Die Genfer Uhrmacherschule: Hier lernen Auszubildende das Handwerk, darunter immer öfter auch Frauen Foto: Genève Tourisme

Die Stadt am Genfer See ist die Weltmetropole der Luxusuhren. Eine Tour über sechs Stationen für Uhren-Liebhaber.

Vor Gianfranco Ritschel liegen 90 Uhren, die es in die aktuelle Endauswahl für den Grand Prix d’Horlogerie de Genève geschafft haben, den Großen Preis der Uhrmacherei, eine Art Oscar der Uhrenbranche. Einige der Uhren kosten mehr als eine Million Schweizer Franken. Aber hier, im Genfer Museum für Kunst und Geschichte, wo die Uhren vor dem Finale der Öffentlichkeit gezeigt werden, redet Ritschel nicht gerne über Geld, sondern lieber über das Uhrmacher-Handwerk. Der freundliche, gut gelaunte Mann ist selber gelernter Uhrmacher und heute Vordenker und Botschafter der Genfer Uhrenwelt.

 

Und seine Begeisterung ist ansteckend, etwa für ein Exemplar, das die Zeit von 24 Orten aus aller Welt gleichzeitig anzeigt – inklusive automatischer Umstellung auf die Sommerzeit. Die Frage, ob man das wirklich braucht, grenzt für Ritschel, man ahnt es, an Frevel. Entscheidend ist, dass es Uhrmacher gibt, die so etwas herstellen können. Und davon gibt es in Genf und Umgebung besonders viele. Haute Horlogerie nennen sie das – hohe Uhrmacherkunst.

Die „Récital 30“ der Marke Bovet, die umgerechnet 78 900 Euro kostet, hat am Ende tatsächlich einen der begehrten Oscars gewonnen, und zwar in der Kategorie Complication. Davon ist die Rede, wenn eine Uhr mehr kann, als mit ihren Zeigern Stunden, Minuten und Sekunden anzuzeigen.

Station 1: Der Mann, der Schmuck verbot

Nur ein paar hundert Meter vom Museum entfernt die erste Station unserer Uhren-Tour durch Genf: das Reformationsdenkmal , eine monumentale, aber nüchterne Skulpturenwand. Sie huldigt den Größen der Reformation wie Johannes Calvin (1509-1564). Der strenge Protestant, aus Frankreich nach Genf gekommen, verbot „Kreuze, Kelche und andere Instrumente, die dem Papsttum und der Abgötterei dienen“. Auch Schmuck war ihm ein Graus, weil er die Menschen vom Glauben an Gott ablenke.

Da dieselben Menschen aber pünktlich bei seinen Gottesdiensten erscheinen sollten, ließ Pfarrer Calvin in Genf öffentliche Uhren aufstellen. Uhrmacher und Juweliere taten sich in dieser Zeit zusammen und stellten Zeitmesser für den privaten Gebrauch her. Das immerhin war noch erlaubt. „In der Stunde unseres Todes“, meinte Calvin, „müssen wir Rechenschaft ablegen über jede Minute unserer Zeit.“ Eine Folge: Genf wurde über die Jahrhunderte zur Weltmetropole der Uhren, darunter viele Marken, die Reformator Calvin ob ihrer teuren Pracht mit Abscheu betrachtet hätte.

Die Schweiz exportierte zuletzt 15,3 Millionen Uhren im Jahr. Mengenmäßig macht das nur zwei Prozent der weltweiten Produktion aus. Aber: Bei Uhren, die mehr als 1000 Euro kosten, entfallen 90 Prozent des weltweiten Umsatzes auf Schweizer Uhren. Und die Herzkammer dieses Imperiums ist Genf.

Station 2: Die edelsten Uhren der Welt

Eine der edelsten Uhrenmarken überhaupt ist Patek Philippe, 1839 in Genf von einem polnischen Freiheitskämpfer gegründet. Seit 2001 präsentiert das Unternehmen seine Schätze in einem Museum in der Genfer Rue des Vieux-Grenadiers, der zweiten Station unserer Erkundung. Das Museum zählt jedes Jahr mehr als 100 000 Besucher aus aller Welt. Auch wenn die meisten Uhrmacher evangelisch waren und nach streng reformatorischer Auffassung man nur Dinge besitzen soll und sollte, die nützlich sind – die Führerin durch die prächtige Sammlung stellt gleich mal klar: „Uhren waren von Anfang an was zum Angeben!“ Gezeigt werden nicht nur Uhren aus eigener Produktion, sondern auch Zeitmesser aller Spielarten, die lange vor der Gründung des Unternehmens entstanden.

Schon 1657 entwickelte das niederländische Universalgenie Christian Huygens die erste minutengenaue Uhr für den allgemeinen Gebrauch. Sie markiert für viele den Übergang in die moderne kapitalistische Welt: Zeit ist Geld.

Station 3: Cédric Johner – alles handgemacht

Das gilt auch für Cédric Johner, auch wenn sein 42 Quadratmeter großes Atelier im Genfer Vorort Carouge aus der Zeit gefallen scheint. Es ist die dritte Station unserer Tour. Johner ist ein vorindustrieller Einzelkämpfer, mit nur einer Handvoll Angestellter. „Ich mache alles selbst“, sagt Johner, der mit 15 eine Lehre als Goldschmied bei Chopard und später die Schule der Uhrmacher in Genf absolviert hat, „Uhrwerk, Gehäuse, Zifferblatt.“ Und zwar ohne computergesteuerte Fräsen und ähnliche Hilfen. Das Basismodell aus seiner Kollektion ist für umgerechnet gut 19 000 Euro zu haben, seine teuerste Uhr verkaufte er für 450 000 Euro an einen Kunden aus Thailand. Pro Jahr produziert Johner im Durchschnitt zwölf Uhren. Zum Vergleich: bei Rolex sind es 1,2 Millionen, bei Patek Philippe immerhin noch 70 000 Uhren.

Station 4: Im Wohnzimmer eines Uhrenfreundes

Johner ist aber nicht alleine klein: Neben den populären Supermarken gibt es viele unabhängige Manufakturen, die auf dem Markt mitmischen. Auch sie will Genf sichtbar machen – mit dem 2024 gegründeten Verbund Watchmakers United. Station vier unserer Tour durch Genf. „Viele Uhren-Liebhaber kamen nach Genf und waren enttäuscht, hier die gleichen Läden zu finden wie daheim in London oder München“, sagt Vincent Vuillaume, der Direktor von Watchmakers United.

„Wir wollen nicht nur Boutique sein, sondern ein Marktplatz, wo man auch mal mit den Uhrmachern ins Gespräch kommen kann.“

Vincent Vuillaume, Verbund der unabhängigen Uhrmacher

Der Laden, der sich als „Wohnzimmer eines Uhrenfreundes“ (Vuillaume) liest, vertritt nun etwa 40 Uhrmacherbetriebe mit originellen Modellen, meist aus der Genfer Gegend, aber auch Hersteller aus England, Italien oder Deutschland. Die Preise reichen von 1000 bis 250 000 Euro. „Wir wollen nicht nur Boutique sein, sondern ein Marktplatz, wo man auch mal mit den Uhrmachern ins Gespräch kommen kann“, sagt Vuillaume.

Die Fontäne im Seebecken von Genf: auch der Uhrmacherei zu verdanken. Foto: Genève Tourisme/Jean Jacques Steiner

Station 5: Mit 200 km/h mal richtig Druck ablassen

Wenn man aus dem Laden tritt und die paar Schritte zum See hinunterläuft, sieht man rechts das meist fotografierte Wahrzeichen von Genf: den Jet d’Eau, unsere fünfte und letzte Station in der Stadt. Der Brunnen pumpt pro Sekunde 500 Liter Wasser aus dem See, das mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h in 140 Meter Höhe schießt. Die Fontäne verdankt ihre Existenz dem Uhrenhandwerk der Stadt: Sie diente ursprünglich als Überdruckventil, regulierte die Versorgung der Genfer Uhrmacher mit Wasserkraft aus der Rhone. Als sie nicht mehr gebraucht wurde, wurde die Anlage 1891 ins Seebecken versetzt und 1951 technisch aufgerüstet.

Station 6: Ausflug ins Jura – aus Bauern werden Uhrmacher

Unsere sechste Station liegt etwa eine Autostunde entfernt von Genf: das Vallée de Joux, ein abgeschlossenes Hochtal im Schweizer Jura, in 1000 Metern Höhe, ohne das die Genfer Uhrenhersteller nicht das wären, was sie heute sind.

Sie fühlen sich hier wie im Silicon Valley der Uhrmacherei. Erst rein landwirtschaftlich geprägt, entwickelte die Bevölkerung ordentliche Talente in der Metallverarbeitung. „Um 1730 kehrte der erste Bauer ins Tal zurück, nachdem er in Genf eine Uhrmacherlehre absolviert hatte“, erzählt Veronique Walther, „es war der Beginn der Uhrenfertigung im Vallée.“

Walther führt Besucher durch das Uhrenmuseum in Le Sentier, einen der beiden Hauptorte des Tals. „Anfangs fertigten sie hier nur die Uhrwerke und lieferten sie den Uhrmachern in Genf. Für teure Gehäuse aus Gold und Silber hatten die Leute im Tal kein Geld.“ Aber prima Uhrwerke bauen konnten sie wohl. Und das zahlte sich aus. Heute haben Top-Marken ihren Sitz im Tal. Audemars Piguet in Le Brassus, Jaeger-LeCoultre in Le Sentier. Das einst arme Tal hat 8000 Einwohner, wie Veronique Walther stolz vorrechnet, „aber mehr als 8000 Arbeitsplätze“. Den Uhrmachern sei es gedankt: Zeit macht Geld.

Uhrenstadt Genf und das Vallée de Joux

Anreise
 Mit der Bahn muss man von Stuttgart aus mindestens einmal umsteigen und braucht etwa sechs Stunden. Mit dem Auto sind es gut 450 Kilometer. Direktflüge ab Stuttgart gibt es nicht.

Unterkunft
 Das Vier-Sterne-Superior Hotel N’vY, liegt in einer Genfer Wohngegend, 200 Meter vom Seeufer entfernt, das Zentrum ist zu Fuß oder mit der Straßenbahn schnell zu erreichen. Zeitgemäßer urbaner Schick ab circa 150 Euro im Doppelzimmer – mit Geneva Transport Card: Die Benutzung von Bus und Bahn ist kostenlos.Das Hotel des Horlogers (Hotel der Uhrmacher) im Vallée-de-Joux-Örtchen Le Brassus gehört zum Luxusuhren-Hersteller Audemars Piguet, der gleich nebenan mit Museum und Firmensitz präsent ist. Moderne Architektur, eingebettet in die Natur, und Küche vom Feinsten. Doppelzimmer ab 395 Euro.

Essen
Das traditionsreiche Restaurant Les Armures liegt in der sehenswerten, oft unterschätzten Altstadt von Genf und punktet mit heimischen Spezialitäten wie Fondue, Raclette und Schweizer Wurst, Rue du Puits-Saint-Pierre 1. Das F.P. Journe Le Restaurant in der Nähe des Seeufers kommt als schickes Bistro daher und wurde für seine moderne französische Küche mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, Rue du Rhone 49.

Unternehmungen
Viele Uhrenhersteller bieten Führungen durch ihre Ateliers an, einige aber nur für geschlossene Gruppen. Fast immer ist vorher eine Terminvereinbarung nötig, die meist über die jeweilige Homepage erfolgen kann, zum Beispiel bei Audemars Piguet in Brassus im Vallée de Joux. Einen interessanten Einblick in die Produktion bietet auch Franck Muller Watchland. Mittelpunkt des schön gelegenen Firmensitzes (mit Blick auf den Genfer See und den Montblanc) im Genfer Vorort Genthod ist ein fein restauriertes Herrenhaus von 1905. Das Museum Patek Philippe, 2001 gegründet, ist im Genfer Stadtteil Plainpalais in einem alten Industriegebäude untergebracht. Es zeigt eine der weltweit größten und wichtigsten Sammlungen von Uhren seit dem 16. Jahrhundert.Die Geschichte der Uhrenproduktion im Vallée de Joux lässt sich gut im Espace Horloger in Le Sentier erkunden. Das Museum befindet sich in der ehemaligen Zenith-Manufaktur und präsentiert nicht nur Uhren, sondern auch Werkzeuge, Fotos, Dokumente, die einen Einblick in die Entwicklung der örtlichen Uhrenherstellung geben.

Messe
Die Uhren- und Schmuckmesse Watches & Wonders findet vom 14. bis 20. April 2026 in Genf statt (mit großem Rahmenprogramm in der Innenstadt) und gilt als wichtigste Veranstaltung ihrer Art. Die ersten vier Tage sind fürs Fachpublikum reserviert. Ab 18. April offen für alle. Allgemeine Informationen
gibt es unter www.geneve.com .Hier lassen sich auch Stadtführungen speziell zum Thema Uhren buchen.