werden.“ Diesbezüglich müsse sich die Gieag auch mit den beauftragten Nach- und Subunternehmern auseinandersetzen. Die Mängelbehebung werde Zeit in Anspruch nehmen. „Wir haben den Erwerbern bereits eine Lösung zur Beschleunigung des Abschlusses angeboten“, so Pferschy.
Projektentwicklungen in Deutschland, einschließlich des Projekts Mayliving, „navigieren durch herausfordernde Zeiten“, heißt es bei Gieag. Doch es zeichne sich für das Stuttgarter Projekt „vorsichtig Optimismus am Horizont ab“. Damit bezieht sich das Unternehmen wohl auch auf den genannten Vorschlag, den alle Käuferinnen und Käufer erhalten haben. In dem Schreiben entschuldigt man sich für Versäumnisse insbesondere in der Kommunikation und teilt mit, man habe einen unabhängigen Sachverständigen beauftragt. Das Erledigen von Restarbeiten und die Mängelbeseitigung stünden „an erster Stelle“. Es folgen mehrere Vorschläge zu einem möglichen weiteren Vorgehen.
Die Käufer sind misstrauisch
Ob sich die Käufer darauf einlassen, bleibt abzuwarten. Bei ihnen ist viel Vertrauen verspielt worden – und im Zuge der Insolvenzgerüchte hat sich der Unmut gegenüber Gieag noch vergrößert. „Denen kann man gar nichts mehr glauben“, fasst ein Betroffener die Stimmung bei vielen zusammen. Deshalb ist unklar, ob nach dem Gieag-Schreiben eine Einigung näher rückt.