Hier hätte eigentlich vor vier Jahren Einzug sein sollen – so manche Wohnung ist aber immer noch eine Großbaustelle. Foto: Archiv

Diverse Käufer teurer Wohnungen am Stuttgarter Pragsattel sind vor Gericht gegangen, weil sie sich vom Verkäufer getäuscht fühlen. Jetzt klagt die Eigentümergemeinschaft ebenfalls – wegen Hunderter Mängel.

Dezember 2020. Zu diesem Zeitpunkt hätte der Käufer zweier teurer Wohnungen am Stuttgarter Pragsattel eigentlich die Räume blitzblank übergeben bekommen sollen. Eine für sich und seine Familie, die andere zur Vermietung und Refinanzierung des Kaufpreises von fast 1,6 Millionen Euro. „Das ist jetzt über vier Jahre her – und besonders eine der beiden Wohnungen gleicht einer Ruine“, sagt der Mann fassungslos. Bewohnt sind beide nicht.

 

„Mayliving“, ein Wohnprojekt an der Maybachstraße, unweit des Höhenparks Killesberg und direkt hinter dem Theaterhaus, macht seit Jahren Schlagzeilen. Mehrere Käufer der knapp 70 Wohnungen sind inzwischen mit dem Verkäufer, der Münchner Gieag AG, vor dem Landgericht. Sie fühlen sich von dem Immobilienunternehmen getäuscht, weil ihnen einstmals luxuriöse, sonnendurchflutete Räume versprochen worden sein sollen, heute aber in nur elf Metern Entfernung ein großer Nachbarkomplex mit 250 Wohnungen direkt vor den Balkonen steht.

Die Verfahren ziehen sich. „Es ist bisher kein Ende absehbar“, sagt ein Rechtsanwalt, der mehrere Betroffene vertritt. Viele von ihnen haben sich für das vermeintlich sichere Investment massiv verschuldet. Und sie wollen einen Teil des Kaufpreises zurück. Bei jedem einzelnen geht es um sechsstellige Summen. Vor Gericht haben mehrere von ihnen geschildert, sie hätten die Immobilien niemals gekauft, wenn sie geahnt hätten, wie die Dinge sich entwickeln würden.

Doch das ist nicht das einzige Problem. Denn bei der Bauausführung hat es viele Mängel gegeben. Über 20 Wasserschäden in dem Gebäude sind die Folge gewesen. Manche Wohnung ist bis heute nicht fertig. Stellenweise muss offenbar der Estrich wieder entfernt werden. Das hat nun weitere Konsequenzen.

900 000 Euro allein fürs Gemeinschaftseigentum

Noch in den nächsten Tagen will deshalb die Eigentümergemeinschaft eine Klage gegen Gieag einreichen. Beschlossen worden ist das bei einer Versammlung der Wohnungskäufer bereits Ende Oktober. Geklagt wird auf Mängelbeseitigung und Fertigstellung. Aufgelistet werden mehrere Hundert Mängel, es geht um eine Summe von 900 000 Euro allein am Gemeinschaftseigentum – ohne die separaten Klagen der einzelnen Eigentümer für ihre jeweiligen Wohnungen. Viele der Mängel seien bereits bei einer Begehung vor zwei Jahren schriftlich festgehalten worden. Es passiere aber wenig bis nichts, heißt es vonseiten der Käufer. „Es gibt viele Versprechungen, aber es wird nichts sichtbar“, sagt einer.

Bei Gieag klingt das ganz anders. Dort weist man nach wie vor die Täuschungsvorwürfe zurück, räumt aber seit einiger Zeit die Probleme bei der Bauausführung ein. „Wir befinden uns nun auf der Zielgraden. Die verbleibenden Mängel im Gemeinschafts- und Sondereigentum werden bis zum Sommer behoben sein. Wir haben dann einen mittleren sechsstelligen Euro-Bereich investiert“, sagt ein Sprecher. Weitere oder neuerliche Schäden gebe es nicht.

Schickes Wohnprojekt, viel Ärger: „Mayliving“ (links) am Pragsattel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

„Von einer Klage der Eigentümergemeinschaft ist uns nichts bekannt“, heißt es bei Gieag weiter. Das mag einerseits nachvollziehbar sein, weil die Klage noch nicht eingereicht ist. Andererseits mutet die Aussage jedoch merkwürdig an, denn eine Gieag-Vertreterin ist bei der fraglichen Versammlung im Oktober laut Teilnehmern dabei gewesen. Das Immobilienunternehmen müsste also wissen, was auf es zukommt.

Zudem brodelt die Gerüchteküche. Von einer möglichen Insolvenz der Projektgesellschaft war bereits die Rede, was Gieag strikt zurückgewiesen hat. Auch um das Nachbargebäude gibt es Spekulationen. Der „Mayoffice“ genannte Bürokomplex ist zeitgleich mit dem „Mayliving“ ebenfalls von Gieag errichtet worden. Bereits 2021 war „Mayoffice“ für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an Kingstone Investment Management verkauft worden. Ein guter Teil der Flächen ist belegt, das zweite Obergeschoss scheint aber bereits seit Monaten zur Vermietung ausgeschrieben zu sein.

Keine Auskünfte zum Bürogebäude

Ob es dort ebenfalls Probleme mit der Bauausführung gibt, dazu hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. „Aus Vertraulichkeitsgründen gegenüber den Stakeholdern von Kingstone können wir uns zu diesen Fragen nicht äußern“, sagt ein Kingstone-Sprecher. Bei Gieag legt man auf Anfrage Wert auf die Feststellung, es gebe „keine juristische Auseinandersetzung mit Kingstone“.