Um wohl kein anderes Immobilienprojekt in Stuttgart gibt es derzeit soviel Streit, Prozesse und Gerüchte wie um den Luxus-Komplex Mayliving am Killesbergpark. Ein Betroffener zeigt seine Wohnung.
. „Hier wird seit zwei Jahren repariert“, sagt Özcan Öztürk. Schaut man sich die Wohnung an, in der er steht, lässt sich das kaum glauben. Alles sieht nach Rohbauzustand aus. An manchen Stellen ist der Estrich geöffnet, die Fußbodenheizung angebohrt und wieder zusammengeflickt. Viele Wände sind offen. „Nach einem Wasserschaden war alles verschimmelt, die Sanierung ist nicht richtig ausgeführt worden. Jetzt ist schon die zweite Firma damit beschäftigt“, sagt Öztürk.
Die Wohnung im teuren Immobilienobjekt Mayliving an der Maybachstraße unweit des Stuttgarter Pragsattels hätte laut Vertrag Ende 2020 übergeben sein sollen. Es gab massive Verzögerungen – und als die Räume dann vermietet waren, kam das Wasser. Nur sechs Monate lang war die Wohnung letztlich bewohnt. Die zweite Einheit, die Öztürk in dem Komplex gekauft hat, wurde wegen Mängeln bis heute gar nicht bezogen. „Ich zahle jeden Monat mehrere Tausend Euro für Kredite, Nebenkosten und Rechtsanwaltskosten“, so der Käufer. Doch es gehe nicht voran.
Er ist nicht der einzige, der Probleme hat. Mehrere Erwerber stehen mittlerweile mit dem Immobilienunternehmen, das den Neubau mit 67 Wohnungen errichtet hat, vor dem Stuttgarter Landgericht, weitere warten den Ausgang der Prozesse ab oder verhandeln noch außergerichtlich. Es geht einerseits um massive Mängel. 971 davon listet ein Gutachter im Auftrag der Käufer auf. Rund 20 Wasserschäden hat es inzwischen gegeben.
Zudem wird prozessiert, weil sich diverse Käufer von der Münchner Gieag Immobilien AG getäuscht fühlen. In Prospekten und Gesprächen sei vor Baubeginn von lichtdurchfluteten Räumen die Rede gewesen. Heute steht ein höheres Nachbarprojekt mit 250 Wohnungen in nur elf Metern Abstand. Der Innenhof, der als „Oase der Ruhe“ beworben worden war, wird heute von einer Kita genutzt. Die Fläche ist eingezäunt. „Unsere eigenen Kinder können dort nicht spielen“, sagt ein anderer Käufer, „wir wurden belogen.“ Bei den Klagen geht es jeweils um sechsstellige Beträge, die die Käufer zurückhaben wollen.
Ein Vorstand geht von Bord
Die angebliche Täuschung, was das Nachbarprojekt betrifft, weist man bei Gieag von Anfang an zurück. Bei den Mängeln zeigt man sich allerdings seit einiger Zeit schuldbewusst. Vorstand Philipp Pferschy sprach noch im April von einem „von der Lage und der architektonischen Qualität her sehr guten Projekt“, räumte allerdings erhebliche Probleme bei der baulichen Ausführung ein. Man konzentriere sich „auf die Behebung verbleibender Mängel im Gemeinschafts- und Sondereigentum“. Dazu zählten auch diverse Wasserschäden. Dabei müsse man sich „auch mit den beauftragten Nach- und Subunternehmern auseinandersetzen“. Die Mängelbehebung werde Zeit in Anspruch nehmen. In einem Brief an die Käufer entschuldigte sich das Unternehmen für die Probleme und schlug verschiedene Lösungsmöglichkeiten vor.
Nun verhält es sich allerdings so, dass Pferschy inzwischen gar nicht mehr Vorstand der Gieag AG ist. Der Sohn des Firmengründers habe nach zwölf Jahren kurzfristig zum 31. Juli „um die vorzeitige Beendigung seines Vorstandsmandats gebeten“, teilte die Immobilien AG am 26. Juli mit. Er bleibe aber weiterhin „bedeutender Aktionär“. Wichtige Projektentwicklungen würden „durch das verbleibende Vorstandsmitglied Benjamin Johansson verantwortet“.
Reparaturen sollen noch acht Monate dauern
Diese Nachricht lässt die Unruhe unter den Mayliving-Käufern wachsen. Einer von ihnen hat bereits Anzeige wegen Insolvenzverschleppung erstattet. Es wird befürchtet, dass die Betroffenen am Ende mit leeren Händen dastehen und die notwendigen Arbeiten womöglich gar nicht mehr ausgeführt werden könnten.
Dem widerspricht Gieag allerdings entschieden. Philipp Pferschy sei aus privaten Gründen von seinem Vorstandsposten zurückgetreten, sagt ein Sprecher. „Dies hat keinerlei Auswirkungen auf das Mayliving. Benjamin Johansson, ebenfalls Vorstand bei der Gieag, ist mit dem Projekt vertraut und stellt Kontinuität für die Gieag her.“ Die verbleibenden Mängel im Gemeinschafts- und Sondereigentum würden „in den nächsten sieben bis acht Monaten behoben“. Man gehe von dafür notwendigen Investitionen im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich aus. Es habe zuletzt auch keine neuerlichen Wasserschäden im Mayliving und dem benachbarten Bürokomplex Mayoffice mehr gegeben.
Lange Gerichtsverfahren
Ein schwacher Trost für die Leute, die sich dort für viel Geld Wohnungen gekauft und häufig dafür hohe Kredite aufgenommen haben. Und auch die Gerichtsverfahren am Landgericht ziehen sich. Bei Öztürk hat es nun schon den zweiten Richterwechsel gegeben. „Allein die Anwaltskosten gehen bei manchen inzwischen in die Zehntausende“, sagt er.